Politik 08.12.2011

Blick über den Kraterrand

© Bild: REUTERS

Weltall: Die großen Raumfahrer-Nationen wollen eigentlich zum Mars. Ihr Trainingsgelände liegt aber fast ums Eck – auf dem Mond.

Die Astronomen haben in den vergangenen 20 Jahren ganze Arbeit geleistet. 700 Exoplaneten, das sind Planeten außerhalb unseres Sonnensystems, wurden neu beschrieben. Das Weltraumteleskop „Kepler“ hat erst vor wenigen Tagen den ersten erdähnlichen Planeten entdeckt, in der bewohnbaren Zone eines Sonnensystems. Eine Sensation.

"Diese Entdeckung zeigt, dass wir in einem Universum leben, das vor Leben wimmelt", meinte ein Forscher euphorisch. Auf Kepler-22b hat es demnach milde 22 Grad Celsius. Wasser, falls vorhanden, wäre flüssig.

Nun ja, Kepler-22b ist 600 Lichtjahre von der Erde entfernt. Eine Landung, oder auch nur eine Mission dorthin, ist derzeit illusorisch. Die Weltraumnationen wie USA oder Russland konzentrieren sich folglich eher auf das Naheliegende, den Mond.

Die Erklärung: Staaten wie Indien sind technologisch – noch – nicht in der Lage, weiter entfernte Ziele anzusteuern; im Fall des chinesischen Weltraumprogramms gibt es zwar gewaltige Fortschritte, die aber erst im kommenden Jahrzehnt in einer Mars-Mission münden sollten. Europa spielt wegen finanzieller Engpässe derzeit nur begrenzt in der Weltraum-Oberliga mit.

Andererseits gibt es in der Mond-Forschung bedeutende Fortschritte. Noch nie gab es so präzise Bilder von der Oberfläche. Diese zeigen, dass der Mond schrumpft, und wegen der Aufnahmen mit einer Auflösung von 50 Zentimetern, die von der Mondsonde Lunar Reconnaissance Orbiter (LRO) geliefert werden, können die Astronomen sogar Bodenlöcher, Eingänge in ausgedehnte Tunnelsysteme, erkennen. Fünf neue Aspekte rund um den Erdtrabanten, erklärt Wolfgang Baumjohann, Direktor des Instituts für Weltraumforschung der Akademie der Wissenschaften.

 

Trainingscamp

Die geplante US-Raumkapsel Orion ist für einen Flug zum Mars ausgelegt. Der Mond selbst ist zwar als Forschungsobjekt eher uninteressant, aber das naheliegende Ziel, um die moderne Technik in der Praxis zu erproben. Man weiß durch die Apollo-Missionen (1969–1972), die sieben Zentner Mondgestein zurück zur Erde brachten, viel über die Geologie des Mondes. Der Mond ist als Übungsplatz für neue Projekte insoferne wichtig, als sich gewisse Probleme durchspielen lassen – etwa die Wechselwirkung des elektrostatisch leicht aufladbaren Mondstaubes mit den hochempfindlichen technischen Geräten.

Landeplätze

Wenn die NASA oder eine andere Weltraumbehörde eines Tages eine erfolgreiche Marsmission starten will, dann muss sie ihre Hausaufgaben gründlich erledigen. Daher haben China, Europa, die USA, Indien, Japan und Russland in jüngster Zeit Sonden zum Mond geschickt. Die Führungsrolle haben die Amerikaner übernommen. Ihre Mondsonde (LRO) kreiste in rund 50 Kilometern Höhe mit sieben Aufnahme- und Messgeräten um den Mond.

Aus den 69.000 Aufnahmen und Höhenmessungen erstellte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt eine exakte topografische Karte, die 98 Prozent der Mondoberfläche erfasst. Sinn der Übung: Pannen, wie sie bei der Apollo-14-Mission (1971) passierten, künftig zu vermeiden. Damals hätten die Astronauten einen Krater besteigen sollen, fanden ihn aber nicht, obwohl sie nur 30 Meter davon entfernt waren. Die spätere Untersuchung des Kraters Hermite durch die Sonde zeigte dessen wissenschaftlichen Wert: Hier liegt die kälteste Stelle unseres Sonnensystems, mit minus 248 Grad Celsius.

Hoffen auf Gletschereis

Der Traum von einer Mondstation geistert seit Jahrzehnten durch die Science-Fiction-Literatur. In Wirklichkeit besteht an einer Mondstation keinerlei Interesse. Sollte sich China allerdings zu einem Prestige-Bau entschließen, dann könnten sich die USA nicht entziehen, und müssten ebenfalls bauen. Das erinnert stark an den Wettlauf zum Mond in den 1960er-Jahren, der auch von der Politik betrieben wurde. Auf dem Mond selbst gibt es Wasser, das hat die indische Mondsonde "Chandrayaan 1", ausgestattet mit europäischen Messgeräten, heuer geklärt. Es gibt Eis in mehr als 40 zwei bis 15 Kilometer breiten Kratern in der Nähe des Mond-Nordpols. Man schätzt, dass sich allein in diesen Kratern 600 Millionen Tonnen Wassereis befinden. Die Bedeutung des Funds liegt nicht nur in der Versorgung bemannter Stationen, sondern auch in der Gewinnung von Wasserstoff als Raketentreibstoff. Was fehlt, ist ein klares Bild der verfügbaren Ressourcen. Ideal wäre reines Gletschereis, das man leicht aufbereiten könnte.

Der Schrumpfplanet

Die Schwerkraft hat dem vier Milliarden Jahre alten Erdtrabanten hart zugesetzt. Er schrumpft. Die hochpräzisen Bilder von der Oberfläche zeigen Bruchlinien, an denen sich Mondmaterie gegeneinander oder übereinander geschoben hat. Der Abstand zwischen Mondmittelpunkt und Oberfläche dürfte sich um 100 Meter verkürzt haben, schätzt das National Air und Space Museum in Washington, innerhalb der vergangenen 100 Millionen Jahre, in geologisch relativ kurzer Zeit. Die Begründung: Der Mond dreht sich nur sehr langsam. Das bedeutet, es gibt kaum Fliehkräfte, die gegen die Schwerkraft wirken. Zudem fehlt dem Mond eine Wärmequelle, die dem gravitativen Kollaps entgegenwirkt.

Geldverbrennungsstation

Die internationale Raumstation war ein Symbol für das Ende des Kalten Krieges Allerdings hatte die 100 Milliarden Dollar teure ISS, die erst heuer fertig wurde, bisher keinen großen wissenschaftlichen Nutzen. Da die Finanzierung des Betriebs (3 Milliarden Dollar pro Jahr) nur bis 2015 gesichert ist, wird die NASA die ISS nicht in ihrer Umlaufbahn halten. Ursprünglich war ein Betrieb bis 2020 vorgesehen.

Mondfinsternis: Wien verpasst sie ganz knapp

Liegendes Kipferl Am kommenden Samstag, bietet der Himmel eine totale Mondfinsternis. In Österreich kann dieses Schattenspiel nicht verfolgt werden. Die totale Bedeckung des Mondes durch den Erdschatten fällt auf 15:57 Uhr, der Mond in Wien geht eine Minute später auf. Laut dem Astronomen Hermann Mucke wird der Mond die Form eines „liegenden Kipferls“ haben.

Beobachtungstipps Eine Mondfinsternis gibt es nur bei Vollmond, wenn die Erde zwischen Sonne und Mond steht. Die Urania Sternwarte bietet einen geführten „Mondspaziergang“ an (17 Uhr, Erwachsene 6 €, Kinder 4 €). Auf der Aussichtsplattform am Flakturm Mariahilf (Haus des Meeres), stehen Mitglieder des Astronomische Vereins bei Fragen zum Thema Mondfinsternis Rede und Antwort.

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Erstellt am 08.12.2011