Politik
05.12.2011

Bhutan: Des Königs Bruttoinlandsglück

Statt auf Turbo-Wachstum setzt das kleine Land auf sanfte Modernisierung im Einklang mit der Tradition - eine Gratwanderung.

Der Polizist hebt die Hand, die Fußgänger bleiben stehen. Schon taucht eine Geländewagen-Kolonne mit Blaulicht auf dem Dach auf, dicht gefolgt von einigen Radfahrern. Der Ordnungshüter nimmt Haltung an und salutiert. Der Gruß gilt Bhutans Staatsoberhaupt - das nicht im Wagen, sondern als einer der Radler vorbeiflitzt.

Mehr Staunen als der 31-jährige König Jigme Khesar Namgyel Wangchuck auf der Landstraße lösen bei den Einheimischen die professionellen Fahrräder aus. Radfahren hat in dem Himalaja-Königreich, das etwa so groß ist wie die Schweiz, keine Tradition. In den wenigen größeren Städten des Landes ist es sogar verboten.

Der junge Regent, ein Oxford-Absolvent, mischt sich oft unter sein Volk - wie es vor ihm auch schon sein Vater tat. Die gekrönten Häupter werden offensichtlich aufrichtig geliebt und geachtet. Ihre Porträts hängen auch in den Privathäusern. Im Oktober will der junge König seine Verlobte Jetsun Pema heiraten.

Geliebter König

"Der König hat es so gesagt", ist in Bhutan häufig zu hören, wenn einem das Land erklärt wird. Etwa, dass alle Frauen und Männer die Nationaltracht zu tragen haben," weil kulturelle Identität das Volk stärkt". Ebenso müssen alle Bürger ihre Häuser im nationalen Stil bauen.

Ohne Proteste haben sich die Untertanen auch dem königlichen Rauchverbot unterworfen. Bhutan wurde 2005 zum ersten Nikotin-freien Staat der Erde deklariert, Zigaretten-Schmuggel wird mit drei bis fünf Jahren Gefängnis bestraft.

Noch einzigartiger ist das oberste königliche Gebot: "Du sollst glücklich sein." Seit 2008 ist das "Bruttosozialglück" als Staatsgrundsatz in der Verfassung verankert, als Priorität - noch vor der Steigerung des Wirtschaftswachstums.

Das Ministerium für Glück hat messbare Indikatoren festgelegt, die Menschen werden regelmäßig zu ihrem psychischen Wohlbefinden, ihrem Umgang mit Zeit, zur Lebendigkeit der Gemeinschaft, zu Kultur, Gesundheit, Bildung, Vielfalt der Umwelt, Lebensstandard und zur Regierungsarbeit befragt.

Westliche Errungenschaften gehören nicht unbedingt zu den Glücks-Bedürfnissen der Bhutaner. In dem lange Zeit von der Außenwelt abgeschotteten Land wurde erst 1999 das Fernsehen erlaubt, fünf Jahre später kamen dann die Mobiltelefone. Heute tragen sogar die Mönche öfter ein Handy in der Hand als eine Gebetsmühle.

Obwohl schon viele Bhutaner Autos haben, fehlt die nötige Infrastruktur. Auf der einzigen Ost-West-Verbindung, die über 3000 Meter hohe Pässe führt, kommt man im Durchschnitt auf 30 km/h. Statt mehr in den Straßenbau zu investieren, wird derzeit eine 175 Meter hohe Buddha-Statue über der Hauptstadt Thimphu errichtet.

Kaum Kriminalität Die Politik der Herrscher, das Land nur ganz langsam zu modernisieren, scheint erfolgreich zu sein - und sie steht im Einklang mit der Religion. Denn trotz aller Rückständigkeit geht es den Bhutanern besser als ihren Nachbarn in der Himalaja-Region. Das Bruttoinlandsprodukt von 1881 Dollar pro Kopf ist vier Mal so hoch wie in Nepal. Korruption gibt es kaum, ebenso wenig Kriminalität. 90 Prozent der Kinder haben Zugang zu einer Schule.

Die große Mehrheit der knapp 700.000 Einwohner lebt von Landwirtschaft. Niemand hungert, selbst die Hunde sehen wohlernährt aus. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 66 Jahren.

Bhutan ist arm an Rohstoffen, doch reich an atemberaubender Natur, die den Alpen-Landschaften ähnelt. Das viele Wasser wird auch zur Stromerzeugung genützt, die Energie exportiert. Die Wirtschaft, die zum Großteil in Staatshand liegt, ist auf Anordnung des Königs dem Umweltschutz untergeordnet. Ein Viertel der Landesfläche ist als Naturpark ausgewiesen, die Holzgewinnung überall rationalisiert. Jagen und Fischen sind verboten.
International genießt das buddhistisch geprägte Land hohe Sympathie-Werte, was auch viel Entwicklungshilfe bringt. Unter anderem aus Österreich. Etwa beim Bau von Wasserkraftwerken oder in Form von Tourismus-Know-how. Ein Teil der großartigen Kloster-Burg von Trongsa wurde von österreichischen Experten renoviert.

Schutzmacht Indien

Durch das diplomatische Fingerspitzengefühl der Monarchen wurde Bhutan über 100 Jahre lang in keinen größeren Konflikt verwickelt. Die Schutzmacht des Königreichs ist Indien. Viele Gastarbeiter und Volksschullehrer kommen aus dem Nachbarland. Indische Militärs sind in Bhutan stationiert. In der Garnisonsstadt Ha, unweit der Grenze zu Tibet, verfügen die 3000 Mann sogar über einen Golfplatz. Zu China sind die Grenzen geschlossen, doch chinesische Touristen bereisen das Land gerne.

Der Tourismus ist ein wichtiger Devisenbringer. Er wird aber durch einen Zwangsumtausch von 250 Dollar pro Gast und Tag limitiert. Seit einiger Zeit sind private Hotels erlaubt. Wenige Bauern haben schon ihre Häuser adaptiert und bieten Übernachtungen an.

Ausländische Experten empfehlen der Regierung dringend, die Wirtschaft zu liberalisieren. Denn für die immer besser ausgebildete Jugend gibt es in Bhutan nicht genügend Arbeitsplätze. Es fehlt auch an Investoren. Ein schneller Schritt in die Moderne würde aber die erwünschte Steigerung des "Bruttoinlandsglücks" zunehmend zu einem heiklen Balanceakt zu werden.