A member of the Muslim Brotherhood and supporter of ousted Egyptian President Mohamed Mursi shouts slogans after he is injured in front Azbkya police station during clashes at Ramses Square in Cairo, in this August 16, 2013 file photo. The army's ousting last month of Islamist President Mohamed Mursi has opened a divide between those who support the military takeover and Muslim Brotherhood supporters who demand the reinstatement of Egypt's first freely-elected leader. But there is a third group of Egyptians who occupy the middle ground; all they dare to hope for is someone who can restore stability and get the economy going again. REUTERS/Amr Dalsh/Files (EGYPT - Tags: POLITICS CIVIL UNREST)

© Reuters/AMR ABDALLAH DALSH

Ägypten
08/21/2013

Zwischen den Fronten in Kairo

Straßensperren, Schüsse, Wut und Drohungen - für Journalisten wird die Berichterstattung aus Kairo lebensgefährlich.

von Liza Ulitzka

Kairo ist eine unheimliche Stadt dieser Tage. Mit Einbruch der Dunkelheit um halb sieben wird die laute Metropole zur Geisterstadt. Ab 19 Uhr sollte man nicht mehr aus dem Haus gehen – und wenn doch, kann man sich nur in seinem Bezirk frei bewegen. Die Armee sperrt die Hauptverkehrsstraßen großräumig ab. Wer nach der Ausgangssperre noch durch will, muss sich auf Diskussionen mit Soldaten einstellen. Bis vor Kurzem wurden von Bürgerwehren, meist junge Männer, Checkpoints eingerichtet, um das Militär zu unterstützen. Wer diese Helfer waren, wusste niemand, aber niemand kritisierte ihr Tun, schon gar nicht die Armee.

Der Aufruf, Bürgerwehren zu bilden, kam von der Aktivistengruppe Tamarud. Tamarud hatte mit einer Unterschriftenaktion und Massenprotesten gegen Präsident Mohammed Mursi wesentlich zu dessen Sturz beigetragen. Die Bürgerwehren sollten Gebäude, Moscheen und Kirchen vor möglichen Attacken der Islamisten schützen, die am „Freitag der Wut“ zu einer Großdemonstration mobilisiert hatten.

Rachefeldzug gegen Christen

Denn seit Mittwoch, dem Tag als die Polizei die Protestcamps der Anhänger Mursis gewaltsam räumte, brennen im ganzen Land Kirchen. Es ist ein Rachefeldzug der Islamisten gegen Christen, die deren Ansicht nach hinter dem Putsch stehen, mit dem Präsident Mursi aus dem Amt gejagt wurde. Augenzeugen berichten, dass weder Polizei noch Armee die Kirchen sichern.

Auch tagsüber sieht man nur wenige Menschen auf den Straßen. Geschäfte und Banken schließen früher oder öffnen erst gar nicht. Ständig muss man damit rechnen, auf seinem Weg auf eine Straßensperre zu treffen. Von gewalttätigen Auseinandersetzungen zeugen ausgebrannte Autos und Gebäude, Scherbenhaufen und zerstörte Bushaltestellen. Die Menschen beginnen Lebensmittel zu bunkern. Keiner weiß, was als Nächstes passieren wird. Die Ägypter sind es gewohnt, in ihrer Freizeit die Nacht zum Tag zu machen – aber das ist unter diesen Umständen nicht möglich. Was bleibt, ist zu Hause zu sitzen und jeden Abend aufs Neue im Fernsehen von einem weiteren Blutbad irgendwo im Land zu hören.

Die Stimmung unter der Bevölkerung ist einerseits deprimiert, andererseits aufgeladen und aggressiv. Familien, Nachbarn, Freunde streiten untereinander, was denn nun die richtige politische Haltung sei. Ob die Armee richtig handelt mit ihrer eisernen Hand im Umgang mit den Muslimbrüdern oder nicht. Entweder man ist dafür oder dagegen. Kompromisse oder gegenseitiges Verständnis gibt es dabei nicht.

So gut wie alle örtlichen TV-Sender haben Banner mit der Aufschrift „Ägypten gegen den Terrorismus“ eingeblendet. Spots laufen, in denen die Verbrechen der Muslimbrüder angeprangert werden. Der Tenor in den Medien lautet: Die Muslimbrüder müssen vernichtet werden. Das sieht auch der Großteil der Bevölkerung so und hat kein Problem damit, dass Sicherheitskräfte Demonstranten niederschießen.

Warnung an Journalisten

Man fühlt sich vom Ausland unfair behandelt, weil ausländische Medien kritisch über das brutale Vorgehen gegen die Muslimbrüder und Mursi-Sympathisanten berichten. Der staatliche Informationsdienst veröffentlichte einen Appell an ausländische Korrespondenten, nicht einseitig zu berichten, „wenn es um den Kampf Ägyptens gegen den Terror geht“. Man solle vor allem akzeptieren, dass die Absetzung Mursis kein Militärcoup war.

Die Arbeit als Journalistin wird damit zunehmend unmöglich. Auf Twitter schreibt eine Journalistin, die von der Besetzung der Moschee durch Mursi-Anhänger berichtete, ein Polizist habe Männer um sie herum aufgefordert, sie zu verprügeln, weil sie Amerikanerin sei. Ein deutscher Kollege von Spiegel Online berichtet, er sei auf dem Platz, wo das Protestcamp der Mursi-Anhänger war, verhaftet worden. Er berichte schlecht über Ägypten, so der Vorwurf. Sieben Stunden wurde er auf einer Polizeistation festgehalten.

Neben den willkürlichen Festnahmen machen einem die Straßensperren zu schaffen – und die Demos. Dort wird regelmäßig scharf geschossen. Sowohl von Sicherheitskräften, als auch von Demonstranten. Oft sitzen Scharfschützen der Armee oder der Muslimbrüder auf umliegenden Dächern. Und oft greifen selbst normale Bürger in ihrem Hass gegen die Muslimbrüder zu Steinen und Flaschen und attackieren Demonstrationszüge. Journalisten geraten da leicht zwischen die Fronten. Vier, darunter auch Ausländer, wurden laut der ägyptischen Vereinigung für Meinungs- und Gedankenfreiheit schon getötet.

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