Politik | Ausland
21.01.2018

Lewinsky: Zwanzig Jahre nach dem "Oral Office"

Aus der berühmtesten Praktikantin der Welt wurde eine Botschafterin gegen Hass im Netz.

"Seit 20 Jahren markiert der 16. Jänner für mich jenen Tag, an dem ich ein weiteres Jahr nach 1998 überlebt habe." Mit diesem Satz, gesendet vor fünf Tagen über den Nachrichtendienst Twitter, kommentierte Monica Lewinsky den 20. Jahrestag jener Ereignisse, die eine innenpolitische Krise auslösten und eine unbezahlte Praktikantin zur meistdiskutierten Frau der Welt machten.

Am 16. Jänner 1998 nahm Lewinskys Albtraum seinen Lauf: Die 24-Jährige wurde von FBI-Agenten in einem Hotelzimmer festgehalten und zu ihrer Affäre mit dem US-Präsidenten verhört. Zuvor hatte ihre vermeintliche Vertraute Linda Tripp dem Ermittler Kenneth Starr heimlich aufgezeichnete Telefonate zugespielt, in denen Lewinsky detailliert und emotional erzählt: von Oralsex im Oval Office, ihrer Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft, ihrer Verzweiflung, als Clinton die Verbindung nach eineinhalb Jahren aus Rücksicht auf Frau und Tochter beendete.

Fünf Tage später, heute vor 20 Jahren, kannte die ganze Welt ihren Namen. Die Washington Post spekulierte auf der Titelseite über eine geheime Liebschaft des Präsidenten, was dieser mit dem legendären Satz "Ich hatte keine sexuelle Beziehung mit dieser Frau" abtat (und eine Debatte über die Definition von Sex auslöste). Fortan beherrschte der "Lewinsky-Skandal" die Medien, ehe er in einem Geständnis Clintons und einem (gescheiterten) Amtsenthebungsverfahren kulminierte. Spermareste auf einem Kleid Lewinskys (Foto re.) hatten den Präsidenten in die Enge getrieben.

Öffentlich gedemütigt

Lewinsky war frei, doch der Startschuss für die öffentliche Demütigung ihrer Person gerade erst gefallen. Während man sie alternierend als "Hure", "Flittchen" und "Blowjob-Queen" diffamierte, prophezeiten ihr Fernsehpsychologen coram publico eine düstere Liebeszukunft: "Können Sie sich vorstellen, dass Ihr Sohn nach Hause kommt und sagt, er heiratet Monica Lewinsky?" Die Mittzwanzigerin flüchtete in Therapien und ins Ausland, wo sie einen Master in Sozialpsychologie absolvierte, versuchte sich (erfolglos) als Taschen-Designerin und Moderatorin. Einen Job und festen Freund zu finden, erwies sich als schwierig – zu tief hatte sich ihr Name in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Jahrelang fürchtete ihre Familie, Lewinsky würde sich das Leben nehmen."Ich war vermutlich die erste Person, deren globale Erniedrigung durch das Internet angetrieben wurde", schrieb Lewinsky 2014 – nach einem Jahrzehnt Schweigen – in der Zeitschrift Vanity Fair. Sie sei entschlossen, ihrer Geschichte ein anderes Ende, einen Sinn zu geben. Seitdem engagiert sich die studierte Psychologin in Initiativen gegen Cybermobbing und hält viel beachtete Reden, etwa bei der TED-Konferenz vor drei Jahren. Der Preis der öffentlichen Erniedrigung sei hoch, mahnte die 43-Jährige damals – und mit dem Wachstum des Internets noch viel höher geworden.

#MeToo

In der aktuellen Debatte um sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch (am Arbeitsplatz) erschien die Causa Lewinsky wieder auf der Bildfläche: Eine Twitter-Kampagne namens "Ken Starr Was Right" vertrat die Idee, Clinton hätte 1998 zurücktreten müssen; sogar die demokratische Senatorin Kirsten Gillibrand, die Hillary Clinton im Wahlkampf unterstützt hatte, stand öffentlich zu dieser Meinung.

Der Rückenwind aus dem feministischen Lager kommt spät: "Schmerzlich" habe sie sich nach dem Verständnis anderer Frauen gesehnt, schrieb Lewinsky 2014. "Niemand setzte sich ein. Ich verstand ihr Dilemma: Bill Clinton war ein Präsident, der frauenfreundliche Politik gemacht hat."

Sie habe sich von Clinton nie "missbraucht" gefühlt, betonte Lewinsky immer wieder, es sei eine ebenbürtige Verbindung gewesen. Der Missbrauch kam danach, als der 27 Jahre ältere Präsident die Beziehung zu seiner Praktikantin öffentlich dementierte, um seine eigene, mächtige Position zu schützen. Und so setzte Monica Lewinsky vor wenigen Monaten einmal mehr einen vielsagenden Tweet ab. Sie schrieb nur ein Wort: #MeToo.