Politik | Ausland
16.02.2018

Yücel atmet wieder den süßen Duft der Freiheit

Deutscher Journalist aus türkischer Haft entlassen: Er flog sofort in seine Heimat – nach einjährigem Martyrium.

Am Tag 368 öffneten sich am Freitag die türkischen Gefängnistore für den deutschen Journalisten Deniz Yücel, nach mehr als einem Jahr konnte er seine Frau Dilek Mayatürk Yücel in Freiheit umarmen. "Endlich!!! Endlich!!! Endlich!!! Deniz ist frei", twitterte diese kurz vor diesem Wiedersehen – und setzte ein Herz hinter ihre Nachricht.

Dieser Schritt der türkischen Justiz, der unter den deutschen Freunden und Unterstützern des Welt-Korrespondenten Jubelstürme auslöste, war zuletzt erwartet worden. Premier Binali Yildirim hatte schon vor seinem Treffen mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel (Donnerstag) gesagt, dass er sich Bewegung in der Causa erwarte. Und so kam es auch.

Erfolg deutscher Geheim-Diplomatie

Plötzlich, nach mehr als einem Jahr, lag die Anklageschrift gegen Yücel vor. Darin werden dem 44-Jährigen Terror-Propaganda sowie Volksverhetzung vorgeworfen. Der Staatsanwalt fordert die Höchststrafe von 18 Jahren. Zugleich wurde der prominenteste Häftling aber auf freien Fuß gesetzt – ohne die Beschränkung, das Land nicht verlassen zu dürfen. Er wurde noch am Freitag in der Heimat erwartet. Damit scheint der Weg vorgezeichnet, der beide Seiten das Gesicht wahren lässt: Der Journalist darf heim, wird in Abwesenheit verurteilt.

Ermöglicht wurde diese Entwicklung vor allem durch die Hartnäckigkeit und Effizienz deutscher Diplomatie, die nicht an die große Glocke gehängt wurde. So wurde erst jetzt bekannt, dass Außenminister Sigmar Gabriel zwei Mal mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Streitfall Yücel zusammengetroffen war, der gleichsam zu dem Symbol der deutsch-türkischen Krise wurde.

Keine Deals

Zu "schmutzigen Deals", die der unbeugsame Korrespondent für sich kategorisch ausgeschlossen hatte, ist es dabei offenbar nicht gekommen. Kolportiert wurde etwa eine Aufrüstung türkischen Militärgeräts durch Deutschland oder eine Auslieferung türkischer Generäle, die in der Bundesrepublik um Asyl angesucht hatten, für eine Freilassung Yücels.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bedankte sich am Freitag ausdrücklich bei Sigmar Gabriel für seine Bemühungen. Zugleich wies sie darauf hin, dass noch viele andere, "vielleicht nicht ganz so prominente Fälle von Menschen ... in türkischen Gefängnissen sind". Auch fünf Deutsche sitzen nach wie vor aus politischen Gründen im Land am Bosporus ein. Dazu Zehntausende Türken, die nach dem gescheiterten Putsch vom Juli 2016 ihren Job verloren und weggesperrt wurden. Und auch mehr als 150 kritische Journalisten sind inhaftiert.

Späte Hochzeitsnacht

Vertreter dieser Zunft hat die Führung in Ankara ganz besonders im Visier. Erst gestern wurden drei Medienvertreter wegen angeblicher Unterstützung des versuchten Umsturzes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Wegen dieser Einschränkung der Pressefreiheit forderte der deutsche Autor Günter Wallraff, 75, Berlin auf, weiterhin Druck auf die Türkei auszuüben.

Für Premier Yildirim ist mit dem gestrigen Tag aber offenbar wieder vieles im Lot im bilateralen Verhältnis der NATO-Partner. "Es scheint, dass heute einige Probleme in den deutsch-türkischen Beziehungen gelöst wurden", meinte er am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz (siehe auch Seite 5). Bereits seit Jahresbeginn hatte seine Regierung eine Charme-Offensive Richtung Europa, speziell auch Richtung Österreich, gestartet. Ziel: Alte Partner neu gewinnen, weil sich die Türkei mit ihrer Nahost-Politik ziemlich isoliert hat.

Für Dilek Mayatürk Yücel sind derartige Politschachzüge an diesem Wochenende wohl egal. Sie und ihr Mann werden die Hochzeitsnacht nachholen, die ihnen nach der Heirat am 12. April 2017 im Gefängnis nicht vergönnt war.

Frei - dank türkischer Zwangslage

Der Deutsche Journalistenverband bezeichnete die Freilassung des Welt-Korrespondenten Deniz Yücel als "Sieg der Pressefreiheit". Das ist sie mitnichten. Die ist dem türkischen Präsidenten Erdoğan nämlich wurscht. Der Unbeugsame kam frei, weil Ankara zunehmend isoliert ist: Im Syrien-Krieg wie im gesamten Mittleren Osten, die Beziehungen zu den USA sind am Gefrierpunkt, zu Europa ebenso, und nur Russland als Partner taugt nicht auf Dauer. Das darf man bei aller Freude über Yücels neue Freiheit nicht vergessen. Vergessen darf man auch nicht die vielen Namenlosen, die weiter in Erdoğans Kerkern schmoren, bloß weil sie anderer Meinung sind als der "Sultan".