Politik | Ausland
12.11.2017

Rollenspiel: 24 Stunden auf der Flucht

Kaum Schlaf, wenig Essen – bei einem Experiment schlüpfen junge Menschen in die Rolle von Flüchtlingen.

Wie spät es wohl sein mag, zehn Uhr abends oder vier Uhr früh? Ich weiß es nicht. Mein Zeitgefühl ist weg, die Zehen fühlen sich taub an, der Magen leer. Ich rolle mich am Boden zusammen, will einfach nur schlafen. Dann geht das Licht an. Sirenengeheul. Wir müssen aus dem Gebäude, einem jemenitischen Flüchtlingscamp, hinaus. Die Flucht geht weiter.

Raus in die Nacht, rein in den Wald. Den gibt es so dicht im Jemen zwar nicht, aber wir sind auch in der Dübener Heide, in Sachsen-Anhalt, im Osten Deutschlands. Und im echten Leben keine somalischen Flüchtlinge, sondern 20 Menschen aus Österreich, Deutschland, Belgien, Italien und Irland, zwischen 18 und 30 Jahren. Einige studieren, andere arbeiten im Sozialbereich. Für ein Rollenspiel des Deutschen Roten Kreuzes "Youth on the Run" nehmen wir eine neue Identität an. 24 Stunden bin ich keine Reporterin, sondern Amir, 17 Jahre, und flüchte vor dem Bürgerkrieg in Somalia.

Stunden zuvor. Im Ferienlager hören wir einen Vortrag über jenes Land, das wir bald verlassen sollen – aber nichts darüber, wie unsere Flucht abläuft. Studentin Orla aus Irland wippt nervös auf ihrem Sessel, für sie ist das Rollenspiel ein Experiment. Krankenschwester Jill aus Brüssel erwartet sich, dass sie mit der Erfahrung die Lage ihrer Klienten, oft Flüchtlinge, besser nachvollziehen kann.
Die Spielleiter teilen uns auf: sechs Frauen und ein Mann – wir sind jetzt die Familie Khalio. Während wir unsere Papier-Pässe ausfüllen und unsere Rollen studieren, reißt jemand die Tür auf, schreit: "Raus hier!" Wir laufen los. Vor dem Haus fangen uns somalische Regierungssoldaten ab: "Warum wollt ihr das Land verlassen?", fragen die Männer in Tarnuniform, gespielt von Instruktoren des Roten Kreuz. Egal, was wir sagen, sie fallen einem ins Wort, lachen uns aus, beschimpfen uns. Wer ohne Aufforderung spricht, muss Liegestütze machen oder Runden laufen. Ein Soldat zückt sein Feuerzeug, verbrennt meinen Pass. Noch bevor die Flucht beginnt, ist sie vorbei.

Makaber?

Die Idee, junge Menschen auf die Flucht zu schicken, stammt vom dänischen Pädagogen und Psychologen Steen Cnops Rasmussen. Das Spiel soll Vorurteile abbauen und für die humanitäre Lage Geflohener sensibilisieren. Ob dies gelingt, indem wir ihr Schicksal simulieren? Manche finden das makaber, andere mutig.

Unser Gepäck kommt jedenfalls weg. Die somalischen Soldaten filzen alle Rucksäcke. Handy und Wasserflasche nehmen sie mit, Schlafsack und Socken lassen sie drinnen. Mitspielerin Ines, 21, schaut mich entsetzt an: "Sie haben mir alles genommen." Auch unsere Dokumente sind weg. Wir müssen uns im Gebäude nebenan neue besorgen.

Es ist heiß, stickig, Pop-Musik dröhnt aus dem Radio. Wir werden von einem Zimmer ins andere geschickt, immer wieder fehlt ein Formular. Die Beamten provozieren uns, essen vor unseren Augen oder verschütten Limonade auf unsere Papiere. Die Nerven liegen blank. Streit bahnt sich an. Aus dem Nebenzimmer kommen Schreie, eine Mitspielerin krallt sich an ihrem Schlafsack, jemand wollte ihn ihr wegnehmen.

Beim Behördenwahnsinn haben schon einige abgebrochen, erklärt Spielleiter Marcel Stuhlmacher vom Landesverband des DRK Sachsen-Anhalt am nächsten Tag. Bewusst werden Szenen realitätsnah, aber überspitzt dargestellt: "Wir wollen Emotionen erzeugen, was aus den Menschen herausholen."

Abhängig

Angst macht sich breit. Schüsse fallen. Somalische Rebellen greifen die Behörden an. Wir nützen das Chaos, laufen aus dem Gebäude. Zwei Männer winken uns zu sich. Wir folgen ihnen auf matschigen Wegen durch den Forst. An jeder Weggabelung bleiben sie stehen, verlangen Geld. Langsam bekomme ich Durst. Der Schlepper verkauft uns zwei Trinkflaschen – das ist zu wenig, stellt Mitspielerin Ines wütend fest. Die Familie ist uneins, wie viel Geld soll sie ihm noch geben? Müssen wir auch Essen kaufen? Wir bekommen keine Antworten. Der Marsch geht weiter.

Mehr als 20 Kilometer werden es noch sein. Kein Vergleich zu dem, was Menschen zurücklegen, die wirklich monatelang auf der Flucht sind.

Der Schlepper deutet jetzt an, leise zu sein, wir nähern uns einer Grenze. Plötzlich laufen Mitglieder meiner Familie einfach drauf los. Soldaten springen aus dem Gebüsch, aber niemand hält die Flüchtlinge auf. Denn physischer Kontakt und Waffen sind im Spiel verboten. Nach einigen Metern bleiben mein Großvater, Onkel und Schwester stehen. Hier offenbart sich der Spielcharakter. "Wohin sollen wir eigentlich laufen? Wir sind ja nicht auf der Flucht. Im echten Leben hätten sie uns erschossen", stellt Mitspielerin Orla fest.

"Runter auf die Knie" – unser Familienoberhaupt, Student Marouan aus Italien, wird bestraft. Willenlos macht er mit. Besser er als wir, sagt er später. Er fühlte sich für uns verantwortlich.

Fremdbestimmt

Die Familie wächst zusammen. Auch als wir in der Dämmerung das "jemenitischen Flüchtlingscamp" erreichen. Wir teilen die Decke und legen uns eng aneinander. Auf die Toilette dürfen wir nur in Begleitung der Camp-Helfer. Noch nie habe ich mich so fremdbestimmt gefühlt.

Das ist auch das Ziel, erzählen uns die Instruktoren in der Nachbesprechung: Grenzen erfahren, unkomfortable Situationen erleben und der Willkür anderer ausgesetzt sein.

Eine zermürbende Erfahrung, ebenso der Marsch, der in der Nacht wieder von vorne beginnt. Im Schnelldurchlauf passieren wir Grenzen: von Saudi-Arabien bis Ungarn. Wir müssen uns erklären, doch niemand hört zu.
Ali hat dies wirklich erlebt, der 29-Jährige flüchtete vor zwei Jahren aus Syrien, hilft jetzt beim Roten Kreuz und spielt ebenfalls mit – aber auf der anderen Seite. Er leuchtet mir mit der Taschenlampe ins Gesicht und schreit mich an: "Was willst du in Deutschland?" Seine Worte hallen in die Nach hinaus. Ich höre sie Worte kaum, fühle mich unterzuckert, bringe nichts heraus.

Das Spiel abbrechen wäre jetzt einfach und bequem, ein verlockender Gedanke. Er schwirrt mir auch nachher noch einmal durch den Kopf, als wir uns in einem Pferdestall verstecken und ich einfach nur meine Ruhe haben will. "Emergency Break" lautet das Wort, um auszusteigen - ich lasse es dennoch bleiben.

Auch meine Mitspieler verzichten darauf. Krankenschwester Jill hat die Aussicht, jederzeit austeigen zu können, geholfen durchzuhalten. Aber es hat sie auch etwas davon abgehalten, sich ganz auf die Rolle einzulassen, erzählt sie später. "Am Ende weißt du, dass du nach 24 Stunden wieder in dein normales Leben zurückkehrst."

Hintergrund: Livenrollenspiele als pädagogische Methode

Ursprung & Zweck: Erster Weltkrieg, Ukraine-Konflikt oder Schlacht von Verdun – an der Østerskov-Efterskole in Dänemark lernen Schüler mittels Liverollenspielen nicht nur Inhalte, sondern soziale Fähigkeiten, Teamplay oder sich in neue Situationen einzufinden. In Skandinavien hat diese Methode Tradition – auch im Umgang mit Vorurteilen und Rassismus.

Pädagoge und Psychologe, Steen Cnops Rasmussen, entwickelte Mitte der 1990er ein Konzept, als er bei dänischen Jugendlichen steigende Intoleranz gegenüber Migranten beobachtete. Es soll junge Menschen für die Situation Geflohener und deren Rechte sensibilisieren. Sein Rollenspiel "Young Refugees", das auch Reflexion beinhaltet, wurde für das Rote Kreuz in mehreren Ländern adaptiert. In Österreich sind Termine 2018 geplant. Infos unter: http://www.get-social.at/yotr