Kurden-Führer im Norden Syriens, Salih Muslim

© REUTERS/WOLFGANG RATTAY

Interview
01/08/2015

"Wir werden den Islamischen Staat ganz vertreiben"

Salih Muslim, Präsident der selbstausgerufenen Kurdenregion in Nordsyrien, über Kobane, die Zukunft Syriens und die Rolle der Türkei.

von Walter Friedl

Er ist gleichsam der Präsident der selbst ernannten Kurdenregion in Nordsyrien. Als Co-Vorsitzender der Partei PYD lenkt Salih Muslim die Geschicke der drei Provinzen und ist deren Gesicht nach außen. Mit dem 63-Jährigen, der auf Einladung des Österreichischen Kurdenverbandes FEYKOM in Wien war, sprach der KURIER über ...

... die aktuelle Lage in der umkämpften Stadt Kobane Es wird weiter erbittert gekämpft, derzeit Haus um Haus. Allein in der Nacht zum Mittwoch haben unsere Kräfte 60 Angreifer des "Islamischen Staates" (IS) getötet, auch neun von unseren Leuten sind gefallen. Der IS ist aber auf dem Rückzug, wir Kurden kontrollieren schon rund 80 Prozent der Stadt. Wir werden den IS ganz vertreiben, doch dann geht der Kampf um die umliegenden Dörfer weiter.

... die US-geführten Luftangriffe auf IS-Einheiten Diese sind sehr wertvoll. Die IS-Nachschublinien werden so unterbrochen, deren Panzer und schwere Waffen zerstört. Letztlich retten diese Bombardements Leben.

... die militärischen Kapazitäten der kurdischen Verteidiger Wir haben weiter nur leichte Waffen. Zwar helfen uns die Peshmerga (aus dem kurdischen Nordirak), aber wir würden dringend mehr schwere Waffen benötigen.

... die Anzahl der kurdischen Kämpfer in Nordsyrien In unseren selbstverwalteten Kantonen, die sich auf 40.000 Quadratkilometer erstrecken, und in denen 3,5 Millionen Menschen leben, gibt es rund 40.000 Bewaffnete. Erschwert wird die Lage dadurch, dass wir Hunderttausende, wenn nicht eine Million Flüchtlinge beherbergen.

... die kurdische Diaspora in Europa Von dort erhalten wir viel Unterstützung – humanitär, finanziell, moralisch. Einige haben sich auch unserem Kampf angeschlossen.

... seinen Sohn, der selbst in Syrien gefallen ist Er war Scharfschütze und ist von einem IS-Scharfschützen erschossen worden. Er starb als Märtyrer, ich bin sehr stolz auf ihn. Einer meiner anderen Söhne kämpft weiter gegen den IS.

... die Rolle der Türkei in dem Konflikt Diese ist weiterhin sehr unklar. Natürlich sind alle gegen den Terror, nur die Türkei hat sich der Anti-IS-Koalition bisher nicht angeschlossen. Außerdem, glaube ich, dass Ankara den IS weiter unterstützt, anfänglich sogar mit Waffen.

... die Grenze zur Türkei Ich würde sagen, die ist halb offen. Verletzte können zwar passieren, aber das mitunter erst nach Stunden. Wir haben schon mehrere Fälle beobachten müssen, wo Verwundete an der Grenze angehalten wurden und dort gestorben sind. Die türkischen Behörden machen da immer wieder Schwierigkeiten.

... einen eigenen kurdischen Staat in Nordsyrien Wir haben eine Selbstverwaltung in unseren Gebieten etabliert, wo vor allem auch auf die Rechte der Frauen geschaut wird. Da gibt es Bürgerkomitees, in denen alle Volksgruppen und Religionen vertreten sind. Das könnte ein Modell für ganz Syrien werden – innerhalb der bestehenden Grenzen. Was wir wollen, ist eine demokratische Dezentralisierung.

... eine Lösung des Syrien-Konflikts In naher Zukunft sehe ich das nicht. Das Problem ist, dass sowohl das Regime von (Präsident) Assad als auch die Islamisten glauben, die jeweils andere Seite vernichten zu können. Aber letztlich kann es nur eine politische Lösung geben. Ich glaube fest daran.

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