Politik | Ausland
08.04.2017

"Wir Kurden leiden, aber niemand hört uns"

Kurden demonstrieren Geschlossenheit bei einer Großveranstaltung in Istanbul.

Aus den Lautsprechern dröhnt ein kurdisches Lied. Es handelt von dem Dorf, in dem der Führer der kurdischen Rebellen, Abdullah Öcalan, geboren wurde. Frauen in Tracht tanzen Arm in Arm dazu, hier im asiatischen Stadtteil Kadiköy in der Bosporusmetropole Istanbul. Die Kurdenpartei HDP hatte zu einer Großveranstaltung vor dem Verfassungsreferendum gerufen, Tausende kamen am Samstag auf das Gelände eines Wochenmarktes der Stadt.

Eigentlich ging es um ein Nein zu den Änderungen, die Präsident Recep Tayyip Erdoğan weitreichende Befugnisse einräumen sollen. Doch es wurde zu einer Demonstration für die kurdische Sache, mit Volksfest-Charakter.

"Mein Präsident heißt Öcalan"

"Ich sage Nein zu einer Ein-Personen-Herrschaft, nein dazu, dass es nur eine Sprache in der Türkei geben soll, nein zu dem Krieg gegen unsere Volksgruppe, nein zur Inhaftierung unserer Leute. Mein Präsident heißt Öcalan", sagt Güler Yılmaz, auch wenn Öcalan seit 1999 in Haft ist. Worum es bei dem neuen Grundgesetz geht, weiß die 40-Jährige nicht so recht, aber "ich werde gegen Erdoğan stimmen".

Der Moderator heizt die Stimmung dann richtig auf. Er verliest Namen von Kurden, die getötet wurden. Danach fragt er: "Akzeptiert ihr das?" "Nein", ruft die Menge. Und gemeint ist auch die Entscheidung beim Volksentscheid heute in einer Woche.

Mehrere Männer ziehen mit nacktem Oberkörper an dem eher kühlen Frühlingstag durch die Versammelten. Sie halten Transparente hoch, auf denen auf die Erschießung eines 23-jährigen Kurden durch die Polizei erinnert wird.

Davon kann auch Vasfi Agirman ein trauriges Lied singen. "Ich habe Onkel, Cousins und sogar einen Enkel verloren." Der 62-Jährige stammt ursprünglich aus Mardin im Südosten der Türkei, "und dort gibt es keine Familie, die nicht Opfer zu beklagen hat", sagt er.

Höhepunkt der Veranstaltung ist der Auftritt von Ahmet Türk, einem Urgestein der kurdischen Bewegung. "Der Präsident macht jetzt schon, was er will. Mit der neuen Verfassung würde das auf eine legale Basis gestellt werden", ruft er seinen Anhängern zu. Ein Ja würde eine Zustimmung zur aktuellen Kurdenpolitik in der Türkei bedeuten und zur Einführung einer Diktatur.

Solidarität mit Gefangenen

Mahsun Akkoyun applaudiert lautstark. Denn auch er meint, dass die Änderungen bloß einem Mann zugute kämen – Präsident Erdoğan. Selbst Kurde aus der Stadt Batman, aber in Istanbul als Textilarbeiter tätig, schlägt sein Herz für die kurdische Sache: Der 23-Jährige trägt ein T-Shirt mit dem Konterfei von Selahattin Demirtas. Der HDP-Vorsitzende ist mit zwölf anderen HDP-Abgeordneten im Gefängnis – und mit dieser Gruppe Tausende andere Parteiaktivisten auch, darunter Akkoyuns Bruder. Mahsun klagt: "Wir leiden, aber niemand hört uns."