Politik | Ausland
03.11.2017

Wie die Flucht aus Afrika einzubremsen ist

Praxis-Report: Entwicklung statt Almosen sowie Bewusstseinsbildung durch Radio und Soziale Medien als erflogreiche Strategien

"In ganz Afrika haben die jungen Menschen derzeit nur einen Traum: Weg von hier, auf nach Europa oder in die USA", sagt Mario Crisafulli, ein argentinischer Salesianer-Pater, der in Westafrika versucht, Minderjährigen eine Perspektive vor Ort zu eröffnen. Hauptursache der Flucht sei vor allem die bittere Armut. "Wer es tatsächlich in ein europäisches Land schafft, überweist zumindest 100 Euro pro Monat an seine Familie, das ist oftmals weit mehr als ein Monatslohn." In den Volkswirtschaften der Subsahara-Staaten tragen diese Rücküberweisungen bis zu einem Drittel des Bruttoinlandsproduktes bei. "Das ist leider mit ein Grund, warum manche Regierungen wenig tun, die Abwanderung zu verhindern", so der 54-Jährige zum KURIER.

Hilfe zur Selbsthilfe

Seine Ordensgemeinschaft sei in dieser Frage sehr aktiv, betont der Geistliche, der in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, ein Kinderschutzzentrum betreut und seit mehr als zwei Jahrzehnten in Westafrika lebt. "Zuerst ist es wichtig, die Regionen zu identifizieren, aus denen sich potenziell die meisten Menschen auf den Weg machen könnten, in der Regel sind das die ärmeren Gegenden. Dort muss man die ländliche Entwicklung fördern."

So habe man in einem Projekt mit argentinischem Know-how die Reisproduktion von 300 kg pro Hektar auf 2000 kg steigern können. "Wenn die Menschen solche Beispiele sehen, bleiben sie", so Crisafulli, der aber auch mit europäischen Wirtschaftspraktiken ins Gericht geht: "Hört auf, uns gebrauchte Kleidung zu schicken oder Nahrungsmittel. Das zerstört nur die lokalen Märkte. Die Länder können und sollen es selber machen. Was wir benötigen, sind Investitionen, um eine industrielle Revolution zu initiieren, die dann Jobs schafft." Mindestens ebenso wichtig sei es, ein Bewusstsein zu bilden, dass Flucht nicht die Lösung ist. "Wir reden mit den Menschen und sagen ihnen: ,Deine Zukunft liegt in Deiner Hand, und sie ist hier‘", schildert Crisafulli, der in seiner Arbeit von der österreichischen NGO "Jugend Eine Welt" finanziell unterstützt wird und auf deren Einladung jüngst in Wien war.

"Testimonials"

Der Don Bosco-Salesianer sucht dabei nicht nur das direkte Gespräch mit den Jugendlichen, sondern nützt auch die Sozialen Medien und lokalen Radiostationen – und das in mehreren Stammessprachen. Um seine Bemühungen noch effizienter zu gestalten, bindet er auch die politischen, religiösen und traditionellen Führer ein.

"Ganz wichtig dabei sind zurückgekehrte Flüchtlinge. Die erzählen über ihre teils lebensgefährliche Reise nach Europa. Von Weggefährten, die in der Wüste verdurstet sind, von der erniedrigenden Arbeit etwa in Italien und von ihrer Heimkehr nach all den Enttäuschungen. Diese ,Testimonials‘ sollen den jungen Menschen vor allem eines vermitteln: ,Dieser Traum (von Europa) endet als Albtraum. Lass das nicht zu.‘"