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Politik Ausland
12/05/2011

"Weiß heute nicht, was morgen passiert"

Mohammed Ajaj unterrichtet Architektur an der Universität von Tripolis. Mit dem KURIER sprach er über ...

... die Lage im Land Es ist alles in Schwebe. Der Übergangsrat hat seine Ziele für den Aufbau eines Staates noch nicht definiert. Wird er eine Republik, ein Königreich wie früher? Derzeit kann man sich nicht einmal auf eine Fahne einigen, weil manche kein Grün in der Staatsflagge haben wollen.

... die Universitäten Die sind alle noch geschlossen. Der Übergangsrat meint, wir sollten heute öffnen. Ich zweifle daran. Manche Gebäude sind zerstört. Es fehlt an Material. Manche Studenten sind noch im Kampf. Sie sollten ihr Studium nahtlos fortsetzen können.

... Veränderungen in den Unterrichtsplänen Es wird vor allem bei den Geisteswissenschaften große Veränderungen geben. In den Schulen, die wieder offen sind - vor allem im Osten des Landes - werden die alten Schulbücher verwendet, aber die politisch gefärbten Kapitel ausgelassen.

... mögliche politische Entwicklungen Das Bild ist derzeit völlig unklar. Es ist ein beunruhigender Zustand. Ich weiß heute nicht, was morgen passieren wird.
... Probleme beim Aufbau eines neuen Staates 90 bis 95 Prozent der Libyer waren Staatsbedienstete. Die meisten Libyer haben vom Staat Geld bekommen. Wenn also alle Leute, die mit dem alten Regime zu tun hatten, rausgeschmissen werden: Wer macht dann die Arbeit?

... das Auftreten der Rebellen Es ist okay. Die meisten Libyer wollen die Veränderung. Es ist gut, dass wir heute junge Menschen sehen, die an die Freiheit glauben. Die schlechte Seite daran: Wir haben eine ganze Generation verloren. Zwischen 30.000 und 50.000 Menschen sind tot. Und die meisten Opfer der Kämpfe sind zwischen 18 und 30 Jahre alt. Das werden wir in zehn, 15 Jahren merken. Als ich die Jungs mit den Gewehren gesehen habe, war ich glücklich und unglücklich zugleich. Diese Burschen sollten Vorlesungen belegen, mit Freunden Spaß haben. In der Uni sah ich Studenten mit Gewehren. Das ist ein seltsames Bild.

... gesellschaftliche Veränderungen durch den Krieg Wir werden ein schwieriges Semester haben. Wie werden mir diese Burschen, die gekämpft haben, begegnen?

... die Zukunft Ich hoffe auf Frieden. Wir brauchen kein Blutvergießen mehr. Es ist schwer, das Bild eines neuen, gemeinsamen Staates zu schaffen, das all die unterschiedlichen Vorstellungen vereint.

... den Islamismus Die Islamisten gewinnen seit Jahren an Boden. Da war die Revolution nicht der Anfang. Wenn sie eine riesige Familie und eine Mini-Wohnung haben, kein Gesundheitssystem, keine Arbeit - was ist die Alternative?

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