Erste Station für viele Migranten: Brüssels schwieriger Stadtteil Molenbeek.

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Vorwärts gekämpft
03/08/2017

Verteidigung und Führungsqualität – eine Österreicherin in Molenbeek

Selbstverteidigung als berufliches Erfolgsrezept. Irene Zeilinger hat sich im berüchtigten Brüsseler Stadtteil Molenbeek ihren Traum erfüllt.

von Ingrid Steiner-Gashi

Keine noble Geschäftsadresse in Brüssels neuen Glaspalästen. Kein Luxusauto vor der Tür. Kein Zeichen von Reichtum an diesem blauen, schildlosen Eingangstor, durch das nur hineingeht, wer weiß, dass hier Irene Zeilinger zu finden ist.

Mit herkömmlichen Maßstäben ist der Erfolg der gebürtigen Linzerin nicht zu messen. Geld im Überfluss gab es für die 45-Jährige nie. Doch sie verwirklichte einen Traum. Und sie inspirierte ihr schwieriges Umfeld im Brüsseler Problembezirk Molenbeek.

Die Frau mit den raspelkurzen Haaren und einer einzigen langen Locke war einst Immigrantin. Nach Brüssel kam sie schon fast zwanzig Jahren, der Liebe wegen. "Ich hab damals nur eines gewusst", erzählt die studierte Soziologin dem KURIER, "in einer der vielen EU-Institutionen wollte ich nicht arbeiten." Und so bot sie auch in ihrer neuen Heimat neben ihrer Tätigkeit für Menschenrechtsorganisationen an, was sie schon während ihrer Studienzeit in Wien praktiziert hatte: Sie gab Selbstverteidigungskurse.

Traurige Berühmtheit

Als sie ihr Angebot nach Molenbeek verlagerte, schlugen ihre Freunde die Hände über dem Kopf zusammen: Dorthin wolle sie, wo nur die ärmsten Zuwanderer Station machen? Dort, wo arabische Schriftzüge auf den Geschäften oft das Französische verdrängt haben und nur wenige Frauen ohne Kopftuch auf den Straßen zu sehen sind. Dort, wo die rund 100.000 Menschen zählende Gemeinde Brüssels im Vorjahr traurige Berühmtheit erlangte: Hier hatten einige der Terroristen gewohnt, die die Anschläge von Paris und Brüssel geplant und ausgeführt hatten.

"Molenbeek hatte immer schon einen schwierigen Ruf", schildert Irene Zeilinger, "seit hundert Jahren zieht es die Migrationsflüsse an, weil die Mieten hier am billigsten sind." Von hier zieht weg, wer kann. Wer als Wohnadresse Molenbeek angibt, hat größte Schwierigkeiten, einen Job zu finden.

Zeilinger aber ist es leid, ihren Bezirk ständig als angebliche Hochburg von Dschihadisten verdächtigt zu sehen. "Ich habe hier noch nie Probleme gehabt", sagt sie. Ihre Freunde antworten dann: "Kein Wunder, du kannst dich ja verteidigen." Da muss sie selbst lachen.

Kleinunternehmerin

Alles andere als furchteinflößend ist sie, die schlanke, drahtige Frau, die in ihrem Verein zu Gewaltprävention "Garance" heute bereits acht Mitarbeiter beschäftigt. Ja, eine Art Kleinunternehmerin sei sie, bestätigt sie lächelnd, "wenn auch keine mit dem Ziel der Gewinnoptimierung". Damit wird die Wahlbelgierin in den Statistiken der EU nicht als klassische Führungsperson aufgelistet. In der EU gilt unter den 4,7 Millionen Männern und 2,6 Millionen Frauen in Führungsposition nur, wer ein Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten leitet.

Aber geführt und geleitet hat Zeilinger mittlerweile Tausende Frauen. Sich körperlich gegen Angreifer zur Wehr zu setzen, dabei gehe es in ihren Kursen erst in letzter Konsequenz, schildert Zeilinger. "Erst finden wir in Gesprächen heraus: Was ist Sicherheit, wo beginnt Gewalt, wann muss ich fliehen und wann hole ich Hilfe?" Unter Teilnehmerinnen ihrer Kurse finden sich immer mehr Migrantinnen.

"Aus meiner Erfahrung kann ich nicht bestätigen, dass sich die Migrantinnen mit meist muslimischem Hintergrund leichter unterdrücken lassen als belgische Frauen", schildert Zeilinger, "der Unterschied aber ist: Sie kennen ihre Rechte nicht."

Der Zulauf zu Zeilingers Kursen wächst, Mädchen, ältere Frauen vor allem. Selbst bei Männern gab es zuletzt so große Nachfrage, dass nun Kurse angeboten werden. Unterschiedslos führt sie allen ihr eigenes Lebensmotto vor Augen: "Wir brauchen Mut, um uns zu erlauben, was notwendig ist, um unser Leben in unsere eigenen Hände zu nehmen."

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