Politik | Ausland
31.05.2017

Venezuela am Rande des Bürgerkrieges

Täglich Gewalt gegen Demonstranten, unfassbare Not im Alltag – etwa in einem Kinderspital.

Als der Strom ausfällt, greifen verzweifelt die Hände nach dem kleinen Jungen. Ein manuell betriebener Blasebalg soll den kleinen Patienten über die brandgefährlichen Momente seines erst kurzen Lebens retten und die Beatmung sicherstellen. Stockduster ist es auf der Intensivstation des Kinderkrankenhauses "Jose Manuel de los Rios" im Herzen von Caracas, als helfende Hände Luft in die Lunge des Jungen pumpen. Nur das Display des Mobiltelefons bringt wenig Licht in die gespenstische Szene.

Die künstliche Beatmung versagt, ein lautes Warnsignal jagt durch den Raum. "Nimmst Du auf", fragen die hektischen Schwestern. "Ja, ich filme", sagt Osleidy Camejo. Der Rest der Welt soll sehen, wie es um die Lage in Venezuelas Krankenhäusern bestellt ist.

Realität des Versagens

Über ein solches Katastrophenbild wie dieses wird in den offiziellen Medien Venezuelas nicht berichtet, weil die Realität von der Regierung geleugnet wird. Obwohl Hilfslieferungen bereitstehen, wird nicht einmal humanitäre Hilfe ins Land gelassen, weil dies ein Eingeständnis des eigenen Versagens wäre.

Die rund 30 Sekunden, die die junge Ärztin in der vergangenen Woche inmitten der schweren Krise und der täglichen Massenproteste in der venezolanischen Hauptstadt von den dramatischen Momenten in der Intensivstation aufgezeichnet hat, sind eine einzige Anklage gegen die Regierung, das Gesundheitsministerium, den Krankenhausdirektor. Das Notfallsystem, das wie vorgeschrieben die Stromversorgung der Intensivstation und des gesamten Hospitals sicherstellen soll, springt nicht an. Wie schon seit Jahren bei den vielen Stromausfällen in Venezuela. Und wie immer versagen dann auch alle lebenserhaltenden Systeme.

"Wir stehen vor dem Kollaps", sagt Camejo beim Besuch des KURIER in ihrem Hospital. "Ich weiß nicht, wo das alles enden soll." Deswegen kämpft Camejo nun mit ihrem Handy gegen das Chaos, nach all den Eingaben, Hinweisen und Bettelbriefen, die sie an die Regierung geschrieben hat und die allesamt unbeantwortet blieben. "Sie reden einfach nicht mit uns." Stattdessen schickt die Regierung bewaffnetes Sicherheitspersonal, das aufpassen soll, dass keine Fotos und Videos aus den Krankenhäusern an die Öffentlichkeit gelangen.

Kampf um die Wahrheit

Im Radio lässt die Regierung derweil am frühen Morgen die Muskeln spielen: Begleitet von martialischen Klängen verkündet der Sprecher die Festnahme einer terroristischen Zelle. Sie seien Mitglieder der ultra-rechten Oppositionsparteien und würden nun ihrer gerechten Strafe zugeführt. Offenbar handelt es sich um militante Demonstranten.

Die Botschaft wird auf allen Sendern zwangsübertragen. "Cadena nacional" (Nationale Kette) heißt so etwas hierzulande. Es gibt kein Entrinnen, auch nicht im Stau. Die linksextremen Machthaber kontrollieren auf diese Art alle Medien, in denen stets der Opposition die Schuld an der katastrophalen Lage gegeben wird. In Venezuela tobt auch ein Kampf um die Wahrheit. Die Menschen im Berufsverkehr reagieren darauf unterschiedlich: Einige schauen sich ratlos an, andere schütteln den Kopf, wieder andere lachen.

Es ist ein Tag, an dem wieder einmal demonstriert wird in Caracas und ganz Venezuela. Wieder einmal gegen die Unterdrückung der Presse- und Meinungsfreiheit, für demokratische Grundrechte, vor allem aber gegen die katastrophale Versorgungslage und für freie Wahlen. Es gibt kaum Brot, Milch, Medikamente. Die Krankenhäuser sind in einem katastrophalen Zustand, Kinder sterben an Unterernährung. Die Demonstrationen sind für die Opposition lebensgefährlich. Bereits rund 60 Menschen starben nach Ausbruch der Protestwelle, viele durch gezielt in die Menschenmenge gefeuerte Tränengasgranaten. Jetzt wurden nicht nur Mitstreiter des Oppositionsführers Henrique Capriles, sondern auch er selbst verletzt. Eine weitere Eskalationsstufe. Venezuela steuert weiter auf einen Bürgerkrieg zu. Keine der beiden Seiten will nachgeben.