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© REUTERS/CARLOS GARCIA RAWLINS

Venezuela: "Nur ein Exorzismus würde helfen"
08/05/2016

Venezuela: "Nur ein Exorzismus würde helfen"

Drei Jahre nach dem Tod von Hugo Chávez steht Venezuela vor dem wirtschaftlichen Ruin. Hinzu kommt eine akute Versorgungsknappheit, die die Bevölkerung auf die Straße treibt. Wie es soweit kommen konnte, dafür gibt es mehrere Wahrheiten.

von Karl Oberascher

"Früher haben sie dich aus fünf Metern erschossen. Heute setzen sie dir die Pistole an die Brust und drücken fünf Mal ab." Kelys Amundaray sagt das ohne Bitterkeit, dafür ist sie zu realistisch. Es ist eben, wie es ist, "Drogen, Prostitution, Menschenhandel, die Kriminalität ist allgegenwärtig," sagt die zierliche Venezolanerin bei unserem Treffen in Wien.

Amundaray, 36, arbeitet für die NGO "Humana et Natura", die sich im Nordwesten des Landes auch für die Rechte der indigenen Bevölkerung einsetzt – in Wien ist sie eigentlich nur auf Urlaub. Doch sie möchte die Gelegenheit nutzen, das Bild über Venezuela gerade zu rücken. "Die Situation ist wohl so schlimm wie noch nie", sagt sie. Aber: "Was ihr in Europa über Venezuela hört, hat nichts damit zu tun, was bei uns wirklich vorgeht."

Ehemals sozialistisches Hoffnungsland

Seit Monaten kommt eine Katastrophen-Meldung nach der anderen aus dem Land in Südamerika, das einmal die Hoffnung des "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" war. 700 Prozent Inflation, die höchste weltweit, raffen die Wirtschaft dahin. Einfuhren aus dem Ausland sind längst unleistbar, Medikamentenmangel in den Krankenhäusern und leere Kaufhausregale sind die Folge, der Schwarzmarkthandel blüht. Wer sich die überteuerten Preise nicht leisten kann, muss zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen. Vergangenes Monat brachen unbekannte Täter in den Zoo der Hauptstadt Caracas ein und töteten eines der Pferde, "um Fleisch zu entnehmen", wie die Staatsanwaltschaft es später formulieren sollte.

Zur wirtschaftlichen Krise kommt seit dem Tod von Hugo Chávez im Jahr 2013 auch eine politische. Die Opposition setzt alles daran, Nicolás MaduroChávez' glücklosen Nachfolger – abzusetzen, hat ein eigenes Referendum gestartet.

In Umfragen unterstützen derzeit mehr als 60 Prozent der Venezolaner die Amtsenthebung des sozialistischen Präsidenten. Regelmäßig kommt es zu landesweiten Protesten, die in der Vergangenheit auch blutig endeten. Im Februar 2014 wurden bei einer Protestwelle gegen die Regierung mindestens 42 Menschen getötet.

Drei Jahre nach dem Tod jenes Mannes, von dem man einmal glauben konnte, er verändere mit seinen Ideen ganz Lateinamerika, befindet sich das Land "im totalen Zusammenbruch", so die Diagnose der New York Times.

"Das ist eine reine Posse"

Direkt hinter dem Wiener Burgtheater, im Büro von René Kuppe, Universitätsprofessor an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, wo wir uns zum Interview verabredet haben, kann Kelys Amundaray darüber nur den Kopf schütteln. "Die Opposition leistet einfach hervorragende PR-Arbeit", sagt sie.

Es gebe noch einen zweiten Teil der Wahrheit, die im Ausland aber kaum jemanden interessiere: Dieselbe Opposition, die Präsident Maduro seit Monaten Versagen vorwirft, boykottiere das Land ganz gezielt, um einen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung zu erreichen. "Das ist eine reine Posse."

Wer ist also diese Opposition? René Kuppe kennt Kelys Amundaray noch aus seiner Zeit in Venezuela, wo er jahrelang zu den Indigenen-Rechten in gearbeitet hat. 1999 beriet er die Regierung Chávez bei der Schaffung einer neuen "bolivarischen Verfassung". "Die Opposition ist im Wesentlichen noch immer die von Chávez entmachtete Elite des Landes", sagt der Jurist. "Unternehmer, Großgrundbesitzer – "und zum Teil auch Kriminelle. Venezuela ist eine Gesellschaft, die von organisierter Kriminalität gesteuert wird – und die Unternehmerschicht ist definitiv Teil davon."

Für die kleinen Leute bleibt nichts über Die Grenze zwischen organisiertem Verbrechen und Politik mag nicht immer eindeutig auszumachen sein. Klar ist jedoch, dass beide von der aktuellen Krise profitieren. Die Opposition, weil die Stimmung kippt – und die Banden, weil sich damit wundervoll Geld verdienen lässt."

Mittlerweile werden sogar schon Leute angeheuert, die die Supermärkte leerkaufen sollen“, erzählt Amundaray. "Wenn die einfachen Menschen an die Reihe kämen, ist nichts mehr da. Wer versucht, sich vorzudrängeln, wird mit vorgehaltener Pistole bedroht."

In Venezuela gibt es sogar einen eigenen Namen für diese Leute. "Bachaqueros" – wörtlich übersetzt in etwa Ameisenkrieger, de facto Schwarzmarkhändler, die die Preise zusätzlich in die Höhe treiben. Ein Teufelskreis, der durch die staatliche Festsetzung von Preisen für bestimmte Lebensmittel und Konsumgüter noch intensiviert wird. Kostendeckend zu produzieren wird so immer schwieriger, die Inlandsproduktion ist eingebrochen.

Erdöls Werk und Teufels Beitrag

Ähnliche Probleme gab es auch schon unter Hugo Chávez. Auch damals baute das gesamte Wirtschaftsmodell Venezuelas auf den Deviseneinnahmen aus dem Ölgeschäft auf. Mit Öl wurden Abhängigkeiten gekauft, Firmen finanziert. Eigentlich immer schon.

Der Unterschied: Chávez konnte mit einem Ölpreis jenseits der 80-Dollar regieren. Was das Land nicht produzierte, wurde importiert – und daneben blieb auch noch genügend Geld übrig, um umfassende Sozialprogramme für weite Teile der Bevölkerung zu finanzieren. Seine Popularität reichte so auch noch für den Nachfolger Maduro, der 2013 mit knapp über 50 Prozent der Stimmen gewählt wurde.

"Chávez hat es in 13 Jahren Amtszeit nicht geschafft, die Wirtschaft zu diversifizieren, dass es sein Nachfolger Maduro in drei Jahren nicht schafft, ist da kaum verwunderlich", sagt Kuppe.

Chavismus ohne Charisma

Dennoch: "Wäre Chavez noch an der Macht, wäre die Situation nicht so schlimm", ist sich Amundaray sicher. Maduros Schwäche liegt nicht nur im historisch tiefen Ölpreis. Maduro war von Anfang an ein Kompromisskandidat innerhalb der regierenden Partido Socialista Unido de Venezuela (PSUV), die populistischen Fähigkeiten seines politischen Ziehvaters hat er sich nie zu eigen machen können.

"Chávez hatte das Charisma und das Öl, Maduro hat keines von beiden", sagt Kuppe.

Überhaupt Hugo Chávez : Auch drei Jahre nach dem frühen Krebstod jenes Mannes, der mit dem Wahlslogan "Patria o Muerte" – Heimat oder Tod – den USA die Stirn bot und damit einen ganzen Kontinent beeinflusste, ist sein Einfluss allgegenwärtig. Auch für Soti und Jesus Rodriguez war Chavez, der in Fernsehansprachen oft stundenlang zu seinen Venezolanern sprach, ein Mann mit einer besonderen Ausstrahlung - live miterleben konnten sie ihn allerdings nie. Nach dem ersten Staatsstreich von Hugo Chavez im Jahr 1992 verließ ihre Familie das Land. Ihr Großvater Sotero Rodriguez Peña war nach dem Ende der Diktatur 1958 Abgeordneter der Zentrumspartei Accíon Democrática und Gewerkschaftsführer der mächtigen Öl-Arbeiter gewesen.

Auch das ist Venezuela: Seit der Machtübernahme der Sozialisten gibt es eine massive Auswanderungsbewegung - 50 Prozent der Ärzte sollen das Land bereits verlassen haben. Für Soti und Jesus Rodriguez ging es über Washington 1995 nach Wien, wo die beiden inzwischen erfolgreich Junggastronomen sind und auch modern interpretiertes venezolanisches Essen servieren. "Es wird sich sicher etwas ändern", sind sich die beiden sicher. "Die Frage ist nur, wie." Genauer wollen sich die beiden Brüder nicht äußern. Die beiden sind vorsichtig geworden, Politik spiele in ihrem Freundeskreis kaum eine Rolle. "In Wien gibt es zwei Gruppen von Venezolanern. Die einen, die bei der Botschaft oder der UNO arbeiten, und die anderen, die bei der OPEC sind." Bei beiden könne man sich die politische Einstellung denken – thematisiert werde sie jedoch kaum. "Man sucht das Verbindende, die Kultur, nicht das Trennende."

Ein Regierungswechsel würde an der Situation in Venezuela gar nichts ändern, ist sich Kelys Amundaray sicher. Zu tief hat sich die organisierte Kriminalität in das venezulanische Staatswesen eingegraben, zu schwer wiegen Korruption und Klientelwirtschaft. Was etwas ändern würde? "Ein Exorzismus", antwortet sie und muss kurz lachen. "Nur ein Exorzismus", wiederholt sie. Und diesmal klingt es bitter.

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