Der libertäre Kandidat Gary Johnson.

© REUTERS/KEVIN KOLCZYNSKI

US-Wahlen
08/04/2016

Dieser Mann könnte die US-Wahlen entscheiden

Gary Johnson will als Kandidat der Libertären US-Präsident werden und buhlt nun um prominente Unterstützer.

von Thomas Trescher

Ihr Motto ist „Bernie Or Bust“: Bernie Sanders oder gar niemand. Die Hardcore-Fans des in den demokratischen Vorwahlen unterlegenen Senators aus Vermont sind nicht zimperlich, wenn es darum geht auszudrücken, für wen ihr Herz immer noch schlägt – und für wen nicht. Selbst ihren Helden Bernie Sanders buhten sie aus, als der sich für Hillary Clinton aussprach.

Die Kandidaten sind unbeliebt wie nie zuvor

Nun sind jene, die lautstark Wirbel gemacht haben, nur eine kleine, laute Minderheit. Aber das Problem ist: Auch die breite Masse der Bernie-Sanders-Fans ist nicht vollends überzeugt von der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton. Eine Bloomberg-Umfrage aus dem Juni besagt, dass lediglich 55 Prozent der Sanders-Unterstützer sicher für Hillary Clinton stimmen wollen.

Und auf dem republikanischen Parteitag verweigerte der texanische Senator Ted Cruz dem Kandidaten Donald Trump die Unterstützung; während andere, wie John Kasich, der Gouverneur aus Ohio – wo der Parteitag stattfand -, gar nicht erst auftauchten. Und als Trump vergangene Woche die Eltern des muslimischen US-Soldaten Humayun Khan beleidigte, die ihn kritisiert hatten, waren Parteikollegen wie republikanische Geldgeber schockiert; manche traten sogar aus der Partei aus.

Auf beiden Seiten herrscht also große Unzufriedenheit mit den eigenen Kandidaten. Beide Kandidaten sind unbeliebter als alle, die jemals zuvor für Republikaner oder Demokraten antraten. Und da kommen Gary Johnson und Jill Stein ins Spiel. Johnson tritt für die Libertären und Stein für die Grünen an – Splitterparteien, die kaum Bedeutung haben. Und auch wenn weder Johnson noch Stein eine reale Chance haben, tatsächlich Präsident zu werden, könnten sie das Zünglein an der Waage sein, das entweder Clinton oder Trump zu viele Stimmen abspenstig macht und damit den Sieg kostet.

Die Alternativen

Die grüne Jill Stein könnte die Alternative für „Bernie or Bust“- Demokraten sein, die unter keinen Umständen Hillary Clinton wählen würden. Und laut den Umfragen ist sie das auch in gewissem Ausmaß. Dort steht sie aktuell bei knapp über drei Prozent, immerhin weit mehr als die 0,36 Prozent, die sie bei den Wahlen 2012 erhielt, wo sie ebenfalls antrat und Barack Obama wiedergewählt wurde.

Gary Johnson liegt in den Umfragen nochmal besser, aktuell bei durchschnittlich 7,4 Prozent. Johnson war von 1995 bis 2003 Gouverneur des Bundesstaats New Mexico, damals trat er noch für die Republikaner an, auch sein „running mate“, William Weld, war in den Neunzigern für die Republikaner Gouveneur von Massachusetts. Libertäre setzen sich für die größtmögliche Freiheit des Individuums und möglichst wenig Staat ein. Manche, wie Ron Paul, der sich 2012 erfolglos um die republikanische Nominierung bewarb, engagieren sich immer noch in der republikanischen Partei, andere wie Johnson und Weld haben sich eben von ihr losgesagt.

Wer braucht eigentlich Führerscheine?

Sie sind sich mit den Republikanern meist einig, wenn es um Kürzungen von Staatsausgaben oder Steuern geht, lehnen aber auch militärische Interventionen ab und Johnson möchte auch die Ausgaben für das US-Militär um 20 Prozent kürzen. Zudem sehen sie ihren Liberalismus auch gesellschaftspolitisch: Wie jemand lebt und liebt, geht ihrer Meinung nach den Staat nichts an; sie treten für das Recht auf Abtreibungen und jegliche Rechte für Homosexuelle und Transgender-Personen ein. Viele von ihnen sind für die Freigabe aller Drogen, auch Johnson konsumiert Marihuana. Am Parteitag der Libertären wurde er dennoch ausgebuht, weil er es nicht befürworten würde, könnten Fünfjährige Heroin kaufen und auch dem Führerschein einen Sinn abgewinnen. Denn auch den lehnen wirklich Libertäre ab: Wer auf der Straße unterwegs ist, sollte der Staat nicht kontrollieren dürfen.

„In jeder Partei gibt es Verrückte“, sagte Johnson dem Comedian und Publizisten Bill Maher in einem Interview, der wiederum fand, dass Johnsons – weitaus gemäßigtere – Positionen eigentlich „klassisch republikanisch“ seien, während Trump den „verrückt republikanischen“ Zweig repräsentiere. Mitt Romney, gescheiterter Präsidentschaftskandidat der Republikaner 2012, gehört nicht nur zu jenen Republikanern, die Trump bislang die Gefolgschaft verweigern, sondern er sagte CNN auch, dass er überlegt, Johnson und Weld zu unterstützen. Weld, sagte er, würde er sofort unterstützen, Johnson zuvor erst besser kennenlernen.

Ist Johnson der neue Ralph Nader?

In einem Zweiparteiensystem wie in den USA ist es selten, dass ein Kandidat, der nicht Republikanern oder Demokraten angehört, überhaupt wahrgenommen wird – oder gar von einem prominenten Mitglied einer der beiden großen Parteien unterstützt wird. 15 Prozent müsste ein Kandidat in den Umfragen konstant erreichen, damit er zu den TV-Debatten zwischen den Präsidentschaftskandidaten eingeladen wird – und die Unterstützung prominenter Republikanern könnte Johnson zu diesem Sprung verhelfen.

Der Letzte, der nicht für Demokraten und Republikaner antrat, und dennoch an den Debatten teilnehmen durfte, war der Industrielle Ross Perot 1992, der als Unabhängiger gegen den späteren Sieger Bill Clinton und den amtierenden Präsidenten George Bush antrat. Er führte im Juni 1992 sogar in den Umfragen und erhielt letzten Endes knapp 19 Prozent der Stimmen.

Aber jener Drittkandidat, dem der größte Einfluss auf ein Präsidentschaftsrennen zugesprochen wird, heißt Ralph Nader. Als im Jahr 2000 das Rennen zwischen Al Gore und George W. Bush in Florida entschieden wurde, hatte Bush dort (nach einem umstrittenen Urteil des Obersten Gerichtshofs) gerade 537 Stimmen Vorsprung – und viele Beobachter sind sich einig, dass Al Gore Florida und die Präsidentschaft gewonnen hätte, hätten dort nicht auch knapp 100.000 Menschen für den Grünen Ralph Nader gestimmt.

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