Politik | Ausland
14.04.2017

Nordkorea: China sieht Gefahr eines losbrechenden Konflikts

Zwei US-Zerstörer, bewaffnet mit Marschflugkörpern des Typs "Tomahawk", halten sich in der Nähe der koreanischen Halbinsel auf. Regierungsvertreter dementieren Pläne für einen Präventivschlag. Sowohl China als auch Russland fordern ein Ende der Provokationen. Nun droht Nordkorea den USA.

Im Streit um Nordkoreas Atom- und Raketenprogramm erhöhen die USA den Druck auf Machthaber Kim Jong-un. Wegen der Sorge um einen möglichen neuen Atomversuch ist sogar von einem präventiven Luftangriff der USA gegen Nordkorea die Rede. Als Demonstration der Stärke wird am Wochenende auch ein Flottenverband mit einem US-Flugzeugträger in den Gewässern nahe der Koreanischen Halbinsel erwartet.

"Militärische Optionen" würden bereits geprüft, sagte ein außenpolitischer Berater des Weißen Hauses am Freitag. Unter Berufung auf mehrere Mitarbeiter von US-Geheimdiensten berichtete der US-Fernsehsender NBC am Freitag, dass die USA darauf vorbereitet seien, einen Präventivschlag gegen Nordkorea auszuführen, sollten sie davon überzeugt sein, dass Pjöngjang einen weiteren Atomtest vornehmen wolle.

US-Regierung nennt Berichte "spekulativ"

Ein Vertreter der US-Regierung hat die Gerüchte um Pläne für einen Präventivschlag zurückgewiesen. Der Bericht des TV-Senders NBC sei schlicht falsch, hieß es am Donnerstag. Ein anderer Regierungsvertreter sagte, der Beitrag sei "bestenfalls spekulativ". Das Verteidigungsministerium lehnte eine Stellungnahme ab. Man diskutiere mögliche Szenarien grundsätzlich nicht in der Öffentlichkeit.

Nordkorea droht den USA

Das nordkoreanische Militär hat nun vor dem 105. Jahrestag des Geburtstags von Staatsgründer Kim Il-sung Drohungen gegen die USA ausgestoßen. Mit ihrem Raketenangriff in Syrien habe die Regierung von US-Präsident Donald Trump "den Weg der offenen Drohung und Erpressung" gegen Nordkorea betreten, erklärten die Streitkräfte in Pjöngjang am Freitag. Am Samstag begeht Nordkorea den Geburtstag Kim Il-sungs, des Großvaters und Vor-Vorgängers des aktuellen Staatsführers Kim Jong-un. Die Erklärung des nordkoreanischen Militärs enthielt martialische Drohungen gegen US-Stützpunkte in Südkorea und den Präsidentenpalast in Seoul, der bei einem Militärschlag Nordkoreas "in wenigen Minuten zertrümmert" werden könnte. Experten halten einen Atomwaffentest aus Anlass des 105. Geburtstags von Kim Il-sung für möglich. US-Präsident Donald Trump drohte in den vergangenen Wochen mehrfach damit, das Atomprogramm Nordkoreas notfalls im Alleingang zu stoppen.

"Man hat das Gefühl, dass jederzeit ein Konflikt losbrechen kann"

Angesichts der zunehmenden Spannungen zwischen Nordkorea und den USA hat China eindringlich davor gewarnt, dass jederzeit ein Konflikt losbrechen könne. "Die Spannungen zwischen den USA und Südkorea auf der einen Seite und Nordkorea auf der anderen Seite haben zugenommen, man hat das Gefühl, dass jederzeit ein Konflikt losbrechen kann", sagte der chinesische Außenminister Wang Yi am Freitag in Peking.

Wang warnte zugleich vor den Folgen einer direkten Konfrontation. "Wenn es einen Krieg gibt, ist das Ergebnis eine Situation, in der jeder verliert und es keinen Gewinner geben kann." Egal welche Seite einen Konflikt provoziere, müsse diese die "historische Verantwortung dafür übernehmen und den entsprechenden Preis zahlen". Chinas sei der Auffassung, dass "Dialog die einzige Lösung" sei.

Marschflugkörper vor Nordkorea

Zwei US-Zerstörer, bewaffnet mit Marschflugkörpern des Typs "Tomahawk", halten sich nach diesen Geheimdienstangaben in der Nähe der koreanischen Halbinsel auf. Einer davon sei etwa 480 Kilometer vom Atomtestgelände entfernt. Für den Fall einer Militäraktion der USA hat Nordkorea allerdings mit Vergeltung gedroht. Am Sonntag wird US-Vizepräsident Mike Pence in der südkoreanische Hauptstadt Seoul erwartet.

Zuletzt hatte es Hinweise gegeben, dass Nordkorea nach mehreren Raketentests einen neuen Atomwaffentest unternehmen könnte - möglicherweise sogar anlässlich des 105. Geburtstags des Staatsgründers Kim Il-sung an diesem Samstag. Das US-Korea-Institut der Johns-Hopkins-Universität berichtete, Satellitenbilder des Testgeländes im Nordosten zeigten anhaltende sowie neue Aktivitäten.

Warnung vonseiten Chinas

China hatte US-Präsident Donald Trump eindringlich vor einem Militärschlag gegen das abgeschottete kommunistische Land gewarnt. Peking warnt vor einer Eskalation und ruft alle Beteiligten zur Zurückhaltung auf. "Wir fordern ein Ende der Provokationen und Drohungen, bevor die Lage nicht mehr zu retten ist", sagte Chinas Außenminister Wang Yi am Freitag in Peking nach Gesprächen mit seinem französischen Amtskollegen Jean-Marc Ayrault.

Wer Probleme auf der koreanischen Halbinsel mache, werde die Verantwortung übernehmen müssen. Der Konflikt zwischen den USA und Südkorea auf der einen und Nordkorea auf der anderen Seite habe "eine potenziell gefährliche Atmosphäre" geschaffen, die höchste Aufmerksamkeit erfordere.

In einer Twitter-Kurznachricht schrieb der US-Präsident am Donnerstag: "Ich bin sehr zuversichtlich, dass China angemessen mit Nordkorea umgehen wird. Wenn sie dazu nicht in der Lage sind, werden die Vereinigten Staaten es mit ihren Verbündeten sein."

Verwirrung um Flüge nach Pjöngyang

Die chinesische Fluggesellschaft Air China hat einige Flüge von Peking in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang ausgesetzt. Als Grund für das Aussetzen einiger Flüge von Peking in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang nannte Air China am Freitag eine zu geringe Nachfrage nach Tickets. Es seien nicht alle Flüge auf der Strecke gestrichen worden, teilte die Pressestelle der Fluggesellschaft mit und widersprach damit einem Bericht des staatlichen Fernsehsenders CCTV.

Dieser hatte auf seiner Internetseite berichtet, alle Flüge zwischen Peking und Pjöngjang seien ausgesetzt worden, ohne einen Grund oder eine Quelle für die Information zu nennen.

Russland ruft zur Zurückhaltung auf

Auch Russland hat angesichts der zunehmenden Spannungen zwischen den USA und Nordkorea zur Zurückhaltung aufgerufen. "Moskau beobachtet die Eskalation der Spannungen auf der Koreanischen Halbinsel mit großer Sorge", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Freitag vor Journalisten.

Russland rufe alle Länder zur Zurückhaltung auf und warne vor "provokativen Schritten". Kurz zuvor hatte bereits China vor der Möglichkeit eines jederzeit losbrechenden Konflikts gewarnt.

https://twitter.com/POTUS/status/851798946074832896
President Trump (@POTUS


Für den Fall eines Krieges befürchtet der Nordkorea-Experte Rüdiger Frank verheerende Konsequenzen. "Am Ende wird die koreanische Halbinsel ein rauchendes Trümmerfeld mit Millionen von Leichen sein, von den geopolitischen Konsequenzen ganz zu schweigen", sagte Frank der dpa. Die Gefahr eines bewaffneten Konflikts sei gestiegen. Dabei wäre Nordkorea nach seiner Überzeugung bereit, über sein umstrittenes Atomprogramm zu verhandeln. Dazu müsse der Westen aber verstehen, dass Pjöngjang bestimmte Garantien brauche, sagte der Leiter des Ostasieninstituts der Universität Wien.

"Die größte Gefahr derzeit ist, dass es zu Missverständnissen in der Kommunikation zwischen Trump und (Machthaber) Kim Jong-un kommt", sagte die Nordkorea-Kennerin Jean Lee in Seoul. "Wenn sich eine der beiden Seiten zu sehr in die Enge getrieben sieht, dann könnte es zu einem Militärschlag kommen." Ob US-Präsident Donald Trump für eine Militäraktion auch die Zustimmung Südkoreas einholen würde, sei schwer zu sagen, weil er "mit vielen traditionellen Regeln bricht".

Nordkoreas Raketenarsenal

Der Krisenherd Korea und die Sorge vor der Bombe

Wer in der südkoreanischen Zehn-Millionen-Metropole Seoul eine Schutzeinrichtung sucht, wird meist schnell fündig. Die U-Bahn-Stationen sind so tief in die Erde gebaut, dass sie der Bevölkerung im Fall eines Kriegs mit dem kommunistischen Nordkorea fürs erste als Zufluchtsort dienen sollen.

In Südkorea mag sich derzeit niemand einen zweiten Korea-Krieg vorstellen - der Bruderkrieg von 1950 bis 1953 hat drei Millionen Menschen das Leben gekostet. Doch die Furcht vor einer Eskalation auf der Halbinsel hat zuletzt zugenommen. Die Führung im Norden strebt trotz internationaler Ächtung den Bau von Atomwaffen mit großer Reichweite an - womöglich bis in die USA. Zuletzt gab es mehrere Raketentests, ein Atomwaffentest könnte bald bevorstehen.

Die Sorge in Südkorea ist nun, dass ein unvorhergesehener Zwischenfall rasch außer Kontrolle geraten oder ein gezielter Angriff der USA auf nordkoreanische Militäreinrichtungen verheerende Vergeltungsschläge provozieren würde. Die kommunistische Führung in Pjöngjang selbst, die den USA eine feindselige Politik unterstellt, droht immer wieder mit Erstschlägen.

"Akute April-Krise"

Eine Serie von Ereignissen hat in Südkorea zuletzt Gerüchte über eine akute "April-Krise" nach sich gezogen. Dazu gehörte auch die Entsendung eines Verbands von US-amerikanischen Kriegsschiffen um den Flugzeugträger "USS Carl Vinson" in Richtung Korea. US-Präsident Donald Trump hat mehrmals mit einem Alleingang im Streit um Nordkoreas Atomprogramm gedroht - das heißt, notfalls auch ohne China, die traditionelle Schutzmacht Nordkoreas.

"Übetriebene Einschätzungen der Lage"

Südkoreas Regierung versucht, den Gerüchten um eine Sicherheitskrise entgegenzutreten. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums mahnte, "übertriebene Einschätzungen der Lage" nicht zu glauben. Auch geht Seoul davon aus, dass die USA ohne eine "enge Kooperation" keinen Militärschlag gegen Nordkorea starten würden. Auch gibt es derzeit keine Anzeichen dafür, dass die USA ihre Landsleute in Südkorea, deren Zahl auf mehr als 200.000 geschätzt wird, zurückrufen.

Experten: Im Ernstfall "große Verluste unvermeidlich"

Einig sind sich Beobachter, dass ein Militärschlag gegen Nordkorea extreme Risiken birgt. Seoul, das nur 50 Kilometer von der Grenze entfernt liegt, ist in Reichweite nordkoreanischer Artilleriegeschütze und Kurzstreckenraketen. Südkorea schätzt, dass der Norden mehr als 13.000 Artilleriegeschütze hat, von denen die meisten entlang der vier Kilometer breiten entmilitarisierten Zone (DMZ) stehen. Selbst wenn Südkorea mit Hilfe der im Land stationierten US-Truppen die Artillerie Nordkoreas ausschalten könnte, wären im Ernstfall "große Verluste unvermeidlich", befürchten Experten.

Krieg könnte Südkorea um Jahrzehnte zurückwerfen

Nordkoreas Regierung weiß, dass sie mit einem Angriff ihr Überleben aufs Spiel setzt, doch ein Krieg würde auch das wirtschaftsstarke Südkorea um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurückwerfen. "Trotz fehlender Ressourcen und veralteter Ausrüstung könnte Nordkorea durch sein großes, nach vorne positioniertes Militär mit kurzer oder keiner Warnung einen Angriff starten", hieß es einem Bericht des US-Verteidigungsministeriums an den Kongress über Nordkoreas Militärfähigkeiten 2015. "Das Militär verfügt über die Fähigkeit, Südkorea bedeutenden Schaden zuzufügen, besonders in der Region von der DMZ bis Seoul."

Daneben können Nordkoreas geschätzte 1.000 Scud- und Rodong-Raketen fast jedes Ziel in Südkorea treffen. Seoul schätzt, dass nordkoreanische Musudan-Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite zwischen 2.500 und 4.000 Kilometern zudem nicht nur Ziele in Südkorea oder Japan treffen, sondern auch den US-Militärstützpunkt auf Guam im Westpazifik erreichen können.

"Niemand ist darauf vorbereitet, einschließlich Nordkorea. Auch die USA sind nicht bereit dafür"

China fürchtet die unkalkulierbaren Risiken eines US-amerikanischen Militärschlages, der auch das große Nachbarland schwer treffen könnte - besonders bei einer nuklearen Eskalation. Einige Beobachter gehen davon aus, dass Chinas Streitkräfte auf eine Intervention vorbereitet sein dürften, um unter Umständen möglichst rasch Kontrolle über die nordkoreanischen Atomwaffen gewinnen zu können. "Ein Land hat immer Krisenpläne", sagt der Nordkorea-Experte und Professor Jin Qiangyi von der Yanbian Universität in der Provinz Jilin. Aber er warnt auch: "Niemand ist darauf vorbereitet, einschließlich Nordkorea. Auch die USA sind nicht bereit dafür." Die Situation eskaliere gerade. "Wenn Nordkorea jetzt einen Atomversuch oder einen Raketentest unternimmt, wird die Lage sehr ernst. Wenn sie sich zurückhalten, kann die Krise vorbeiziehen."