Politik | Ausland
17.08.2017

USA: Auf den Mob auf der Straße folgt die Online-Meute

Nach der Eskalation in Charlottesville werden in den sozialen Medien rechte Demo-Teilnehmer geoutet. Mit teils dramatischen Konsequenzen.

Ein verschwommenes Foto reichte, um Kyle Quinns Karriere, vielleicht sogar sein Leben, in Gefahr zu bringen. Aufgenommen wurde es bei dem Fackellauf rechtsextremer Gruppen in Charlottesville vom vergangenen Freitag. Also einen Tag, bevor ein bekennender Rechtsextremer mit seinem Auto in eine Gruppe von Gegendemonstranten fahren – und das kleine Städtchen in Virginia zum Schicksalsort für die Präsidentschaft Donald Trumps machen sollte.

Auf dem Foto ist ein junger, bärtiger Mann in einem roten T-Shirt mit der Aufschrift „ Arkansas Engineering“ zu sehen. Er hat eine Fackel in der Hand, trägt eine rahmenlose Brille – mehr ist nicht zu erkennen.

Auf Twitter waren sich einige Nutzer dennoch sicher: Das ist Kyle Quinn, Dozent am College of Engineering an der Universität von Arkansas.

Online- vs. Straßenmob

Eine schnelle Zuschreibung, leichtfertig gefällt von einem Online-Mob, der es sich als Reaktion auf den Mob in Charlottesville zum Ziel gesetzt hat, die Neonazis und „White Supremacists“ zu entlarven, die dort aufmarschiert waren.

Innerhalb von wenigen Stunden erreichten Quinn so hunderte Nachrichten über Twitter und E-Mail. Er wurde als Rassist beschimpft, seine Entlassung wurde gefordert, sogar seine Wohnadresse wurde veröffentlicht. Aus Angst um ihre Sicherheit verbrachten er und seine Frau das Wochenende deshalb bei Freunden.

Dabei könnte Quinn nicht weniger mit den Protesten zu tun haben. Als in Charlottesville rund 6.000 Menschen aus Amerikas ultrarechtem Spektrum durch die Straßen zogen, war der Biologe 1.100 Meilen entfernt bei einem Bowlingabend mit Freunden, wie die New York Times berichtet. „Ich habe mein Leben der Aufgabe gewidmet, anderen zu helfen, die Gesundheitsversorgung zu verbessern und die nächste Generation von Wissenschaftlern auszubilden. Und diese Aktion macht dem womöglich einen Strich durch die Rechnung“, zitiert die Zeitung Quinn.

Das Missverständnis konnte zwar schnell behoben werden, auch die Universität von Arkansas verbürgte sich in einem offiziellen Statement für Quinn. Dennoch wirft der Fall ein bezeichnendes Licht auf die aufgeheizte Stimmung in Amerika, die in den sozialen Medien ihre potenziell fatale Fortsetzung findet.

Kampfkampagne @YesYoureRacist

Denn Quinn ist nicht der einzige Betroffene. Im Internet kursieren seit dem Wochenende zahlreiche Fotos vermeintlicher oder tatsächlicher Neonazis. Das Ziel: Die anonyme Masse der Rassisten soll benannt, bloßgestellt, und bestraft werden. Angestoßen wurde sie laut Washington Post bereits am Samstag durch den (anonymen) Twitter-Account @YesYoureRacist.

Binnen weniger Minuten verbreiteten sich unter dem dazugehörigen Hashtag #GoodNightAltRight die ersten Namen, was im Fall von Cole W. auch tatsächlich ernste Konsequenzen nach sich zog. Der als Neonazi geoutete Koch verlor seinen Arbeitsplatz in einem Hotdog-Restaurant im kalifornischen Berkeley, berichtet die Washington Post.

Kündigungen

Der Koch habe gekündigt, teilte das Lokal der Zeitung mit. Offenbar jedoch nicht ganz freiwillig: "Wir respektieren das Recht auf Meinungsfreiheit unserer Mitarbeite. Sie können frei eigene Entscheidungen treffen, aber müssen die Konsequenzen solcher Entscheidungen akzeptieren."

Auch in Österreich führten – nachgewiesenermaßen von den betroffenen Personen veröffentlichte Hasspostings – immer wieder zu Entlassungen. In einem aktuellen Fall wurde einer Mitarbeiterin der MedUni-Wien gekündigt, nachdem sie sich positiv zu dem Mordanschlag in Charlottesville, bei dem eine 32-Jährige Frau tödlich verletzt wurde, geäußert hatte. "Gut so! Wer so deppert ist, überall Nazis zu sehen, soll für seine Dummheit auch bezahlen“, schrieb sie Montagvormittag auf Facebook. Und:. „Besser es trifft sie selbst, als mich oder andere vernünftige Menschen. Ich habe kein Mitleid mit ihr.“

Die Frau postete unter Klarnamen (mehr dazu hier), ist also nur bedingt mit den Fällen in Amerika vergleichbar.

Dort gibt es für das Veröffentlichen von persönlichen Daten im Internet bereits einen eigenen Namen: Doxxing. Und in der Vergangenheit gab es immer wieder Beispiele dafür, wie wenig Verlass auf die sogenannte "Cloud-Intelligenz" ist.

So kursierten bereits wenige Stunden nach dem Bomben-Attentat auf den Boston-Marathon im Jahr 2013 Fotos von Verdächtigen im Internet. Zwei junge Männer mit Rucksäcken seien verantwortlich für das Attentat, hieß es. Eine Fehleinschätzung, wie sich schnell herausstellen sollte. Dennoch wurden die Bilder damals sogar von der New York Post veröffentlicht – ein warnendes Lehrstück für Journalisten weltweit. Die sozialen Medien scheinen noch immer nichts daraus gelernt zu haben.