Donald Trump auf Wahlkampftour in Pennsylvania.

© APA/AFP/GETTY IMAGES/Justin Merriman

Trump und Clinton auf Tour
10/26/2016

US-Wahlkampf: Die Hoffnung der Hoffnungslosen

Trump und Clinton auf Tour durch Pennsylvania: Je trister die Gegend, desto größer die Versprechen – und die Wut der Anhänger.

Wenn Bill seine Geschichte erzählt, steckt die von Johnstown gleich mit drinnen. Und das vorläufig letzte Kapitel steht in einem Satz auf dem T-Shirt des wuchtigen Endfünfzigers. "Ich war dabei bis zum Ende …"

Dieses Ende kam vor fünf Jahren, da sperrte das Stahlwerk in der Stadt im Westen von Pennsylvania endgültig zu. Drei Mal hatte man Bill zuvor schon entlassen. Mit jedem Wechsel der Eigentümer kam eine Kündigung und schließlich ein neuer Vertrag mit weniger Geld. Als es dann endgültig vorbei war, blieb nur noch das T-Shirt, das die Gewerkschaft am letzten Arbeitstag verteilte.

Bill hätte lieber seine Krankenversicherung, die die Gewerkschaft angeblich auf Lebenszeit ausverhandelt hatte, behalten, doch auch die war mit dem Job weg.

Das T-Shirt trägt er trotzdem mit Stolz, gerade heute in der örtlichen Eishockeyhalle, wenn Donald Trump oben am Rednerpult über die Stahlarbeiter von Johnstown als "die vergessenen Helden dieses Landes" spricht. Für diese Helden werde er, so verspricht der Milliardär auch heute wieder, die Stahlindustrie hierher zurückbringen. Statt billigem chinesischem Stahl würde dann wieder guter amerikanischer in den Autos verbaut: "Wir bringen den Wohlstand hierher zurück."

Die bösen Medien

Versprechen wie diese lassen die bis auf den letzten Platz gefüllte Halle toben. Das will man von Trump hören, und dafür ist man auch entschlossen, ihn am 8. November zum Präsidenten zu wählen.

Die abgewrackten Industriereviere im Osten der USA sind die Hochburgen Trumps. Hier hat er seine treuesten Anhänger – und die lassen sich weder von Skandalen ihres Kandidaten noch von irgendwelchen Umfragen irritieren. Das alles sei ohnehin manipuliert, hört man in Gesprächen: Die Medien, die seien doch alle für Clinton, und außerdem würden die in Washington mit allen Mitteln versuchen, die Wahl zu deren Gunsten zu fälschen. Da hat dann einer eine Geschichte von einer Wählerliste parat, die mehr als hundert Prozent der Bewohner umfasst habe, auf einer anderen seien Tote draufgestanden. Da ist so ein Trump-Auftritt eine gute Gelegenheit, um Ärger und Frustration einmal in voller Lautstärke loszuwerden. Der ganze Saal skandiert "Betrügerin Hillary" oder "ins Gefängnis mit ihr".

Doch viel mehr als Dampf ablassen wollen die meisten hier nicht. Tatsächlich auf die Straße gehen, um gegen das Wahlergebnis zu protestieren? Da winken auch die lautesten Schreier resigniert ab. Das habe doch alles keinen Sinn.

Gute alte Zeit

Auch die Begeisterung für Trumps Versprechen nimmt schon beim Verlassen der Halle ab. Zu lange lebt man hier schon mit dem Niedergang, um an die Rückkehr von Stahl und Kohle zu glauben. "Die Jungen gehen weg", erzählt Dee über ihre zwei Kinder, die sie allein großgezogen hat. Ihr Mann ist früh gestorben, war auch Kohlebergwerker, so wie schon ihr Vater: "Das Gehalt war halt nicht mehr das gleiche."

Damals habe ein Arbeiter noch eine Familie alleine ernährt – und die Mama war immer zu Hause, wenn Dee von der Schule kam. Dass sie selbst das nicht mehr konnte, ist für Dee – das hört man in jedem Satz – eine persönliche Niederlage.

Umso leichter fällt es der Krankenschwester dann, sich in Rage zu reden, über die korrupte Hillary, die ja Dinge wie Abtreibung auf Staatskosten durchsetzen und die Familien zerstören wolle.

Kämpferische Frauen

Kaum 30 Meilen von Johnstown entfernt, in einem Vorort von Pittsburgh, stehen die Menschen drei Mal um den Häuserblock, um diese Hillary zu sehen. Und es sind vor allem die Frauen ab 40, denen man die Begeisterung für ihre Kandidatin anmerkt.

Die erste Frau als US-Präsidentin, der Stehsatz, bekommt hier wirklich Bedeutung. Clinton feiern viele als eine Frau, die sich gegen eine Männerwelt durchgesetzt hat: Eine Welt, in der, wie es die Kleinunternehmerin Susan formuliert, "Frauen doppelt so viel leisten müssen wie Männer – und dann als kaltherzig und bösartig denunziert werden – so wie Hillary."

Trumps sexistische Grobheiten nehmen viele in dieser Schul-Turnhalle verdammt ernst, und die Sehnsucht vieler Trump-Anhänger nach den alten Zeiten versteht man als Drohung: "Der will uns zurück in die 50er-Jahre befördern."

Trumps Sexismen, Frauenrechte, Zukunft für die Kinder: Auch in Clintons wie immer etwas gekünstelt wirkender Rede sind das die Themen. Doch viele der Frauen unten im Publikum könnten wohl viel deutlicher und mitreißender als die Kandidatin formulieren, worum es bei einer Stimme für Hillary eigentlich gehen sollte. So deutlich wie Susan eben, auch wenn das nicht für die Wahlkampf-Bühne geeignet ist: "Clinton hat einfach mehr Eier als die meisten männlichen Politiker, darum wird sie ja so angefeindet."

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