Politik | Ausland
09.08.2017

US-Verteidungsminister droht Nordkorea mit "Vernichtung"

Die Rufe aus Europa, die Besonnenheit im Konflikt mit Nordkorea forderten, verhallten offenbar ungehört. Trumps Verteidigungsminister Mattis setzte nach der Äußerung seines Präsidenten jetzt nach.

" Nordkorea sollte den USA besser nicht mehr drohen. Sie werden mit Feuer und Zorn getroffen, wie es die Welt noch nicht gesehen hat."

Die Feuer-Zorn-Rhetorik Donald Trumps hat die internationale Gemeinschaft einmal mehr aufhorchen lassen. "Weiteres Säbelrasseln wird uns hier sicher nicht weiterhelfen", ließ der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel am Mittwoch verlauten. Dessen SPD-Kollege Martin Schulz forderte gar "kühlen Kopf" zu bewahren.

Hitzköpfe

Aufforderungen, die in den USA freilich ungehört blieben. Nur wenige Stunden nach dem Statement seines Präsidenten legte jetzt US-Verteidigungsminister James Mattis nach. "Die Demokratische Volksrepublik Korea muss aufhören, sich selbst zu isolieren, und ihren Drang hin zu Atomwaffen aufgeben", heißt es in einem Statement vom Mittwoch. Und: "Die Demokratische Volksrepublik sollte jeden Gedanken an Handlungen aufgeben, die zum Ende ihres Regimes und zur Zerstörung ihres Volkes führen würden".

"Wählte Sprache, die Kim versteht"

Deeskalation sieht anders aus. Dabei war man im Weißen Haus zuvor um Relativierung bemüht. Mit seinem "Feuer und Wut"-Zitat habe Trump eine Sprache gewählt, die der nordkoreanische Präsident Kim Jong-un verstehe, sagte eine Sprecherin von Außenminister Rex Tillersons. Auch Tillerson selbst hatte sich zuvor ähnlich geäußert.

Der Minister und Trump zögen am selben Strang, sagte die Sprecherin. "Wir sprechen mit einer Stimme." Beide hätten sich am Mittwoch etwa eine Stunde lang telefonisch abgestimmt. Tillerson hatte sich am gleichen Tag bemüht, in der rhetorisch aufgeheizten Atmosphäre beruhigend aufzutreten.

Drohung Nordkoreas

Im Krieg der Worte ist freilich auch Nordkorea nicht zimperlich. Pjöngjang konterte die Äußerungen Trumps mit der Androhung eines Raketenangriffs auf das 3.000 Kilometer entfernte Guam im Pazifik. Die nordkoreanischen Streitkräfte zögen eine solche Attacke "ernsthaft in Erwägung", meldete die staatliche Nachrichtenagentur KCNA am Mittwoch. Der Plan zum Angriff könne "jederzeit" ausgeführt werden, sobald Staatschef Kim die Entscheidung dazu treffe, sagte ein Armeesprecher. Die USA sollten ihre "rücksichtslosen militärischen Provokationen" unterlassen, sodaß man nicht "gezwungen" sei, eine "unvermeidliche militärische Entscheidung" zu treffen.

Guams Gouverneur Eddie Calvo reagierte gelassen auf die Drohungen aus Pjöngjang. Das US-Außengebiet sei "auf alle Eventualitäten vorbereitet", erklärte Calvo in einer Fernsehansprache. Guams Sicherheitsberater George Charfauros sagte, die 162.000 Inselbewohner sollten sich "entspannen und das Paradies genießen".

Internationale Gemeinschaft besorgt

Weniger gelassen waren hingegen die internationalen Reaktionen. China als wichtigster Verbündeter Nordkoreas rief beide Seiten zur Mäßigung auf. Washington wie Pjöngjang sollten "Worte und Taten" unterlassen, die die Spannungen steigern könnten, erklärte die Regierung in Peking.

Die von KCNA zitierten nordkoreanischen Drohungen nehmen direkt Bezug auf die US-Luftwaffenbasis Andersen auf Guam, von der die Vereinigten Staaten immer wieder strategische Bomber des Typs B-1 zu Militärmanövern in Richtung koreanische Halbinsel entsandt haben. Erwogen wird demnach ein Angriff mit ballistischen Raketen des Typs Hwasong-12, um die US-Streitkräfte auf Guam und ihre dort stationierten Bomber in Schach zu halten - schließlich sei die Insel der potenzielle "Ausgangspunkt für eine Invasion in Nordkorea".

Pjöngjang rechtfertigte dies mit einer Mobilisierung des US-Atomwaffenarsenals sowie jüngsten US-Raketentests und Übungen mit Langstreckenbombern über Südkorea. "Solche Militärmanöver der USA könnten in der momentan extrem heiklen Situation auf der koreanischen Halbinsel einen gefährlichen Konflikt provozieren", hieß es.

Nordkorea habe für die Entwicklung seiner strategischen Waffen "alles riskiert" und nutze sie "weder als Faustpfand, um Anerkennung von Dritten zu bekommen, noch für irgendeinen Tauschhandel". Vielmehr seien sie "ein wichtiges militärisches Mittel, um entschlossen den politischen und wirtschaftlichen Druck der USA sowie ihre militärischen Drohungen zu kontern".

Grenzenloser vs. präventiver Krieg

In einer weiteren Stellungnahme kündigte ein nordkoreanischer Militärsprecher laut KCNA an, auf einen möglichen "Präventivkrieg" der US-Streitkräfte mit einem "grenzenlosen Krieg" zu reagieren, der "sämtliche Stützpunkte des Gegners ausrotten wird, auch auf dem US-Festland".

Inzwischen ist Nordkorea nach Erkenntnissen der USA und Japans in der Lage, Raketen mit Miniatur-Atomsprengköpfen zu bestücken - auch Interkontinentalraketen. Wie die "Washington Post" am Dienstag unter Berufung auf Geheimdienstquellen berichtete, habe Nordkorea nach Einschätzung des Geheimdienstes DIA bei seinem Atom- und Raketenprogramm viel schnellere Fortschritte gemacht als bisher angenommen. Nordkorea habe einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zur vollwertigen Atommacht getan, berichtete die Zeitung.

Südkorea will Streitkräfte reformieren

In Seoul hat das konkrete Folgen: Unter dem Eindruck der Gefahr aus dem Norden rief Südkoreas Präsident Moon Jae-in zu einer tiefgreifenden Reform der eigenen Streitkräfte auf. "Ich glaube, wir brauchen eine vollständige Verteidigungsreform im Sinne einer Wiedergeburt, anstatt nur einige Modifizierungen oder Verbesserungen durchzuführen", sagte Moon am Mittwoch der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap zufolge. Demnach will Südkorea unter anderem Raketen mit höherer Sprengkraft anschaffen, um unterirdische Bunker zerstören zu können.

Die NATO zeigte sich "besorgt wegen der anheizenden und bedrohlichen Rhetorik". "Wir fordern Nordkorea auf, von weiteren Provokationen Abstand zu nehmen und seine nuklearen und ballistischen Raketenprogramme in einer vollständigen, nachprüfbaren und irreversiblen Weise aufzugeben, wie es die Vereinten Nationen verlangen", sagte ein Sprecher der "Heilbronner Stimme" (Donnerstag).

Trotz Verboten des UNO-Sicherheitsrates und Warnungen aus dem Ausland hatte Nordkorea am 28. Juli eine Interkontinentalrakete getestet. Diese hatte nach Berechnungen von Experten eine theoretische Reichweite von rund 10.000 Kilometern. Nordkoreas Staatschef Kim sagte nach dem Test, das Festland der USA sei jetzt in Reichweite. Als Reaktion auf den Raketentest verhängte der UN-Sicherheitsrat die bisher schärfsten Wirtschaftssanktionen gegen Nordkorea.

Warum ein Krieg mit Nordkorea so gefährlich wäre

US-Präsident Donald Trump erwägt also auch "militärische Optionen", um Nordkorea an der weiteren Entwicklung von Atomwaffen und Interkontinentalraketen zu hindern. Ein gezielter Militärschlag oder selbst eine ungewollte militärische Eskalation dürfte aber sofort einen Gegenschlag Nordkoreas auslösen - mit verheerenden Folgen besonders für Südkorea und die dort stationierten 28.500 US-Soldaten.

- Die Zahl der Toten wäre enorm hoch. Nur 50 Kilometer südlich der Grenze leben rund 25 Millionen Menschen im Großraum Seoul.

- Auch ohne den Einsatz von Atomwaffen wären die Menschen in Gefahr. Nordkorea hat bis zu 15.000 Artilleriegeschütze an den Berghängen an der Demarkationslinie stationiert.

- Das amerikanische Nautilus-Institut schätzt, dass davon immerhin 700 Kanonen und Raketenwerfer die südkoreanische Hauptstadt unter Beschuss nehmen könnten.

- Ein Krieg würde eine Massenpanik auslösen. Seoul ist schwer zu evakuieren: In der Mitte wird die Stadt durch den Han-Fluss geteilt, im Süden von Bergen eingekesselt.

- Nordkorea könnte auch Raketen auf den amerikanischen Verbündeten Japan abschießen.

- Ein Krieg würde eine neue globale Wirtschafts- und Finanzkrise auslösen. Südkorea ist die elftgrößte Wirtschaftsnation der Erde.

- Die Aktienmärkte weltweit dürften massiv einbrechen. Schon Trumps Drohungen und die jüngste Eskalation verunsichern die Investoren.

- Ein Krieg der US-Amerikaner gegen Nordkorea könnte schnell zu einem globalen Konflikt eskalieren. Es ist unklar, wie sich Russland und vor allem China verhalten würden.

- Es könnte zu einer Konfrontation zwischen China und den USA kommen, auch wenn der große Nachbar und einstige Verbündete nicht mehr wie im Korea-Krieg (1950-53) an der Seite Nordkoreas kämpfen dürfte.

- Chinas Militär bereitet sich vielmehr darauf vor, im Kriegsfall schnell in Nordkorea einzudringen, um die Atomwaffen unter Kontrolle zu bringen und die Lage zu stabilisieren.

- Es drohen Millionen von Flüchtlingen über die Grenze nach China zu strömen und die Lage in Nordostchina zu destabilisieren.

- China fürchtet eine zwangsweise Wiedervereinigung Koreas unter Führung der USA, an deren Ende US-Truppen direkt an Chinas Grenze stehen könnten.