Politik | Ausland
29.11.2017

"Bewegen uns auf einen Krieg zu"

Nach Test mit einer Rakete, die die USA und Europa erreichen könnte, wächst Sorge vor US-Militäraktion.

Nach dem jüngsten Test einer neuen nordkoreanischen Interkontinentalrakete, die nach Berechnung von Experten die US-Hauptstadt Washington, aber auch Europa erreichen könnte, ist die Sorge vor einem militärischen Eingreifen Amerikas gegen das kommunistische Regime in Pjöngjang gewachsen.

"Wir bewegen uns auf einen Krieg zu, wenn sich die Dinge nicht ändern", sagte der republikanische Senator Lindsey Graham, der als Vertrauter von Präsident Donald Trump gilt. "Wir werden nicht zulassen, dass dieser verrückte Mann in Nordkorea die Fähigkeit erlangt, unser Heimatland zu treffen", fügte Graham mit Blick auf Diktator Kim Jong-un hinzu.

Ähnlich äußerte sich Südkoreas Präsident Moon Jan-in. Er warnte mit Blick auf die Olympischen Winterspiele, die Anfang 2018 in seinem Land stattfinden, vor einer Eskalation. "Wir müssen verhindern, dass Nordkorea die Lage falsch einschätzt und uns mit Atomwaffen bedroht, oder dass die USA einen Präventivschlag erwägen könnten."

Neue Sanktionen

Trump, der in der Causa mit Chinas Präsidenten Xi telefonierte, hatte nach Bekanntwerden des Abschusses einer Rakete vom neuen Typ Hwasong-15 am Dienstagabend zunächst nur erklärt, dass Amerika "mit der Situation umgehen wird". Erste Maßnahme: Neue Sanktionen.

Dabei löste ausgerechnet Verteidigungsminister James Mattis Beunruhigung aus. Nach seinen Worten erreichte die jetzt getestete Rakete, die nach 1000 km im Japanischen Meer landete, eine Flughöhe von fast 4500 km. Der renommierte Wissenschaftler David Wright errechnete daraus eine Flugbahn mit einer Reichweite von 13.000 km. Damit, so Mattis, sei nahezu jeder Ort auf der Welt ein potenzielles Ziel.Während der UN-Sicherheitsrat am Mittwoch tagte, warnten andere Fachleute vor einer Überbewertung. Die Rakete allein sage nichts über die tatsächliche Schlagkraft aus, erklärte sinngemäß der deutsche Wissenschaftler Markus Schiller. Erst müsse Nordkorea demonstrieren, dass es auch einen miniaturisierten Atomsprengkopf beim Wiedereintritt der Rakete in die Erdatmosphäre unbeschadet ins Ziel bringen kann. Präsident Trump hatte seit Amtsantritt mehrfach kategorisch ausgeschlossen, dass Nordkoreas Raketenprogramm jemals den jetzt behaupteten Reifegrad erreichen wird. "Das werde ich verhindern."

Dagegen stellte der Propaganda-Apparat in Pjöngjang nach dem Raketentest via Staatsfernsehen fest, dass Nordkorea nunmehr das historische Ziel erreicht habe, die atomare Streitmacht des Landes "zu vervollständigen".

Nordkorea-Experten wie Xia Liping von der Tongji-Universität in Shanghai erkennen darin einen Lichtblick. Weitere Tests seien überflüssig, sagte er. Das Regime könne nun mit den USA auf Augenhöhe in Verhandlung treten, um Wirtschafts- und Lebensmittelhilfe zu erreichen.

Existenzgarantie Ein Standpunkt, der bisher von der Regierung in Washington komplett abgelehnt wird. Dort wird erwartet, dass Nordkorea in Vorleistung tritt und sein Atomprogramm vollständig aufgibt. Was wiederum Kim Jong-un kategorisch ausschließt. Für den Diktator, der in diesem Jahr 20 Raketen- und Bombentests durchführen ließ, gilt das Atomprogramm als Existenzgarantie. Seiner Beteuerung, von Atomwaffen niemals Gebrauch zu machen, solange die Interessen Nordkoreas gewahrt bleiben, schenkt in der US-Regierung nur eine Minderheit Glauben.