Politik | Ausland 09.01.2013

Wien als Tummelplatz iranischer Agenten

Der Kalte Krieg ist Geschichte – und doch: Wien bleibt ein Anlaufpunkt für Spione. Besonders für iranische, behauptet ein neuer US-Report.

Vom Dritten Mann ist in Wien nichts mehr zu sehen. Nun aber sollen angeblich an die hundert Agenten des iranischen Nachrichtenministeriums „MOIS“ in der österreichischen Bundeshauptstadt ihr Unwesen treiben.

So zumindest steht es im Ende Dezember veröffentlichten, jüngsten Bericht der amerikanischen Library of Congress über den MOIS geschrieben. Der Grund für diese erhöhten Spionageaktivitäten: Österreich habe die Beziehungen zum Iran auch nach der US-Geiselkrise (1979–81) nicht abgebrochen und unterhalte „anhaltend gute Kontakte“ zum Mullah-Regime in Teheran.

Der österreichische Iran-Experte Walter Posch, Mitarbeiter an der renommierten Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, hegt Zweifel an der „angeblich“ so großen Zahl iranischer Agenten. „Wo internationale Organisationen vertreten sind – so wie in Wien – sind die Iraner sehr aktiv, das ist klar. Aber ob es nun mehr sind als in Deutschland, lässt sich nicht sagen. Und die Frage ist auch: Wen rechnet man bei diesen angeblich 100 dazu? Ist da auch der Mullah dabei, der in einer Moschee arbeitet und einmal berichtet? Aber an die hundert richtig ausgebildete Nachrichtenagenten in Wien – diese Zahl scheint mir doch sehr hoch.“

Fragwürdige Quelle

Posch verweist darauf, dass sich der US-Bericht beim Thema Wien auf einen einzigen Artikel einer französisch-iranischen Journalistin stützt. Diese wiederum liefert keine näheren Erläuterungen zu den „angeblich hundert“ Agenten.

Auch die österreichische Spionageabwehr scheint der vermeintlichen Agentenaktivität aus Teheran eher gelassen entgegenzutreten. Im Verfassungsschutzbericht 2012 wird der Iran nicht explizit erwähnt, ganz allgemein heißt es: „Österreich ist auch ein Ziel von Spionage. Aufgrund seiner Geschichte und geografischen Lage, seiner Neutralität und seines Sitzes einiger internationaler Organisationen stellt Österreich einen Angelpunkt für Operationen von Geheimdiensten dar.“

Regimegegner

Deutschlands Innenminister Hans-Peter Friedrich hatte hingegen 2011 offiziell bestätigt, dass MOIS-Agenten in Deutschland spionieren. Deren Haupt-Aktivitäten: „Oppositionelle Gruppen ausspionieren und sie bekämpfen.“ Weltweit soll das iranische Nachrichtenministerium MOIS über 30.000 Agenten verfügen. Besonders aktiv seien diese laut dem Bericht des „Library of Congress“ in den Ländern des Nahen Ostens, aber auch in Lateinamerika.

Zu spionieren aber gibt es offenbar auch in Österreich einiges: „Wegen der internationalen Sanktionen steht der Iran wirtschaftlich enorm unter Druck“, sagt Iran-Experte Posch. „Es besteht nicht nur Interesse an Atomtechnologie, sondern an jeder Technologie – kurz gesagt an allem, was verboten ist, weil es unter die Sanktionen fällt.“

( Kurier ) Erstellt am 09.01.2013