Csanad Szegedi: Ex-Antisemit lebt heute sein Judentum.

© Reuters/VINCENT KESSLER

Ungarn
10/22/2013

Vom Judenhasser zum geläuterten Juden

Ex-Jobbik-Vizechef Csanad Szegedi hetzte gegen Juden – bis er im Vorjahr entdeckte, dass er jüdische Wurzeln hat. Heute lebt er sein Judentum.

von Ingrid Steiner-Gashi

Er war einer der schlimmsten Scharfmacher in Ungarns rechtsextremer Jobbik-Partei, erging sich in antisemitischen Tiraden und hetzte gegen die „Zigeunerkriminalität“. Doch als im Vorjahr plötzlich bekannt wurde, dass der junge Vizechef der Jobbik – Spitzname „die Faust“ – eine jüdische Großmutter hat, war der politische Aufstieg für Csanad Szegedi blitzartig vorbei.

Er trat aus der Partei aus und zog sich ein Jahr aus der Öffentlichkeit zurück. Sein erstes Interview nach langem Schweigen und von heftigen inneren Kämpfen getragener Selbstfindung gab ein offensichtlich geläuterter Szegedi der deutschen Zeitung Welt am Sonntag. Er sei Ungar und Jude und wolle das auch leben, sagte er: Er achte den Shabbat, gehe in die Synagoge, lerne Hebräisch und die Regeln des Talmud.Seine früheren Hasstiraden bedauert er: „Ich war jemand, der Menschen Schmerzen zufügte ... ich trug dazu bei, ihnen den Weg zu verbauen.“

Die Jobbik hat den „Verlust“ ihres einstigen Jung-Politstars indes längst abgeschrieben. Die Rechtsradikalen, die bei den Wahlen 2010 16,7 Prozent der Stimmen erhielten, haben weiter Zulauf – nicht zuletzt wegen ihrer rabiaten Hetze gegen Ungarns Roma-Bevölkerung.

Das lange Schweigen

Kaum gemäßigter agierte die Jobbik gegen die rund 75.000 ungarischen Juden im Land. Die große Mehrheit lebt selbstbewusst und jüdisch, aber nicht streng gläubig. Anders als der heute 47-jährige Budapester Szabo György, der streng den jüdisch-orthodoxen Regeln folgt. Auch er hatte erst im Erwachsenenalter erfahren, dass er eine jüdische Mutter hat, schilderte György dem KURIER: „Wenn ich nicht zufällig einen alten Personalausweis meiner Mutter gefunden hätte, wüsste ich vielleicht heute noch nicht, dass ich Jude bin.“ Wie ihm, sagt er, sei es in Ungarn Tausenden seiner Generation ergangen: Wer in Ungarn den Holocaust überlebt hatte, zog es in den Jahren des Kommunismus oft vor, auch gegenüber den eigenen Kindern über seinen jüdischen Hintergrund zu schweigen.

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