Das AKW Saporoschje im Südosten der Ukraine ist das leistungsstärkste Kraftwerk Europas.

© APA/EPA/SERGEI SUPINSKY

AKW-Panne
12/03/2014

Störfall in der Ukraine: Kein neues Tschernobyl

Teil eines ukrainischen AKW ging unplanmäßig vom Netz. Premier sprach von Atomunfall und sorgte damit für Aufregung. Nun gibt es Entwarnung.

von Susanne Bobek

Es hat zu keinem Moment eine Gefahr für Österreich gegeben, es sind nie erhöhte Strahlenwerte gemessen worden", sagte Umweltminister Andrä Rupprechter dem KURIER. Da hatte auch die deutsche Regierung längst Entwarnung gegeben: "Die Bundesregierung hat bisher keine Hinweise auf einen Atomunfall in der Ukraine." Ein Sprecher des Umweltministeriums sagte, man habe einen Verbindungsmann bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit in Kiew kontaktiert. Dieser habe unter Berufung auf die ukrainischen Aufsichtsbehörden berichtet, einen Atomunfall gebe es nicht. Entsprechende Meldungen beruhten offenbar auf Missverständnissen.

Wie erst jetzt bekannt wurde, war im ukrainischen Atomkraftwerk Saporoschje am Freitag der dritte Reaktorblock nach einer Panne abgeschaltet worden. Im nicht-nuklearen Teil der Anlage habe es einen Brand gegeben.

"Keine Panik"

Selbst Greenpeace spielte den Zwischenfall als nach derzeitigem Stand nicht meldepflichtig herunter. Das Wiener Gesundheitsministerium warnte ausdrücklich vor Panikaktionen und "rät der Bevölkerung nachdrücklich davon ab, Jod-Tabletten einzunehmen".

Die Atomanlage Saporoschje liegt am Fluß Dnipro im Südosten der Ukraine. Es handelt sich um das leistungsstärkste Kraftwerk Europas. Die Anlage war 1984 in Betrieb genommen worden.

Offenbar passierte am Mittwoch in Kiew ein kommunikationstechnischer GAU und kein Atomunfall. Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk sagte, es habe sich "ein Atomunfall" ereignet – und ließ damit in ganz Europa die Alarmglocken schrillen. In Wahrheit soll er sich über die häufigen Stromausfälle geärgert haben. 41 Prozent der Stromversorgung kommen aus Atomkraftwerken.

Auf der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz erklärte der ukrainische Energieminister Wolodimir Demtschischin dann, von dem Störfall in Saporoschje gehe keine Gefahr aus: "Es gibt keine Probleme mit den Reaktoren, nein, es gibt nichts Gefährliches." Es seien keine Evakuierungsmaßnahmen eingeleitet worden, es sei keine erhöhte Radioaktivität gemessen worden.

In der Ukraine war es im April 1986 zu einem folgenschweren Atomunfall gekommen. Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl war explodiert. Die Detonation wirbelte radioaktive Teilchen in die Luft, die Strahlung war 400-mal stärker als beim US-Atombombenabwurf auf Hiroshima 1945. Mindestens 10.000 Menschen starben. Von der Ukraine breitete sich die radioaktive Wolke über Europa aus (siehe unten).

Fakten: Das AKW Saporischja

Saporischja gilt als Europas größtes Kernkraftwerk. Es verfügt über sechs Kraftwerksblöcke mit einer elektrischen Leistung von je 1000 Megawatt. Das AKW liegt direkt am Fluss Dnepr nahe der Stadt Enerhodar, etwa 50 Kilometer von der Großstadt Saporischja entfernt. Direkt neben dem Kernkraftwerk steht das konventionelle Kraftwerk Saporischja. Mit dem Bau des Kraftwerks Saporischja wurde im Jahr 1980 begonnen. Im Dezember 1984 wurde der erste Reaktor der russischen Standard-Baureihe WWER-1000/320 in Betrieb genommen.

In der Ukraine laufen 15 Druckwasserreaktoren an vier Standorten, zwei weitere Reaktoren sind im Bau. Es gibt vage Pläne für bis zu neun weitere Reaktoren. Das ukrainische Atomprogramm startete in den 1970er-Jahren mit dem Bau von vier Reaktoren in Tschernobyl. Es folgte ab den 1980er-Jahren ein massiver Ausbau der Atomkraft an vier weiteren Standorten, wobei fast durchwegs sehr groß dimensionierte Druckwasser-AKW entstanden, berichtete Global 2000. 1986 ereignete sich dann der weltweit bisher dramatischste Atomunfall an Block 4 in Tschernobyl.

Die Katastrophe vom 26. April 1986

Die Meldung von einem Störfall in einem Atomkraftwerk im Südosten der Ukraine weckt Erinnerungen an die Katastrophe im rund 600 Kilometer entfernten ukrainischen AKW Tschernobyl. Die Schreckensbilder vom explodierten Kernkraftwerk Tschernobyl, von verstrahlten Einsatzhelfern und Menschen auf der Flucht sind vielen Menschen bis heute im Gedächtnis.

Vor 26 Jahren explodierte in der damals noch zur Sowjetunion gehörenden Ukraine ein Druckröhrenreaktor. Es ist die bis dahin schwerste nukleare Katastrophe weltweit. Die Zahl der Todesopfer infolge des schweren Unglücks ist umstritten. Noch heute leiden in der Region große Landstriche unter der Verstrahlung.

Konstruktions- und Bedienungsfehler führten am 26. April 1986 zur Kernschmelze und zur Explosion des Reaktormantels. Ein druckfester Sicherheitsbehälter fehlte, Trümmer und spaltbares Material wurden hinausgeschleudert. Eine 30 Kilometer große Sperrzone um den Reaktor wird bis heute streng bewacht. Insgesamt war ein Gebiet von mehr als 200.000 Quadratkilometern in der Ukraine, Weißrussland und Russland stark betroffen. 120.000 Menschen wurden umgesiedelt.

Das Ausmaß der Katastrophe verschwieg wurden von der Sowjetführung tagelang verschwiegen. Mehr als 600 Millionen Menschen sollen nach Angaben von Atomkritikern gesundheitlich von der Katastrophe betroffen sein, weil sie erhöhter Strahlung ausgesetzt sind. Radioaktive Partikel hatten sich über große Teile Europas verbreitet. Ärzte sehen darin ein Risiko für Krebs und andere Krankheiten.

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