Überlebende aus Utøya erzählen

Das Ende des Massakers: Erst nach etwa einer Dreiviertelstunde konnte eine Spezialeinheit das Wüten des Attentäters beenden. Links im Bild verschanzen sich Jugendliche.
Foto: AFP

"Er sagte: Ich werde euch alle töten" - Überlebende aus Utøya erzählen, wie sie sich versteckten, per SMS Hilfe riefen und ins kalte Fjordwasser sprangen.

Breitbeinig stand er da, auf dem letzten Zipfel der kleinen Insel Utøya, mit einer Waffe in der Hand. Vor ihm im seichten Wasser häuften sich Körper von Teenagern, fast alle angeschossen, manche tot, manche um ihr Leben bangend. Die Szene hat ein Polizeihubschrauber fotografiert, als das Massaker fast vorbei war und Anders B. festgenommen werden konnte. Es sind unvorstellbare Ängste, die die Jugendlichen am Freitag durchmachen mussten. Nach und nach schildern Überlebende die Ereignisse - als wollten sie sich das Erlebte von der Seele sprechen.

"Er war mit einem silbergrauen Auto zur Anlegestelle gekommen und hat seinen Ausweis gezeigt", erzählt ein Wachmann. "Er behauptete, er sei Polizist und geschickt worden, um die Sicherheit zu überprüfen. Reine Routine nach dem Terroranschlag in Oslo." Auf der Insel hatte man von den Explosionen in der Hauptstadt gehört. "Er machte einen normalen Eindruck." Ein Boot brachte ihn auf die Insel. "Wenige Minuten später hörten wir die Schüsse."

Die Sicherheit überprüfen

Das Ende des Massakers: Erst nach etwa einer Dreiviertelstunde konnte eine Spezialeinheit das Wüten des Attentäters beenden. Links im Bild verschanzen sich Jugendliche. Foto: AFP Das Ende des Massakers: Erst nach etwa einer Dreiviertelstunde konnte eine Spezialeinheit das Wüten des Attentäters beenden. Links im Bild verschanzen sich Jugendliche.

"Wir haben mitgekriegt, dass in Oslo Bomben explodiert sind", sagt Adrian Pracon dem Sender CNN. Er war als Jugendbetreuer mit auf der Insel. Etwa eine Stunde später sei der vermeintliche Polizist gekommen. Er bat die Jugendlichen, sich für eine Sicherheitsbesprechung zusammenzufinden. Dann fielen Schüsse. "Keiner hat sich ausgekannt, Leute rannten weg. Dann habe ich gesehen, dass der Mann auf Menschen schoss." Er habe gesagt: "Ich werde euch alle töten."

Zwei Waffen habe er mitgehabt und die Taschen voller Munition. "Er feuerte auf alle, die er sah. Wir wussten nicht, wohin wir laufen sollten", sagt Pracon. Viele sprangen in das 15° C kalte Wasser, um die 800 Meter zum Festland zu schwimmen. "Einige haben umkehren müssen." Pracon wurde in der Schulter getroffen. "Wir stellten uns tot, damit er nicht wieder auf uns schießen würde." Anders B. richtete seine Waffe sogar noch einmal auf Pracon, "aber er hat nicht abgedrückt." Der Betreuer hatte Glück, denn wie ein anderer Augenzeuge berichtete, habe der Attentäter einigen Jugendlichen in den Kopf geschossen, die bereits regungslos am Boden lagen.

SMS aus dem Versteck

Völlig verängstigt verkrochen sich die Teenager überall, wo sie nur konnten. Hinter Felsen, unter Büsche. Die 22-jährige Nicoline Bjerge Schie berichtete dem Dagbladet , wie sie sich unter Todesangst versteckt hielt: "Ich hörte die Schüsse. Sie kamen mit etwa zehn Sekunden Abstand über eine Dreiviertelstunde." Sie wollten Hilfe rufen, aber fürchteten, sich zu verraten, wenn sie telefonieren würden. Also sendeten sie SMS.
Auch Anita Bakaas' Tochter hatte ihr Handy bei sich.

Das Mädchen versteckte sich mit vier anderen in einer Toilette und schrieb seiner Mutter Nachrichten. "Während sie sich dort versteckte, wurden vor der Klotür Menschen erschossen", sagte Bakaas zur BBC . Ein Vater bekam von seiner Tochter eine spartanische SMS: "Da wird geschossen. Ich verstecke mich." - "Wir haben dann per SMS kommuniziert. Sie sagte, ich soll nicht anrufen, weil sie Angst hatte, dann entdeckt zu werden", sagte er.
Die Abgeordnete Stine Renate Haheim war auch in dem Ferienlager. "Wir sind alle in andere Richtungen gelaufen - in den Wald, zum Wasser, hinter Felsen. Wir hatten Handy-Kontakt mit den anderen. Überall waren kleine Gruppen. Wir haben versucht zu erkennen, wo die Schüsse herkamen." Eine Camp-Betreuerin erzählt, dass sie sich unter einem großen Felsen am Wasser versteckt hatte. Dann stellte sich der Attentäter darauf, um noch weitere Kinder zu finden: "Ich konnte ihn atmen hören, wie er da auf dem Stein stand."
Die Menschen am Festland merkten, dass auf der Insel etwas passierte. "Wir hörten Leute schreien, es war furchtbar", erzählte ein Teenager im britischen TV. "Viele winkten zu unser herüber."

"Die Polizei ist da!"

Haheim erinnert sich, dass sie sich winkend mit einer Gruppe von Kindern verständigt hat, die sich unweit von ihr versteckt hielt. "Auf einmal schrien sie: 'Die Polizei ist da, wir sind sicher!'" Doch der Polizist war Anders B. "Wir hatten nicht gewusst, dass er mit einer Uniform verkleidet war", sagt sie.

(kurier) Erstellt am
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