Politik | Ausland
10.03.2013

Tumulte bei Streit um Homo-Ehe

Provokante Plakatwerbung und schwulenfeindliche Äußerungen von Ex-Präsident Walesa lassen die Wogen hochkochen.

Polen gilt als Gesellschaft im Umbruch, doch Lech Walesa bleibt Lech Walesa. Der berühmte Schnauzer ist noch da und die unbekümmerten Sprüche ebenfalls. „Ich entschuldige mich nicht!“ meint die Solidarnosc-Legende kämpferisch zu ihren Äußerungen der Vorwoche. Da hatte der ehemalige Präsident empfohlen, homosexuelle Parlamentarier hinter eine Wand zu sperren.Vertretern der gleichgeschlechtlichen Liebe vorgeworfen, sie würden ihre Belange der Mehrheit aufdrängen und Kinder verwirren.

„Für eine Person mit einer solchen Autorität ist das eine nicht akzeptable Äußerung“, so Agata Chaber von der Organisation „Kampagne gegen Homophobie“(KPH) gegenüber dem KURIER. Walesa stieg in eine Debatte ein, die das Land schon seit Wochen umtreibt und die Regierungspartei „Bürgerplattform“ (PO) beinahe zur Spaltung brachte: Vor zwei Wochen wurden drei Gesetzesentwürfe für Lebenspartnerschaften als Alternative zur Ehe im Sejm abgeschmettert. Zwei Vorschläge kamen aus der linken Opposition, einer von einem Abgeordneten der liberal-konservativen PO. Doch einige PO-Abgeordnete verweigerten der Partei den Gehorsam und stimmten mit der nationalkonservativen Oppositionspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) dagegen, darunter Jaroslaw Gowin, Justizminister und überzeugter Kirchgänger.

Die Autorität von Premierminister Donald Tusk ist nun angeknackst. Seine Regierungpartei steht gerade zwischen zwei Lagern: Da sind die Rechten, hauptsächlich Anhänger der Kaczynski-Partei, die befürchten, das katholisch geprägte Land könnte durch Werteverluste seine Identität verlieren. Auf der anderen Seite will die linksliberale „Bewegung Palikot“ den Homosexuellen und Transsexuellen sofort jegliche Rechte zugestehen, das Vorbild ist Skandinavien.

Kritiker meinen jedoch, dass Janusz Palikot, der exzentrische Parteiführer und Wodka-Händler, vor allem die Kirche provozieren will. So versuchte er vor einem Monat die transsexuelle Abgeordnete Anna Grodzka als Vizemarschallin im polnischen Sejm durchzusetzen, was zu Tumulten führte.

Die Situation von Schwulen und Lesben in Polen ist nicht einfach. Nur 33 % der Polen akzeptieren eine legale Partnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare. Zudem tragen sich etwa zwei Drittel der jungen Homosexuellen mit Selbstmordgedanken. Vor allem auf dem Land traut sich kaum jemand ein Outing. Dort, in den strukturschwachen Gebieten, erstarken nationalistische Gruppen, die ihre Gesinnung durch Gewalt ausdrücken. Die „Kampagne gegen Homophobie“ will dagegen Öffentlichkeit herstellen. „Die allgemeine Diskriminierung und das Schweigen nimmt auch den Eltern die Freude an ihren Kindern“, erklärt Agata Chaber. Darum läuft derzeit eine Plakataktion in den großen Städten, die Eltern mit ihren lesbischen oder schwulen Kindern zeigt. Darunter ist auch der bekannte Filmschauspieler Wladyslaw Kowalski mit seinem Sohn (siehe Foto).

Doch das Land wird offener – der konservative Staatspräsident Bronislaw Komorowski, empfing am Donnerstag erstmals Vertreter der „Kampagne gegen Homophobie“ in seiner Kanzlei. Kurz zuvor hatte er sich von seinem Schnäuzer getrennt.