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Pressestimmen
06/03/2016

Türkische Zeitungen stellen Merkel mit Hitlerbart dar

Das türkische Presse-Echo auf die deutsche Völkermord-Resolution ist verheerend.

Die Annahme der Völkermord-Resolution zu den Massakern an den Armeniern im Deutschen Bundestag hat in der Türkei ein verheerendes Presseecho hervorgerufen. Regierungsnahe Zeitungen laufen einhellig Sturm gegen die Resolution. Auch von manchen regierungskritischen Medien wird sie hart verurteilt.

So druckt die AKP-feindliche und stramm kemalistische Zeitung Sözcu eine Fotomontage von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Hitlerbart und in einer Nazi-Uniform vor einer Hakenkreuzflagge. Das Blatt titelt auf Deutsch: "Schämen Sie sich!" Sözcü kritisiert: "Hitlers Enkel haben die Türkei des Genozids bezichtigt. (...) Deutschland, das im Zweiten Weltkrieg Völkermord begangen hat, indem es sechs Millionen Juden massakriert hat, und das mit Waffenlieferungen an die PKK den Weg dafür bereitet hat, dass unsere Kinder zu Märtyrern werden, hat den sogenannten armenischen Genozid ratifiziert... WIR SIND WÜTEND."

Auch das Magazin Star stellt Merkel mit einem stilisierten Hitlerbart dar, der durch den Schriftzug "Angela Merkel" entsteht.

"Waffenbruder ist uns in den Rücken gefallen"

Die Zeitung Sabah - die Positionen der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP wiedergibt - erscheint mit Blick auf das Bündnis zwischen Deutschland und dem Osmanischen Reich im Ersten Weltkrieg mit der Schlagzeile: "Unser Waffenbruder ist uns in den Rücken gefallen." Zu der Bundestags-Entscheidung meinte das Blatt: "Dadurch ist die Schicksalsgemeinschaft, die im Ersten Weltkrieg begonnen hat, Geschichte. (...) Unsere Soldaten haben ihr Leben offenbar umsonst für Deutschland gegeben."

Die einstmals AKP-kritische Zeitung Hürriyet, die sich in den vergangenen Monaten Regierungspositionen angenähert hat, trägt vor einem Foto des Bundestags die Schlagzeile: "Schande über Euch." Weiter heißt es: "Der Bundestag hat die Resolution zum Armenier-Genozid angenommen, die eine tiefe Wunde in die jahrhundertealten Beziehungen zur Türkei reißen wird." Im Innenteil schrieb das Blatt vom "Völkermord an der Freundschaft."

Die regierungskritische Zeitung Cumhuriyet wählt dagegen eine nüchterne Schlagzeile. "Die Einsamkeit von 1915" schreibt das Blatt in Anspielung auf die zunehmende Isolation der Türkei in der Völkermorddebatte. "Die AKP und (Präsident Recep Tayyip) Erdogan haben einen weiteren Diplomatie-Krieg verloren."

Stimmen außerhalb der Türkei:

Die Moskauer Regierungszeitung Rossijskaja Gaseta schreibt am Freitag:
"Aus Sicht der Regierung war der Zeitpunkt für die Resolution unglücklich gewählt. Berlin fürchtet einen Bruch der Vereinbarungen mit der Türkei in der Flüchtlingspolitik. Um eine Verschlechterung der Beziehungen zu Ankara zu vermeiden, hatte Angela Merkel bereits im Frühjahr einen beispiellosen Schritt gemacht: Sie hatte Ermittlungen gegen den deutschen Satiriker Jan Böhmermann zugestimmt, der Erdogan in einer humoristischen TV-Sendung beleidigt hatte. Dieser Schritt hatte Merkels Beliebtheit klar geschadet. Die gestrige Abstimmung hätte den Ruf der Kanzlerin wieder aufpolieren können. Doch Merkel erschien nicht im Parlament. Sie hatte Wichtigeres zu tun."

Nesawissimaja Gaseta (Moskau):
"Der deutsche Bundestag hat nach einer nicht allzu langen und relativ ruhigen Debatte die Resolution über den Völkermord an den Armeniern in der Türkei des Ersten Weltkrieges angenommen. Damit ist dieses Kapitel in der Außenpolitik geschlossen, das Streit und Ängste hervorgerufen hat. Doch den Eindruck trübt das ungewohnte Bild der drei leeren Stühle auf der Regierungstribüne, die nochmalerweise von Kanzlerin Angela Merkel, Vize-Kanzler Sigmar Gabriel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier eingenommen werden. Merkel hat die Abstimmung über den Völkermord ignoriert."

Die Madrider Zeitung El País:
"Die Anerkennung des Völkermordes ist ein Akt der Gerechtigkeit, auch wenn es mit mehr als einem Jahrhundert Verspätung geschieht. Es fällt aber auf, dass man es mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt, wenn es darum geht, mit Ankara ein für die Türkei sehr vorteilhaftes Abkommen zur Visaabschaffung zu unterzeichnen, damit das von Recep Tayyip Erdogan angeführte Land eine Schlüsselrolle bei der Lösung der Flüchtlingskrise einnimmt. In den vergangenen Monaten hat Erdogan seine Angriffe auf die Pressefreiheit, gegen die kurdische Minderheit und gegen die Opposition intensiviert. Und er lässt nicht die geringste Kritik zu, weder innerhalb noch außerhalb seines Landes."

Die Neue Zürcher Zeitung:
"Man kann darüber streiten, welche Motive die deutschen Parlamentarier hegten, dass sie die längst überfällige Völkermord-Resolution erst jetzt verabschiedeten, nachdem sie 2015 darauf verzichtet hatten. Der Wunsch, Präsident Erdogan eins auszuwischen oder auch der Bundesregierung, die seit langem unter Verdacht steht, vor dem türkischen Machthaber zu kuschen, spielte sicher eine Rolle. Dennoch steht es dem Bundestag gut zu Gesicht, den Parlamenten anderer Länder gefolgt zu sein und so wie Frankreich, die Schweiz, Kanada oder die Niederlande den Völkermord endlich beim Namen zu nennen. Genauso wichtig war es, sich zur deutschen Mitschuld zu bekennen. Sich nur weiter zurückzuhalten, wäre letztlich nichts anderes als feige gewesen - und hätte den Vorwurf der Erpressbarkeit erst recht verstärkt."

Die linksliberale slowakische Tageszeitung Pravda kommentiert:
"Die Türken, die seit Jahrzehnten versuchen, dieses entsetzliche Verbrechen (den Völkermord an den Armeniern) aus der Erinnerung zu löschen, werden immer wieder von ihrer Vergangenheit eingeholt. Jetzt sind die Deutschen zu den mehr als zwei Dutzend Ländern hinzugekommen, die sich trauen, das Geschehene beim Namen zu nennen. Wenn (der türkische Präsident Recep Tayyip) Erdogan behauptet, es sei “unsinnig, dass auf der Türkei der Schatten eines sogenannten Genozids liege„, dann sollte er diese belastende Frage nicht mehr unter den Teppich kehren, sondern aufzuarbeiten versuchen. Einen anderen Weg zur wirklichen Versöhnung gibt es nicht."

La Repubblica (Rom):
"Ein Schweigen des Bundestages zum Genozid an den Armeniern hätte wie eine historische Komplizenschaft der Deutschen mit den Türken erscheinen können. (...) Die Geschichte verfolgt uns, und manchmal tauchen ihre Dämonen wieder auf. Während elf europäische Parlamente den Völkermord bereits anerkannt hatten, hatte jenes in Berlin geschwiegen. Fast so, als wäre es mit einer Schweigepflicht gegenüber dem alten und neuen Alliierten Türkei belegt. Aber der Verdacht hat sich nicht bestätigt. Der Zweifel war grundlos. Und das nicht nur, weil die Abstimmung gestern (...) fast einstimmig war. (...) Die deutschen Abgeordneten wissen, wie wichtig es ist, die eigene Schuld anzuerkennen und zu analysieren, auch eine solche, die schon lange zurückliegt und die passiv mit den Alliierten geteilt wurde (...), und deshalb konnten sie die Abstimmung nicht länger aufschieben."