Fundamentalopposition zur regierenden AKP Erdogans und Atatürk-Personenkult – die Fans des Istanbuler Vereins Fenerbahce sind zum Rückgrat der Protestbewegung gegen die Regierung geworden.

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Politik | Ausland
05/30/2014

"Uns kann Erdogan nicht kontrollieren"

Im Machtkampf zwischen dem Premier und der Opposition ist der Fußballklub Fenerbahce zur Drehscheibe der Regierungsgegner geworden.

Auf den billigen Plätzen im Fußballstadion hat ein Regierungschef eigentlich nichts verloren. Bei Fenerbahce Istanbul lässt man Recep Tayyip Erdogan gerade dort auf ganz eigene Weise hochleben. "Großartiger Premier? Sch... Premier", wird da während eines Spiels bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit gegrölt. Auch jedes andere Schimpfwort, das sich auf Türkisch irgendwie auf den ungeliebten Premier reimt, geht unter den Fans reihum und wird lautstark bejubelt.

Fußball bewegt die Türken wie kaum eine andere Nation – und wenn diese Nation in diesen Tagen politisch gespalten ist wie lange nicht mehr, dann spielen große, reiche Clubs wie Fenerbahce auf einmal nicht mehr nur um die Meisterschaft, sondern auch eine Hauptrolle im politischen Machtkampf.

Atatürk-Kult

Auf welcher Seite der Traditionsklub da steht, ist schon an den Fahnen abzulesen, die im Stadion zu Dutzenden geschwenkt werden: Auf der einen Seite das Blau-Gelb des Vereins, auf der anderen Seite das Porträt von Staatsgründer Kemal Atatürk. Als dessen persönlicher Fußballklub bezeichnet sich Fenerbahce stolz. Im klubeigenen Museum sind die Besuche des Staatschefs mit lebensgroßen Wachsfiguren nachgestellt, wird jede seiner Unterschriften, seiner Eintragungen in Gästebücher wie eine Ikone verwahrt.

Es geht um mehr als ein sportliches Idol, es geht um ein politisches Bekenntnis. Fenerbahce ist heute der Klub vieler einflussreicher Kemalisten, also der politischen Gruppierung, die die Türkei im Sinne Atatürks regieren will und Jahrzehnte regiert hatte – bis Erdogan ans Ruder kam.

Seither steht Fenerbahce in Fundamentalopposition zum Premier und seinem Machtgefüge – und dieser Konflikt spitzt sich immer mehr zu. Aus Fußball, Politik und Fußball-Politik ist ein explosives Gemisch entstanden. Angeheizt wird das durch den Skandal, in den der Klub vor drei Jahren geschlittert ist. Siege und damit den Meisterschaftstitel soll man sich 2011 gekauft haben. Vereinspräsident Aziz Yildrim ist zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden. Nach einem Jahr Haft, kam er vorübergehend frei. Jetzt aber scheint der neuerliche Weg hinter Gitter unaufhaltsam.

Für die Fans des Klubs ist all das nichts als ein abgekartetes Spiel. Längst hätten sich alle ohnehin fadenscheinigen Beweise gegen den Präsidenten aufgelöst. Die Regierung habe mit ihren Sondergerichten politische Willkür gegen einen allzu mächtigen Gegner ausgeübt. "Erdogan hat die Armee unter Kontrolle gebracht, dann die Medien, uns aber kann er nicht kontrollieren", schildert ein Fan seine Sicht der Dinge, "und das verträgt er nicht."

Yildrim inszeniert sich als Märtyrer, als Opfer politischer Verfolgung – mit riesigem Publikum. Eine halbe Million Menschen folgten heuer im Februar seinem Triumphzug durch Istanbul. Die Grenze zwischen Fußballfanatismus und politischem Widerstand verschwamm dabei. "Fenerbahce ist Widerstand" war eine der Parolen des Marsches. Und für viele Fans ist das längst mehr als eine Parole. Bei den Massendemonstrationen gegen die Regierung im Istanbuler Gezi-Park im Vorjahr marschierten die Anhänger des Klubs geschlossen auf. Die Organisation der Proteste in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter lief zu einem Gutteil über ihre Konten. Stolz erzählen sie heute, wie man die Internet-Sperren der Erdogan-Regierung hinterlief, aber auch wie man Hilfe für Verletzte und Tränengasopfer organisierte, als die Polizei die Proteste brutal zusammenknüppelte.

"Republik Fenerbahce"

Dass man die türkische Meisterschaft trotz allem gewonnen hat, das sehen die Fenerbahce-Fans auch als Beweis für die Widerstands-Kraft ihres Klubs. Auch bei der Meisterschafts-Feier vor wenigen Tagen im Stadion im Istanbuler-Stadtteil Kadiköy – auch Republik Fenerbahce genannt – waren die politischen Töne unüberhörbar: "Wir sind die letzte Burg der Republik Türkei", machte ein Sänger die Stimmung klar.

Mit den Präsidentschaftswahlen im August steht die nächste politische Entscheidung über Erdogan an. Für Fenerbahce-Fans ein willkommener Anlass, um die Dressen ihrer Mannschaft herauszuholen. Schon bei den Lokalwahlen im Frühjahr ist man geschlossen im Blau-Gelb des Vereins zur Wahl marschiert. Warum? Das macht ein Fan auf ganz simple Weise deutlich:"Damit jeder sofort weiß, wen wir sicher nicht wählen."

Dem Premier geht es nur ums politische Überleben

31. Mai 2013: Im Istanbuler Gezi-Park eskaliert die Gewalt. Die Polizei geht brutal gegen Aktivisten vor, die gegen ein Bauprojekt im Herzen der Bosporus-Metropole demonstrieren – und liefert damit den Startschuss für eine landesweite Protestwelle. Wochenlang kommt es zu Kundgebungen in allen größeren Städten. Premier Erdogan, gegen dessen autoritären Führungsstil sich der Unmut letztlich richtet, lässt den Aufstand niederknüppeln. Doch morgen wollen die Aktivisten wiederkommen und den Jahrestag zum Auftakt des Protest-Sommers mit einer Demonstration beim Gezi-Park begehen. Die Behörden wollen 25.000 Polizisten in Stellung bringen.

Erdogan angeschlagen

"Für Erdogan war das abgelaufene Jahr das schlimmste in seiner Karriere", analysiert der türkische Autor Rusen Cakir im KURIER-Gespräch. Die "Gezi-Leute" hätten den Regierungschef richtig ins Wanken gebracht. "Ich glaube, er hatte Angst, seine Macht zu verlieren", so der Experte, der auf Einladung der entwicklungspolitischen NGO VIDC in Wien war. Jedenfalls sei der Premier lange nicht mehr so stark wie früher oder wie er "oft beschrieben wird". Dazu habe auch der Korruptionsskandal beigetragen, in dem mindestens vier mittlerweile zurückgetretene Minister involviert sind – und möglicherweise auch Erdogans Söhne.

"Ihm geht es inzwischen nur noch um sein politisches Überleben", meint Cakir, "dem ordnet Erdogan alles unter." Anfänglich habe der Chef der Regierungspartei AKP hochtrabende Ziele verfolgt: Die Türkei habe er als Regionalmacht etablieren, die Wirtschaft ganz nach vorne bringen wollen. Das seit bestenfalls teilweise gelungen.

"Seine Ideale veränderten sich", so der politische Beobachter. Vergleiche mit dem ebenfalls autoritär auftretenden Kreml-Chef Putin lehnt Cakir zwar ab, sieht den Premier aber auf einem ähnlichen Ego-Trip: "Er hat aus der AKP eine Ein-Mann-Partei gemacht."

Im Sommer werde Erdogan, ist der Experte überzeugt, zum nächsten Schlag ausholen: "Er wird wohl für das Präsidentenamt kandidieren und dann sicher gewinnen. Die Verfassung sieht für diesen Posten zwar lediglich repräsentative Funktionen vor, doch der Noch-Premier könnte argumentieren, dass er das erste direkt vom Volk gewählte Staatsoberhaupt sei und mehr Macht brauche. Doch die Türkei ist kein Land, wo man machen kann, was man will."

Vom Taksim zum Maidan: Plätze des Protests