Politik | Ausland
19.04.2017

Auch Deutschland ringt mit "Ja" seiner Türken

Nach dem Referendum ist ein heftiger Streit über Integrationsdefizite ausgebrochen - die Ursachen für das überwältigende "Evet" sind aber vielfältig.

63,1 Prozent. Die Zahl schmerzt, vor allem jene Politiker, die selbst türkischen Migrationshintergrund haben: Dass in Deutschlandähnlich wie in Österreich – deutlich mehr türkische Staatsbürger für das umstrittene Verfassungsreferendum Recep Tayyip Erdoğans gestimmt haben, hat in der deutschen Politik für ein heftiges Nachbeben gesorgt.

Integrationsunwilligkeit - oder fehlendes Angebot?

"Wer in Deutschland auf Dauer glücklich werden will, kann nicht nur mit den Zehenspitzen auf dem Grundgesetz stehen, sondern muss mit beiden Füßen auf dem Boden unserer Verfassung stehen", sagte etwa Grünen-Chef Cem Özdemir, selbst Kind türkischer Einwanderer. Er ortete den Grund dafür in Defiziten der deutschen Integrationspolitik – und stieß damit eine emotionale Debatte an: Während die einen das überwältigende "Evet" in fehlenden Angeboten von deutscher Seite festmachen, orten CSU und AfD schlicht Integrationsunwilligkeit auf Seiten der Deutschtürken.

Die Wahrheit dürfte aber weitaus komplizierter sein, wie auch Gülay Türkmen-Dervişoğlu von der Universität Göttingen sagt. "Die hohe Ja-Zustimmung liegt auch am sozialen Hintergrund der Einwanderer", sagt die Soziologin zum KURIER – viele Deutsch-Türken seien aus den ländlichen Regionen Anatoliens eingewandert, in denen Erdoğan generell hohe Zustimmung hat; ihr Background unterscheide sich stark von den besser ausgebildeten und reicheren Emigranten in den USA oder in Großbritannien, wo mehrheitlich mit Nein gestimmt wurde.

"Sicherer Hafen"

Dazu komme, dass sich viele Deutsch-Türken als Minderheit fühlten – und in Erdoğan einen "sicheren Hafen" wahrnehmen, der für sie eintritt, so Türkmen-Dervişoğlu. Das ist ein Bild, dass Erdoğan selbst propagiert hat, indem er sich und alle in Europa lebenden Türken zu Märtyrern stilisiert hat. Das Gefühl, als Minderheit diskriminiert zu werden, betreffe aber nicht ausschließlich Deutsch-Türken, so die Soziologin: "Die meisten in Diaspora lebenden Menschen tendieren dazu."

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