Laut den Ermittlern wurden keine "kritischen Informationen" veröffentlicht, dennoch versucht man den Angreifer zu identifizieren

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Politik | Ausland
04/30/2014

Tauziehen um die Nutzung von Atomkraft

Temelin/Dukovany: Die Grünen warnen vor Subvention.

Tschechien auf atomarem Zickzack-Kurs: Gerade erst hat der staatliche Energieriese CEZ bekannt gegeben, dass die Ausschreibung für den Ausbau des AKW Temelin auf Eis gelegt wird. Diese Woche aber überrascht man mit neuen Plänen für das zweite AKW des Landes. Dukovany bekommt nicht nur neue Kühltürme, auch die Vorarbeiten für neue Reaktorblöcke haben diese Woche offiziell begonnen. Das politische Tauziehen um die Atomkraft in unserem Nachbarland geht also weiter.

Doch die grundlegenden Entscheidungen über Atompolitik würden ohnehin nicht mehr in den einzelnen Nationalstaaten getroffen, meint Rudi Anschober, grüner Landesrat in Oberösterreich und seit Jahren gegen Temelin engagiert: "Die EU stellt energiepolitisch die Weichen."

In Brüssel geht es in den kommenden Monaten vor allem um die Grundfrage: Wie stark darf Atomstrom staatlich subventioniert werden. Als Modellfall gilt das geplante britische AKW Hinkley Point. Die britische Regierung will für dieses Projekt über Jahrzehnte Strompreise weit über dem Marktpreis und konstante Abnahme des Atomstroms garantieren.

Eine Wettbewerbsverzerrung, wie Anschober deutlich macht: "Da wird aus einem Milliardengrab mit dem Geld der Steuerzahler eine Gelddruckmaschine gemacht." Der Streit in Brüssel konzentriert sich jetzt darauf, ob Atomstrom genauso subventioniert werden darf wie Strom aus erneuerbaren Quellen wie Wind- oder Solarkraft. Entscheidet die EU dagegen, dann bricht auch die geplante Finanzierung für Temelin zusammen, da auch das tschechische AKW ohne staatlich garantierte Preise nicht rentabel wäre.

"Das ist kein Spiel"

Bei einer Atomenergie-Tagung in Prag, die Oberösterreichs Grüne mitveranstaltet haben, suchte man nach Alternativen. Temelin-Befürworter fürchten, dass fehlender Atomstrom umweltbelastend mit etwa Kohle ersetzt wird. Österreich werde sich Tschechien als Berater und Partner anbieten, so Anschober. Auf keinen Fall wolle man dem Nachbarn mit Forderungen und politischem Druck begegnen: "Atomkraft, das ist kein Spiel Österreich gegen Tschechien. Das wäre ein schwerer politischer Fehler – der wurde schon oft genug gemacht."

Atomexperte prognostiziert "schleichenden Niedergang"

Mit brandaktuellen Zahlen im Gepäck legte Mycle Schneider einen Zwischenstopp in Österreich ein und einen Bericht über den Zustand der Atombranche vor. Gleich eingangs gab der unabhängige Atompolitikexperte und Träger des "Right Livelihood Award" ("Alternativer Nobelpreis") zu verstehen, worum es ihm geht: um eine Trendanalyse. Es sei trügerisch, voreilig von "Renaissance oder schleichendem Niedergang" - so der Titel des Vortrags in der WU Wien - der Atombranche zu sprechen, "ohne sich zuerst die Entwicklungen über längere Zeiträume anzuschauen."

Weltweit produzieren nur 31 Länder Atomstrom, die Branche sei "sehr konzentriert", die größten fünf Staaten seien für zwei Drittel des produzierten Stroms verantwortlich.

Der Höchststand bei der Anzahl der AKW wurde 2002 erreicht, mit 444 Anlagen weltweit. Auch bei der installierten Kapazität wurde der Peak bereits überschritten. Der Abwärtstrend kann drittens an der Stromproduktion abgelesen werden, dabei wurde das historische Maximum im Jahr 2006 erreicht, mit 2.660 TWh. 2012 waren es nur mehr 2.236 TWh. Einzige Ausnahme ist Tschechien: Im Nachbarland wurde der Höchststand der Stromproduktion 2012 erreicht.

Eine Branche im Niedergang?

Schneider warnt vor allem vor einem Problem: "Das Durchschnittsalter der in Betrieb befindlichen Anlagen steigt. Derzeit sind es 28 Jahre." Rund 190 Anlagen seien über 30 Jahre alt. "Wissen Sie noch, wie die Autos 1984 ausgesehen haben?" Als moderne Technologie könne dies kaum bezeichnet werden, bemerkt Schneider trocken.

Auch räumt Schneider mit Mythen auf: Die Annahme, dass "wenn das Ding einmal steht, die Operationskosten billig sind, ist nicht mehr der Fall." Allein die Kostenschätzungen für Neubauten haben sich in zehn Jahren mehr als vervierfacht. Längere Bauzeiten ergeben sich oftmals durch verschärfte Sicherheitsmaßnahmen und langandauernde Rechtsstreitigkeiten. Die Probleme der Endlagerung sind da noch gar nicht erwähnt.

Eine Antwort, warum viele Staaten nicht vom Atomstrom abrücken, hat Schneider parat: "Entscheidend bleibt, dass man im exklusiven Club der Länder, die Atompolitik betreiben, weiter mitspielen kann." Allein aus militärischen Gründen.

"Fukushima-Schock"

Fokus Asien: Tepco-Aktien waren eine "todsichere" Anlage. Mit dem GAU in Fukushima sanken sie "im Wert um 95 Prozent - an einem Tag." Vor allem Kleinanleger seien geschädigt worden. In Japan stehen 48 Reaktoren - "davon produziert derzeit kein einziger Strom", konstatiert Schneider, der selbst mehr als 25 Mal die Insel besuchte. Kurz: Fukushima erhöhte weiter die Kosten - ob Finanzierung, Sicherheit oder Versicherungen.

Nachbar China zählte zu den Ländern, die am dramatischsten und schnellsten auf die Katastrophe reagierten. "Es kam zu Bauverzögerungen bei den vor Fukushima begonnenen Reaktoren - nämlich bei allen", betont Schneider. Zwischen Dezember 2010 und November 2012 sei zudem mit keinem Neubau begonnen worden. Das Riesenreich produzierte jahrelang "PV-Paneele für alle Welt, aber nicht für das eigene Land. Das ändert sich jetzt."

Fazit: Frankreich wichtiger Faktor in EU

"Atomkraft spielt eine sinkende Rolle im internationalen Energiesektor, diese Entwicklung hat vor 20 Jahren begonnen." Und Europa? Allein Frankreich produziere in Europa knapp die Hälfte des Atomstroms. Für Europa werde es entscheidend sein, wie sich die Grande Nation verhält. Doch in Frankreich habe ein "Bruch mit der bisher praktizierten Atompolitik" stattgefunden. 20 AKW würden Mitte der 2020er Jahre nicht mehr benötigt werden. "Da wäre der deutsche Atomausstieg ein Witz dagegen", formuliert der nahe Paris lebende Deutsche überspitzt.

Doch wie sollen Betrieb, Sicherheitsvorkehrungen oder Stilllegung künftig finanziert werden, wenn Investoren den Geldstrom versiegen lassen? Angesprochen auf das Dilemma, ist Schneider gegenüber dem KURIER vorsichtig: "Ein Ansatz müsste sein, Reaktoren zu verringern und sich dann auf die Sicherheit der noch bestehenden (und damit geringeren) Anzahl von Akw zu konzentrieren."