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Politik Ausland
12/05/2011

Tripolis im Siegestaumel

In der libyschen Hauptstadt feiern die jungen Kämpfer täglich aufs Neue ihren Sieg. Aber nicht alle sind überglücklich.

Papier ist kein Feind mehr. Im Geknatter von Kalaschnikows steht Sadi neben einem Zelt auf dem Märtyrer-Platz in Tripolis. Er lacht - wie alle hier, die den Sturz Gaddafis Tag für Tag, Abend für Abend feiern. Auch er freut sich, dass er lesen kann, was er will. Kalaschnikow hat er keine. Nur seine Bücher. Solche, die vor Kurzem noch verboten waren. Und die verkauft er jetzt, der Jus-Student aus Tripolis. Es sind Bücher über Politik, Religion - und für die Kinder gibt es Mickey Mouse auf Arabisch.

Der Krieg ist vorbei in Tripolis. Geschossen wird aus Freude - und das zuhauf. Auch wenn es noch Bezirke gibt, die weiter nicht "sicher" sind, wie Rebellenkämpfer meinen und es immer wieder auch Schießereien mit Gaddafi-Leuten gibt. Auch wenn in Sirte und in Bani Walid noch schwere Kämpfe toben. Und auch wenn so mancher sich eher skeptisch äußert, was die Zukunft dieses Landes angeht.

Die Gegenwart ist eine Siegesfeier voll Freudenfeuer und Hupkonzerten. Tripolis im Taumel. Sadi sagt: "Bücher sind Träume." Und dass es Träume an sich haben, dass man erwacht, das sei ihm bewusst. Noch ist es nicht soweit. Noch lachen die Verkäufer an Imbissbuden, wenn die Jungs aus Tobruk, Bengasi oder Misrata mit ihren Gewehren anmarschieren und sich mit Sandwiches, Limonade und Teigtaschen eindecken. "Wir sind ein Libyen", so das Mantra. Vor allem ist es der riesige Stolz, es geschafft zu haben.

Diesen langen Weg aus der Wüste im Osten oder den Bergen im Westen bis hierher ins Zentrum eines verhassten Polizeistaates. Mahmoud wirft etwas Unsichtbares zu Boden und tritt es aus. "Gaddafi", sagt er und lacht. Er ist mit seinen Jungs hier. Aus Tobruk im Osten des Landes kommen sie. Spazieren schwer bewaffnet über den Märtyrerplatz. Feiern ihren Sieg. Kinder posieren hinter schweren Maschinengewehren auf Pick-up-Trucks. Die Finger zu einem V erhoben und mit einem "Gott ist groß" auf den Lippen, während Magazine in die Luft gefeuert werden.

Hymne

Ein Mann um die 40 erzählt von seiner Tochter. Die ersten Tage in der Schule nach dem Krieg, ohne Bücher. Einziger Lehrinhalt ist die neue Hymne. Als die Lehrerin das den Kindern sagte, fingen die an "Gott ist groß" zu brüllen, weil sie dachten, das sei die neue Hymne. Ist sie aber nicht. Die geht anders. "Gott ist groß" ist aber zum allgegenwärtigen Gruß geworden - an Checkpoints, im Schützengraben, in Läden oder als spontane Äußerung von Freude. "Wir leben in einem Nichts", sagt der Ingenieur.

Dröhnen

Langsam macht sich aber schon Ärger breit in der Hauptstadt. Über die schwer Bewaffneten aus anderen Regionen, die durch die Straßen donnern auf ihren Pick-ups. Die in die Luft schießen. 400 Verletzte gab es in einer einzigen Nacht durch Projektile. Und die Siegesparade einer bewaffneten Einheit aus den Bergen im Westen ließ manch einen glauben, der Krieg sei nach Tripolis zurückgekehrt. Dumpf dröhnendes Dauerfeuer aus schweren Waffen mitten in der Stadt.

Nur ein Teil des Kampfes sei getan, sagt der Mann, der gerade seinen Job verloren hat, weil er den neuen Machthabern als Günstling des alten Regimes gegolten hatte. "Sie haben noch nicht verstanden, dass sie nur einen Teil des Kampfes erledigt haben und dass den Revolutionären die größte Schlacht noch bevorsteht: Die, einen funktionierenden Staat aufzubauen", sagt er.

Für ihn ist die Gegenwart kein Traum - ebenso wenig wie die Vergangenheit. Zu viele Menschen seien gestorben. Zu viel Leid hätten die vergangenen sechs Monate gebracht. Die Gegenwart bereite ihm vor allem eines: Schlaflose Nächte. Und das nicht wegen all des Geballers. Vielleicht sei all der Rummel doch nur ein langer Traum, aus dem es irgendwann ein Erwachen gibt. "So Gott will."

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