Politik | Ausland
23.07.2017

Tempelberg-Konflikt eskaliert: Erneut zwei Tote

Schwerste Gewaltausbrüche zwischen Israelis und Palästinensern seit Jahren. Der UNO-Sicherheitsrat berief für Montag eine Krisensitzung ein.

Der UNO-Sicherheitsrat will sich am Montag mit der neuen Eskalation im Nahost-Konflikt befassen: Angesichts der zunehmenden Gewalt im Streit um den Zugang zum Jerusalemer Tempelberg haben Schweden, Frankreich und Ägypten am Samstag eine Dringlichkeitssitzung des UNO-Sicherheitsrats beantragt.

Das teilte Schwedens stellvertretender UNO-Botschafter Carl Skau am Samstag über Twitter mit.

Das Gremium werde darüber beraten, wie die schwerste Gewalt seit Jahren zwischen Israelis und Palästinensern wieder eingedämmt werden könne. Der Konflikt hatte sich an verstärkten Kontrollen der israelischen Sicherheitskräfte für den Zugang zum Tempelberg in Jerusalem - auf Arabisch Al-Haram Al-Sharif (edeles Heiligtum) - wieder entzündet. Der Tempelberg ist Muslimen, Juden und Christen gleichermaßen heilig und gilt auch politisch als einer der sensibelsten Orte im Nahen Osten.

Erneut zwei Tote

Die Gewalt in der Region ging weiter, am Samstag wurden zwei junge Palästinenser getötet. Der Streit war am Freitag eskaliert. Binnen weniger als 24 Stunden wurden in dem Konflikt sechs Menschen getötet - unter ihnen drei Israelis, die von einem 19-jährigen palästinensischen Angreifer in einer Siedlung im besetzten Westjordanland erstochen wurden.

Am Samstag warfen junge Palästinenser Steine und Benzinbomben auf Armeeeinheiten, die zum Haus der Familie des 19-jährigen Attentäters im Westjordanland vorrückten. Es wurde damit gerechnet, dass sie das Haus zerstören wollen; damit straft Israel regelmäßig die Familien von Attentätern. Der Bruder des Attentäters wurde festgenommen.

Auch anderswo gingen die Auseinandersetzungen am Samstag weiter. Ein 17-jähriger Palästinenser wurde nach palästinensischen Angaben bei Zusammenstößen in Al-Asarija östlich von Jerusalem von israelischen Sicherheitskräften angeschossen und erlag später seinen Verletzungen. Im nahe gelegenen Abu Dis starb ein 18-jähriger Palästinenser, als der Molotow-Cocktail, mit dem er israelische Sicherheitskräfte bewerfen wollte, vorzeitig explodierte.

"Dringende" Beratungen

Die internationale Gemeinschaft will mit diplomatischen Bemühungen verhindern, dass der Konflikt um den Tempelberg dauerhaft eine neue Spirale aus Gewalt und Gegengewalt in Gang setzt. Der UN-Sicherheitsrat werde am Montag "dringend" beraten, "wie Appelle zu einer Deeskalation unterstützt werden können", kündigte der schwedische UN-Botschafter Carl Skau an.

Das Nahost-Quartett aus UNO, EU, den USA und Russland rief die Konfliktparteien zu "maximaler Zurückhaltung" auf. Alle Seiten müssten sich "von provokativen Akten fernhalten und auf eine Deeskalation hinarbeiten", hieß es in einer Erklärung der vier Gesandten.

Das Auswärtige Amt in Berlin appellierte am Samstag an alle Beteiligten, zu einer Deeskalation beizutragen. Niemand dürfe "denjenigen das Wort überlassen, die zur Gewalt aufrufen oder diese in Kauf nehmen", erklärte es in Berlin.

Die EU rief ihrerseits Israel und Jordanien auf, gemeinsam nach Wegen zu suchen, wie sich die Sicherheit auf dem Tempelberg für alle gewährleisten lasse, ohne den dortigen Status quo zu verändern.

Arabische Liga warf Israel "exzessive Gewalt" vor

Der Streit um den Tempelberg in Jerusalem war zuletzt gefährlich eskaliert: Mindestens drei Palästinenser wurden am Freitag bei Zusammenstößen mit israelischen Sicherheitskräften getötet und rund 400 weitere verletzt. Anschließend tötete ein palästinensischer Attentäter im Westjordanland drei Israelis. Wegen des Konflikts brachen die Palästinenser sämtliche Kontakte zu Israel ab. Die Arabische Liga warf Israel die Ausübung "exzessiver Gewalt" vor.

Der Vorsitzende des Staatenbundes, Ahmed Abul Gheit, verurteilte laut einem Sprecher die israelischen Sicherheitskräfte, die "mit exzessiver Gewalt und scharfer Munition gegen unbewaffnete Zivilisten" vorgegangen seien. Die aktuellen Spannungen "öffnen die Tür zu einer weiteren Eskalation" der ohnehin bestehenden "Wut der Palästinenser, Araber und Muslime über die Gewalt und neuen Maßnahmen der israelischen Behörden".

Das ägyptische Außenministerium forderte Israel auf, die Gewalt zu beenden und Vernunft walten zu lassen, um ein Abgleiten in einen "gefährlichen und schwierigen Sumpf" zu verhindern.

Welche Folgen die Aussetzung der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde haben würde, war zunächst unklar. Bisher hatten beide Seiten ihre Sicherheitsmaßnahmen koordiniert, was als ein Grund dafür gesehen wird, dass die Gewalt in den vergangenen Jahren nicht weiter eskalierte. Beide Seiten haben Kontakte in verschiedenen weiteren Bereichen, Einigungen gab es zuletzt zu Fragen der Wasser- und Stromversorgung. Die Verhandlungen über eine Zwei-Staaten-Lösung stehen allerdings seit Jahren still.