Politik | Ausland
05.12.2011

Syrien: Schiffe und Panzer feuern auf Wohnviertel

Die blutige Niederschlagung der Proteste erreicht einen traurigen Höhepunkt: In Latakia flüchten Frauen und Kinder vor dem Beschuss durch die Armee. Die Panzer fahren unvermindert weiter.

Im Krieg gegen seine eigenen Bürger setzt das Regime des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad nun sogar Kriegsschiffe ein. Am zweiten Tag der Offensive gegen die Mittelmeer-Stadt Latakia feuerten Marine-Haubitzen, Mörser und Panzer am Sonntag ihre tödlichen Geschoße auf die südliche Vorstadt Al-Ramle (Al-Ramleh) ab, eine Hochburg der örtlichen Opposition. Mindestens 26 Menschen kamen in dem gezielten Beschuss von Wohnvierteln ums Leben, berichteten syrische Exil-Aktivisten.

Und auch am Montag ging der Einsatz unvermindert weiter: In mehrere Ortschaften in der zentralsyrischen Provinz Homs seien Panzer eingerückt, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. In der Ortschaft Hula hätten Soldaten Häuser durchsucht und Zivilisten festgenommen, es seien wieder Schüsse gefallen.

Dennoch hat Spanien Anfang Juli offenbar dem syrischen Präsidenten und dessen Familie politisches Asyl angeboten. Wie die spanische Zeitung El Pais am Montag berichtet, schlug Ministerpräsident Jose Luis Rodriguez Zapatero Assad zudem eine Konferenz in Madrid vor, bei der die syrische Regierung zusammen mit den Oppositionsparteien einen friedlichen Übergang zu einer wahren Demokratie und zur Beendigung der gewaltsamen Unruhen im Land finden sollte.

Der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge drang die Armee bereits in der Nacht auf Sonntag in zwei Vororte der Hauptstadt Damaskus ein und nahm dort zahlreiche Menschen fest. Ein Konvoi aus fünfzehn Militärlastwagen, acht Truppentransportern und vier Jeeps sei in die Vororte Sakba und Hamurija einrückt. Auch dort seien Schüsse zu hören gewesen, hieß es. In Sakba seien außerdem die Telefonverbindungen gekappt worden. Im Stadtviertel Al-Sakenturi seien Raketenwerfer eingesetzt worden, auch im Viertel Saliba seien Schüsse und Explosionen zu hören gewesen. Unter den Opfern waren neben Syrern den Angaben zufolge auch Palästinenser; in Al-Ramle befindet sich ein palästinensisches Flüchtlingslager.

Proteste nehmen zu

Die militärische Gewalt des Regimes bringt jedoch die Bürger nicht zum Schweigen. Im Fastenmonat Ramadan versammeln sie sich vor allem nach dem abendlichen Fastenbrechen zu neuen Kundgebungen, die den Zorn des Regimes erregen. Videos, die von Aktivisten am Sonntag ins Internet gestellt wurden, zeigten machtvolle Demonstrationen, zu denen es am Vorabend in den Vorstädten von Damaskus, in Deir al-Zor und in Daraa gekommen war.

Die syrische Armee geht seit Mitte März gewaltsam gegen regierungskritische Proteste im Land vor. Nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten kamen seither etwa 1800 Zivilisten und rund 400 Sicherheitskräfte ums Leben.

Ruf nach Sanktionen wird lauter

US-Präsident Barack Obama erörterte am Wochenende mit dem britischen Regierungschef David Cameron und dem saudischen König Abdullah die Lage in Syrien am Telefon. Nach Angaben des Weißen Hauses bekräftigten alle drei Politiker, dass die Gewaltanwendung gegen Zivilisten sofort eingestellt werden müsse. Obama habe mit Cameron und Abdullah enge Konsultationen über das weitere Vorgehen gegen die syrische Führung vereinbart.

In Deutschland verlangten Außenpolitiker von SPD und Grünen einen härteren Kurs der deutschen Außenpolitik gegen Syrien. Notfalls solle Deutschland innerhalb der EU mit eigenen Sanktionen vorangehen, forderte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin im Tagesspiegel (Sonntag). Der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rolf Mützenich, begrüßte in der Zeitung die Aufforderung von US-Außenministerin Hillary Clinton zu europäischen Wirtschaftssanktionen gegen Syrien. "Die EU muss ihre Sanktionen auf den Erdöl- und Erdgasbereich ausweiten", meinte er.

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Hintergrund

  • Hintergrund