Politik | Ausland
06.04.2017

US-Regierung erwägt Luftangriffe gegen Assad-Truppen

Ankara: Autopsie von Leichen aus Idlib bestätigt Giftgasangriff. US-Präsident Donald Trump erwägt mögliche Militäreinsätze gegen die Streitkräfte des syrischen Machthaber Bashar al-Assad.

Bei dem Luftangriff auf das syrische Khan Sheikoun (Chan Scheichun) sind nach UNO-Angaben mindestens 27 Kinder getötet worden. 546 Menschen wurden bei dem Angriff verletzt, wie das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF am Donnerstag in New York mitteilte. "Alle Konfliktparteien und diejenigen mit Einfluss auf sie müssen diesen Horror sofort beenden", erklärte der UNICEF-Regionaldirektor für den Nahen Osten und Nordafrika, Geert Cappelaere.

Eine Autopsie von Opfern des Luftangriffs erbrachte nach Angaben der türkischen Behörden die Bestätigung, dass in Khan Sheikoun Chemiewaffen zum Einsatz kamen. Der Westen macht die syrische Führung für den Angriff verantwortlich. Die russische Regierung vertritt die Ansicht, syrische Kampfflugzeuge hätten bei dem Vorfall ein Chemiewaffenlager der Rebellen getroffen. Der israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman hatte zuvor der Tageszeitung "Jediot Aharonot" gesagt, er sei sich "hundertprozentig sicher", dass der mutmaßliche Giftgasangriff auf Khan Sheikoun in der syrischen Provinz Idlib auf "ein direktes und vorsätzliches Kommando des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad mit syrischen Flugzeugen" zurückgehe. Die Regierung in Damaskus bestreitet generell den Einsatz von Chemiewaffen.

Assad: Kein Spielraum für Verhandlungs­lö­sung

Assad sieht unterdessen im Bürgerkrieg keinen Spielraum mehr für eine Verhandlungslösung. "Es gibt keine andere Option als den Sieg", sagte Assad in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview mit der kroatischen Zeitung Vecernji List.

Seine Regierung könne mit den Oppositionsgruppen, die an den jüngsten Friedensgesprächen beteiligt gewesen seien, keine Resultate erzielen, sagte Assad in dem Interview, das anscheinend vor dem Giftgasangriff vom Dienstag, für den der Westen Assads Militär verantwortlich macht, geführt wurde. Dabei kamen nach UNO-Angaben mindestens 86 Menschen ums Leben. In dem Interview, das von der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur Sana verbreitet wurde, wurde Assad nicht nach der mutmaßlichen Giftgasattacke gefragt.

Die Regierung in Damaskus hat bisher stets zurückgewiesen, Chemiewaffen einzusetzen. "Ich betone, dass wir diese Art von Waffen nicht eingesetzt haben und nicht einsetzen werden, weder gegen Zivilisten noch gegen Terroristen", sagte der syrische Außenminister Walid al-Muallim am Donnerstag in Damaskus.

Assad bekräftigte sein Ziel, den Bürgerkrieg durch einen vollständigen Sieg über die Rebellen zu beenden. Außerdem lehnte er die von den Kurden im Norden Syriens geforderte Autonomie ab. "Wenn wir den Krieg nicht gewinnen, wird Syrien von der Landkarte verschwinden", sagte Assad: "Wir haben keine andere Wahl, als uns diesem Krieg zu stellen." Zu den jüngsten Vorstößen von Aufständischen gegen Damaskus und Hama sagte er, es handle sich um jihadistische Gruppen. Mit diesen Teilen der syrischen Opposition könne es keine Verständigung geben.

Der türkische Justizminister Bekir Bozdag sagte laut einer Meldung der Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi am Donnerstag, die Autopsie habe ergeben, dass die Chemiewaffen von der syrischen Führung von Machthaber Assad eingesetzt wurden. Die Autopsie der Leichen fand in der südtürkischen Provinz Adana statt. Dorthin waren nach dem Luftangriff vom Dienstag insgesamt 32 Verletzte gebracht worden, drei von ihnen starben jedoch im Krankenhaus. Nach Angaben Bozdags nahmen Vertreter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Organisation für das Verbot chemischer Waffen die Autopsie vor.

Bei dem Angriff auf die von Rebellen kontrollierte Kleinstadt Khan Sheikoun (Chan Scheichun) in der nordwestlichen Provinz Idlib waren nach Angaben von Aktivisten mindestens 86 Menschen getötet worden, Dutzende weitere Menschen wurden verletzt. Nach Angaben der WHO zeigten die Verletzten typische Symptome, die bei Kontakt mit sogenannten Nervenkampfstoffen auftreten.

Westliche Vertreter, unter ihnen US-Präsident Donald Trump, machten Assad für den Angriff verantwortlich. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete Assad am Mittwoch als "Mörder".

Nach Darstellung des Syrien-Verbündeten Russland setzten die syrischen Regierungstruppen in Khan Sheikoun nicht selbst Giftgas ein: Die syrische Luftwaffe habe vielmehr ein von Rebellen genutztes Lager mit Giftstoffen getroffen, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau am Mittwoch mit.

Trump: "Eine Menge Grenzen überschritten"

Nach Angriff deutet sich eine Kehrtwende in der US-Politik gegenüber Moskau und Damaskus an. Mit der Attacke sei für ihn "eine Menge Grenzen" überschritten worden, sagte Trump.

Wie ein US-Regierungsmitarbeiter am Donnerstag mitteilte, präsentierte US-Verteidigungsminister James Mattis dem Präsidenten mehrere Optionen, um auf die mutmaßliche Chemiewaffenattacke zu reagieren. Dazu gehörten Angriffe, welche die syrische Luftwaffen dazu zwingen sollen, am Boden zu bleiben. Trump habe die Liste der Optionen bei Mattis angefordert, sagte der Regierungsmitarbeiter, der anonym bleiben wollte. Es seien aber noch keine Entscheidungen über das Vorgehen getroffen worden. Trump soll auch mit mehreren Führungskräften über die Einrichtung von Sicherheitszonen in Syrien gesprochen haben, berichtete Reuters unter Berufung auf Angaben des Weißen Hauses.

Koalition gegen Assad

Die USA wollen eine internationale Koalition zur Ablösung des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad formen. "Diese Schritte sind auf den Weg gebracht", sagte US-Außenminister Rex Tillerson. Es bedürfe einer Anstrengung der internationalen Gemeinschaft. Zu Spekulationen, die USA könnten eine militärische Operation in Syrien vorbereiten, sagte Tillerson: "Das ist eine ernste Angelegenheit, sie erfordert eine ernste Antwort." Es gebe nach den in den USA vorliegenden Informationen keinen Zweifel, dass die Regierung von Assad für den Angriff verantwortlich sei, sagte Tillerson. Er forderte die russische Regierung auf, ihre Position zu Assad überdenken.

Yad Vashem für Eingriff der Weltgemeinschaft

Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat die Weltgemeinschaft aufgefordert, einzugreifen. Der Vorsitzende Avner Shalev rief am Donnerstag Weltpolitiker und die internationale Gemeinschaft dazu auf, "jetzt aktiv zu werden, um die Gräuel zu stoppen und weiteres Leid zu verhindern", wie die Organisation in Jerusalem mitteilte.

Geruchlos, geschmacklos und tödlich

Nach dem Tod dutzender Menschen durch Chemiewaffen im syrischen Khan Sheikoun (Chan Scheichun) hat eine Untersuchung der Opfer der Türkei zufolge Hinweise auf Sarin ergeben. Das Nervengas gehört zu den am meisten gefürchteten Kampfstoffen: Es ist farblos, geruchlos, geschmacklos - und kann bereits in einer Dosis von nur einem halben Milligramm zum Tod führen.

Das in der Chemie Methylfluorphosphonsäureisopropylester genannte Gift kann über Haut und Atemwege in den Körper gelangen. Es blockiert ein Enzym, das eine wichtige Rolle bei der Signalübertragung durch Nervenzellen spielt. Symptome einer Sarin-Vergiftung reichen je nach Stärke von Sehstörungen und Muskelzuckungen über Atemnot und Krämpfen bis hin zu Erbrechen, Bewusstlosigkeit und Atemlähmung. Gegenmittel wirken nur bei sofortiger Verabreichung.

Der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist Sarin 26 Mal tödlicher als Zyanid. Das Einatmen von einer hohen Dosis - beispielsweise 200 Milligramm - wirkt innerhalb von wenigen Minuten tödlich. Aber auch Überlebende einer Sarin-Vergiftung tragen häufig Langzeitschäden davon. Das Gas wurde 1938 von deutschen Chemikern entdeckt.

"Purer Horror": Augenzeugen berichten vom Giftgas in Khan Sheikhoun

Giftgas hat im Nordwesten Syriens mehr als 80 Menschen getötet. Die Opfer und ihre Angehörigen stehen noch immer unter Schock. Manche glauben sogar, dass die Toten wieder aufwachen werden.

Mohammed Abu Abdu hat als Kameramann schon viele Luftangriffe im syrischen Bürgerkrieg gefilmt - aber den vom vergangenen Dienstag wird er nie mehr vergessen. Als er die Jets am Himmel über der Stadt Khan Sheikoun (Chan Scheichun) hört, stürmt er auf das Dach, wie er erzählt. Seine Aufnahme zeigt zwei dicke Rauchsäulen. "Es war ein syrisches Flugzeug, ich habe es gesehen", sagt er. "Ich habe gesehen, wie es im Norden vier Raketen abgefeuert hat." Was er danach erlebte, beschreibt er kurz und knapp: "Der pure Horror."

Er habe sofort einen Verwandten angerufen, der für Rettungshelfer arbeite, berichtet Abu Abdu weiter. Der sei zum bombardierten Gebiet geeilt und habe sich kurz darauf am Telefon gemeldet: "Er sagte: 'Etwas passiert hier, ruf jemanden an, das ist ein Angriff mit Sarin.' Ich habe dann Rettungshelfer in Khan Sheikhoun alarmiert und ihnen gesagt: Es könnte ein chemischer Angriff gewesen sein."

Kurz Zeit später kursierten in den sozialen Medien die ersten Bilder von Opfern. Sie zeigen Menschen, die zitternd und regungslos auf der Straße liegen, sie schnappen nach Luft. Rettungshelfer spritzen sie mit Wasser ab, um das Gift abzuwaschen. Krankenhäuser füllen sich, Ärzte behandeln Opfer mit Sauerstoffgeräten, von denen es zu wenige gibt. Mindestens 86 Menschen sterben in Khan Sheikhoun. Weil das Gas schwerer als Luft ist und nach unten fällt, sind viele Kinder unter den Opfern. Mindestens 30 minderjährige Tote zählen Aktivisten.

"Schrecken breitete sich in der ganzen Stadt aus", erzählt Abu Abdu. "Über den Funk der Rettungshelfer hörte ich kreischende und um Hilfe rufende Frauen, schreiende Männer und panische Helfer, die versuchten, mit dem fertig zu werden, was sie sahen. Eine ganze Stadt war in Panik."

Jalal Hamad al-Youssif gehörte zu denen, die Giftgas einatmeten, als sein Viertel bombardiert wurde. Ein Gebiet um eine Bäckerei in Khan Sheikhoun sei angegriffen worden, sagt der 44-Jährige: "Ich habe einen Schmerz im Kopf gefühlt und musste mich übergeben. Dann bin ich bewusstlos geworden." Er sei erst wieder aufgewacht, nachdem er in ein Krankenhaus in der türkischen Stadt Antakya gebracht worden sei, rund drei Autostunden von Khan Sheikhoun entfernt.

Auf seinem Zimmer ist Jalal an ein Sauerstoffgerät und einen Tropf angeschlossen. Seine Augen schmerzten noch immer, sagt er. 13 Verwandte sind in dem Krankenhaus untergebracht.

Die türkischen Behörden lassen auch das Blut der Opfer auf Spuren von Giftgas untersuchen. Für den türkischen Justizminister Bekir Bozday steht mittlerweile fest: In Syrien ist Giftgas eingesetzt worden. Das hätten Autopsien an drei Leichen nachgewiesen, sagt er.

In Antakya wird auch Mustafa Askur behandelt, 40 Jahre alt, verheiratet, ein Mann mit Glatze und kräftigem Bart. Er sei in Khan Sheikhoun auf dem Weg zur Arbeit gewesen und habe bewusstlose Menschen auf dem Boden gesehen, erzählt er. Als er helfen wollte, sei er selbst ohnmächtig geworden.

"Ich habe nichts verbrochen, ich habe niemandem wehgetan, ich will nur meine Frau und Eltern versorgen", sagt er. Wegen des Giftgases laufen ihm noch immer Tränen aus den Augen, die er nicht kontrollieren kann. Er ist schon einmal im Bürgerkrieg vertrieben worden und nach Khan Sheikhoun geflohen. "Jetzt bin ich hier und habe kein Geld mehr. Was habe ich getan?"

Auch nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff können viele Menschen noch nicht fassen, was passiert ist. Der Aktivist Abu Majd al-Khani berichtet über Audionachrichten, am Friedhof der Stadt seien Frauen und Männer zu sehen, die ihre toten Kinder im Arm hielten. "Sie weigern sich, sie zu beerdigen, weil sie denken, sie werden bald wieder aufwachen." Giftgas lässt schließlich äußerlich kaum Spuren zurück. Die Toten sehen aus, als würden sie schlafen.

Er habe eine Frau in Schockzustand neben ihren toten Kindern gesehen, erzählt Abu Majd: "Sie sagte ihnen: 'Ich weiß, ihr werdet aufwachen. Ich weiß, ihr werdet wieder spielen und in die Schule gehen. Mit Gottes Hilfe werdet ihr die Augen wieder öffnen'."

Fast jede Familie Khan Sheikhoun habe Opfer zu beklagen, erzählt Abu Majd: "Die ganze Stadt ist eingehüllt in eine Wolke aus Trauer und Leid."

Von Weedah Hamzah und Jan Kuhlmann/dpa

Amnesty: UNO soll Resolution verabschieden

Amnesty International hat nach dem mutmaßlichen Giftgas-Angriff in Syrien in einer Aussendung am Donnerstag den UN-Sicherheitsrat aufgefordert, unverzüglich eine Resolution zu verabschieden, die ein Verbot chemischer Kampfstoffe durchsetzt. Zudem soll es damit einfacher werden, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

"Das ist der tödlichste Angriff mit chemischen Waffen in Syrien, seitdem der UN-Sicherheitsrat im September 2013 die Resolution 2118 zur Vernichtung von Syriens Chemiewaffen verabschiedet hat", sagte Anna Neistat, Leiterin der Ermittlungsabteilung bei Amnesty International. "Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) und die UN haben bestätigt, dass es seither sowohl aufseiten der Regierung als auch der anderen Kräfte mehrere Angriffe mit chemischen Waffen gegeben hat. Es ist schrecklich, dass bisher niemand dafür zur Rechenschaft gezogen wurde."

Nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff in Syrien geht die Weltgesundheitsorganisation WHO davon aus, dass bei dem Vorfall Nervenkampfstoff freigesetzt wurde. Wie die WHO am Mittwoch in Genf mitteilte, zeigten die Opfer typische Symptome, die bei Kontakt mit Chemiewaffen auftreten. Auch von Amnesty ausgewertete Videos und Berichte von Ärzten bestätigten, dass bei den Opfern Vergiftungserscheinungen vorlagen.

"Mitglieder des Sicherheitsrates - insbesondere Russland und China - haben Menschenleben in Syrien gegenüber bisher gefühllose Geringschätzung bewiesen. Immer wieder haben sie gegen die Verabschiedung von Resolutionen gestimmt, die Sanktionen gegen jene ermöglicht hätten, die in Syrien Kriegsverbrechen und andere schwere Menschenrechtsverstöße begehen", sagte Neistat. "Der Sicherheitsrat muss sofort dafür stimmen, diesen Angriff zu untersuchen und die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Dies zu unterlassen wäre eine Katastrophe - und könnte Regierungen und bewaffnete Gruppen in Syrien weiter dazu ermutigen, Zivilpersonen Kriegsverbrechen mit verbotenen wie konventionellen Waffen auszusetzen", sagt Neistat "Der Einsatz chemischer Waffen ist nach dem humanitären Völkerrecht streng verboten und stellt ein Kriegsverbrechen dar."

Amnesty International hat wiederholt an den UN-Sicherheitsrat appelliert, dem "Teufelskreis der Straflosigkeit ein Ende zu setzen und die Lage in Syrien zur Strafverfolgung an den Internationalen Strafgerichtshof zu verweisen", so die Aussendung.