Politik | Ausland
28.08.2016

Türkische Angriffe in Syrien: Mindestens 35 Zivilisten tot

Die Luftangriffe der Türkei in Nordsyrien fordern auch viele zivile Opfer. Noch kein Durchbruch bei Syrien-Gesprächen zwischen USA und Russland.

Bei zwei türkischen Luftangriffen in Nordsyrien sind nach Angaben von Oppositionellen mindestens 35 Zivilisten ums Leben gekommen. Jets hätten einen Bauernhof in al-Amarna bombardiert, in dem Familien Unterschlupf gesucht hätten, berichtete die oppositionsnahe "Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" am Sonntag. Dabei seien 15 Zivilisten umgekommen.

Bei einem weiteren Angriff auf das Dorf Jub al-Kousa (Jeb al-Kusa) nahe der syrisch-türkischen Grenze seien mindestens 20 Unbeteiligte gestorben und 50 verletzt worden. Außerdem seien vier örtliche Kämpfer getötet worden, die laut Beobachtungsstelle von kurdischen Rebellen unterstützt werden. Al-Amarna und Jub al-Kusa liegen beide südlich der Grenzstadt Jarablus, in einem Gebiet, das von Verbündeten der Rebellenallianz SDF kontrolliert wird.

"Schutzschild Euphrat"

Die türkische Armee war am Mittwoch zusammen mit Rebellenverbänden in den Norden Syriens einmarschiert. Die Offensive "Schutzschild Euphrat" gilt einerseits der Vertreibung der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Zugleich will das türkische Militär die kurdischen Kämpfer in Nordsyrien zurückdrängen. Die Regierung befürchtet die Gründung eines Kurdenstaates und ein Erstarken der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans PKK im eigenen Land.

Die türkische Armee und protürkische Rebellen verkündeten bereits wenige Stunden nach Beginn des Einsatzes die Rückeroberung von Jarablus aus der Hand des IS. Am Samstag wurde erstmals seit dem Beginn der Offensive ein türkischer Soldat in Syrien getötet. Er starb bei einem Raketenangriff kurdischer Milizen auf zwei türkische Panzer, wie die Nachrichtenagentur Dogan berichtete.

Flughafen getroffen - keine Verletzten

In der Nacht auf Sonntag feuerten mutmaßliche PKK-Kämpfer Granaten auf den Flughafen der südosttürkischen Stadt Diyarbakir ab. Die Granaten hätten einem Polizeiposten gegolten, seien aber auf freiem Feld eingeschlagen, berichtete die türkische Nachrichtenagentur DHA. Im Eingangsbereich seien durch Granatsplitter einige Scheiben zu Bruch gegangen. Verletzt wurde nach Angaben der Behörden niemand.

Der Flughafen sei nach dem Angriff kurzzeitig für den Luftverkehr geschlossen worden, meldete die Nachrichtenagentur DHA. Unter den Fluggästen einer Passagiermaschine aus Istanbul, die kurz vor den Granateneinschlägen gelandet war, sei vorübergehend Panik ausgebrochen. Nach den Angreifern wurde nach Angaben der Provinzregierung eine großangelegte Suchaktion eingeleitet.

Die PKK, die im Südosten der Türkei immer wieder Polizei und Militär angreift, hat ihre Attacken in jüngster Zeit intensiviert. Zuletzt waren am Freitag bei einem Autobombenanschlag in Cizre in der Provinz Sirnak elf Polizisten getötet und 75 weitere verletzt worden.

Grundsätzliche Einigung

Die USA und Russland haben sich unterdessen grundsätzlich auf eine Waffenruhe für Syrien geeinigt. Ein Durchbruch wurde bei den Gesprächen zwischen US-Außenminister John Kerry und seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow allerdings nicht erzielt. In einer gemeinsamen Pressekonferenz erklärten Kerry und Lawrow am späten Freitagabend in Genf, Experten beider Seiten würden in den kommenden Tagen über Details verhandeln. Dazu gehört eine weiter reichende Zusammenarbeit der USA und Russlands im Kampf gegen den IS.

Kerry sagte nach den neunstündigen Gesprächen, die Beratungen mit Lawrow seien lang und konstruktiv gewesen. "Wir wollen keine Vereinbarung haben nur um der Vereinbarung willen", sagte Kerry. "Wir wollen etwas erreichen, das effektiv ist und den Menschen in Syrien nützt, das die Region stabiler und sicherer macht, und das uns hier in Genf an den Tisch bringt, um eine politische Lösung zu finden."

Eine der wichtigsten Fragen ist die Unterscheidung von gemäßigten Rebellen und extremistischen Gruppen. Lawrow sagte, die Rebellengruppen, für die eine Waffenruhe gelten solle, müssten "ein für alle Mal" festgelegt werden.

Die Gespräche zwischen den USA und Russland, die im syrischen Bürgerkrieg gegnerische Seiten unterstützen, werden durch die aktuelle Lage in Aleppo erschwert. Im Süden der geteilten Stadt haben einige von den USA unterstützte Rebellengruppen eine größere Offensive gegen die Regierungstruppen gestartet. Diese Rebellengruppen sind mit Kämpfern der extremistischen Nusra-Front durchsetzt, die sich unlängst umbenannt und von Al-Kaida losgesagt hat.

Während die USA gemäßigte Rebellen unterstützen, die seit Jahren gegen die Führung von Präsident Bashar al-Assad kämpfen, ist Russland der wichtigste Verbündete der syrischen Regierung.