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Syrien: Armee startet Gegenoffensive in Aleppo
Die syrische Stadt Aleppo wird weiter aus Kampfhubschraubern beschossen. Das Rote Kreuz zieht unterdessen Mitarbeiter ab.
Um die nordwestliche Wirtschaftsmetropole Aleppo bahnen sich nach Einschätzung der Vereinten Nationen massive Kämpfe zwischen syrischen Regierungssoldaten und Rebellen an. Die Truppen von Präsident Bashar al-Assad versuchten, "das Gebiet zu räumen", erklärte UNO-Menschenrechtskommissarin Navanethem (Navi) Pillay am Freitag in Genf. Sie sei sehr besorgt, dass eine größere Konfrontation bevorstehe. Man könne ein Muster erkennen: Assad versuche, die von Rebellen kontrollierten Gebiete durch massiven Beschuss, den Einsatz von Panzern und Durchsuchungen Haus für Haus zurückzugewinnen. Pillay erreichen nach eigenen Worten zunehmend Berichte, wonach Kämpfer der Opposition Gefangene foltern oder töten.
"Mutter aller Schlachten"
Die Aufständischen, denen große Teile der ethnisch und konfessionell gemischten Stadt ablehnend gegenüberstehen, rüsten sich für die "Mutter aller Schlachten" gegen die angreifenden Regierungstruppen. Der örtliche Rebellenkommandant Abu Omar al-Halebi sagte der Deutschen Presse-Agentur am Freitag am Telefon, dass zu den 2500 Kämpfern in der Stadt noch einmal 3000 aus anderen Landesteilen zur Verstärkung angerückt seien. "Wir sind bereit für die Mutter aller Schlachten", sagte der Kommandant. Das Regime verlegt seit Mittwoch Tausende Soldaten in die Region.
Die Armee hat am Freitag nach Angaben von Aktivisten wieder mehrere Viertel von Aleppo aus Kampfhubschraubern heraus beschossen. Die Angriffe hätten sich auf den Süden und den Südwesten der Stadt konzentriert, teilte die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Aus dem Stadtteil Salaheddin flohen zahlreiche Menschen auf Lastwagen.
Westen befürchtet Massaker
Die USA trauen dem Militär zu, ein Massaker in Aleppo anzurichten. "Es sieht so aus, als ob das Regime sich dafür in Stellung bringt", sagte die Sprecherin des Außenministeriums, Victoria Nuland, in Washington. Vor den Toren der Stadt seien Panzer aufgefahren, Flugzeuge und Hubschrauber seien mobilisiert. "Wir sind in höchstem Maße besorgt", die Stadt sei sehr dicht besiedelt. Sie befürchte einen "weiteren Verzweiflungsakt eines Regimes im Niedergang, um die Kontrolle aufrechtzuerhalten", sagte Nuland.
Auch die französische Regierung befürchtet ein neues Massaker: Durch die Ansammlung schweren Militärgerätes rund um Aleppo treffe die Regierung von Staatschef Bashar al-Assad "Vorbereitungen für ein neues Blutbad gegen sein Volk", sagte ein Sprecher von Außenminister Laurent Fabius am Freitag in Paris. Nachdrücklich wandte er sich gegen die "Verwendung schwerer Waffen durch das Regime".
Rotes Kreuz zieht Mitarbeiter ab
Unterdessen zieht das Internationale Rote Kreuz (IKRK) teilweise aus der Hauptstadt Damaskus ab. Da sich die Sicherheitslage verschlechtere, würden ausländische Hilfskräfte vorübergehend in die libanesische Hauptstadt Beirut geschickt, sagte ein IKRK-Sprecher am Freitag. Sobald die Sicherheitslage es erlaube, würden die Helfer zurückkehren.
Ein Kernteam von 50 ausländischen und einheimischen Mitarbeitern werde aber weiterhin in Damaskus arbeiten. Der syrische Rote Halbmond, eine Schwesterorganisation des Roten Kreuzes, habe bereits einige seiner Hilfseinsätze in Aleppo unterbrochen, fügte Hicham Hassan hinzu.
Abgeordneter flüchtet in Türkei
Erstmals ist ein syrisches Parlamentsmitglied in die Türkei geflohen. Die Abgeordnete Ikhlas al-Badawi erklärte am Freitag im Fernsehsender Sky News Arabia, sie habe sich abgesetzt, um dem "tyrannischen Regime" Assads und seiner seit fast 50 Jahren herrschenden Baath-Partei zu entkommen. Die Abgeordnete Badawi, die selbst Baath-Mitglied ist, erklärte, sie sei geflohen "vor der Unterdrückung und der grausamen Folter einer Nation, die ein Minimum an Rechten fordert". Badawi war als "Arbeiter- und Bauern"-Vertreterin in das Anfang Mai gewählte Parlament entsandt worden. Zu den Wahlen waren theoretisch auch Gruppen zugelassen, die außerhalb der von der Baath-Partei gesteuerten "Nationalen Fortschrittlichen Front" stehen, in der alle zugelassenen Parteien zusammengeschlossen sind.
Christen fürchten „irakische Zustände“
Syriens Christen befürchten ein ähnlich schreckliches Los wie das ihrer Glaubensbrüder im Irak. "Falls Präsident Assad abgesetzt wird oder ins Exil geht, werden wir bald irakische Zustände haben", berichtete der melkitische (griechisch-katholische) Theologe Pater Hanna Ghoneim, Leiter des katechetischen Zentrums in Damaskus, der ökumenischen Organisation "Christian Solidarity International" (CSI) in Wien. Die meisten westlichen Medien seien auf der Seite der Rebellen, einer keineswegs homogenen Gruppe, klagte Ghoneim. "Die Journalisten verzerren somit das Bild der Gesamtlage im Land. Weiß man denn im Westen etwa, dass etliche Kämpfer aus der salafistischen Ecke kommen? Wenn solche Eiferer an die Macht kämen, hätte die christliche Minderheit im Land nur noch eine Option: den mühsamen Weg der Emigration gehen, wollen sie nicht, ihrer Meinungs- und Glaubensfreiheit weitgehend beraubt, ein Dasein im Untergrund fristen!"
In Syrien sind bereits Zehntausende Christen von islamistischen Aufständischen, die von Saudi-Arabien und Katar unterstützt werden, vertrieben worden, ihre Wohnungen und Häuser wurden geplündert oder zerstört. Im Irak hat sich die Lage der christlichen Bevölkerungsteile, die unter dem säkularen Baath-Regime Saddam Husseins wie in Syrien geschützt waren, nach der US-Invasion 2003 dramatisch verschlechtert: Dutzende Kirchen wurden seither niedergebrannt, zahllose Christen und viele Geistliche ermordet, wie der entführte chaldäisch-katholische Erzbischof von Mossul, Paulos Faraj Rahho, dessen Leichnam man auf einer Müllhalde fand.
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