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Politik Ausland
07/30/2012

Syrien: 200.000 fliehen aus Aleppo

Militär und Rebellen liefern sich heftige Kämpfe in der Wirtschaftsmetropole im Norden des Landes. Das Regime gibt sich siegessicher.

Bei der womöglich entscheidenden Schlacht um die syrische Wirtschaftsmetropole Aleppo liefern sich Militär und Rebellen seit Samstag heftige Gefechte. Für die Bevölkerung wird die Situation immer bedrohlicher: Rund 200.000 Menschen sind nach Schätzungen von Rotem Kreuz und Rotem Halbmond in den vergangenen Tagen vor den schweren Kämpfe aus der syrischen Wirtschaftsmetropole Aleppo geflohen.

"Niemand weiß, wie viele Menschen an Orten gefangen sind, an denen die Kämpfe weitergehen", erklärte die UNO-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos. Sie forderte die Truppen des Regimes von Präsident Assad und die Aufständischen auf, Zivilisten zu verschonen und Helfern sicheren Zugang zu gewähren.

Die Regierungstruppen hatten am Wochenende eine Offensive gegen die Aufständischen in Aleppo begonnen. Unterstützt von Kampfflugzeugen, Hubschraubern und schwerer Artillerie rückten Panzer und Soldaten gegen Stellungen der oppositionellen Freien Syrischen Armee vor. Die Syrischen Menschenrechtsbeobachter in London sprachen von den schwersten Kämpfen seit Beginn der Revolte gegen Assad im März 2011.

Schauplatz der Feuergefechte am Montag dürfte vor allem das südwestliche Viertel Salaheddin sein. Die Sicherheitskräfte brachten es nach eigenen Angaben am Sonntagabend unter ihre Kontrolle, doch von Rebellen heißt es, sie wären weiter in dem Stadtteil präsent und der Kampf gehe weiter. Ein BBC-Journalist vor Ort berichtet, die Aufständischen würden einen Guerilla-Krieg gegen die Regierungstruppen in der Stadt führen. Über Verluste gab es zunächst keine Angaben.

Regime gibt sich siegessicher

Dennoch zeigte sich das Regime zuversichtlich, die Rebellen zu vertreiben. "Sie wurden in Damaskus besiegt und sie werden in Aleppo besiegt werden", sagte der syrische Außenminister Muallem am Sonntag bei einem Besuch in der iranischen Hauptstadt Teheran. Zugleich sprach er von einer globalen Verschwörung gegen sein Land, mit Israel als "Drahtzieher und führendem Provokateur".

Der iranische Außenminister Salehi pflichtete seinem Gast bei. Die ausländischen Unterstützer der Rebellen, darunter Saudi-Arabien, Katar und die Türkei, sollten nicht naiv sein und glauben, dass ein Regimewechsel in Syrien einfach zu erreichen sei. Der Iran ist der treueste Unterstützer des Assad-Regimes.

Panetta: "Das wird Assads Sargnagel"

Anders sehen es natürlich die USA. Die Angriffe auf Aleppo sind nach Einschätzung des US-Verteidigungsministers Leon Panetta der Sargnagel für die Assad-Regierung. "Was Assad seinem eigenen Volk angetan hat und weiter antut, macht der Bevölkerung klar, dass sich sein Regime dem Ende zuneigt", sagte Panetta in Tunesien zum Beginn seiner Reise durch den Nahen Osten und Nordafrika. "Ich denke, es wird letztlich Assads Sargnagel sein."

Panetta wiederholte seine Forderung an die internationale Gemeinschaft, gemeinsam die Regierung von Assad abzusetzen, nannte jedoch keine neuen Schritte der USA. Er machte lediglich die unkonkrete Ankündigung, die Opposition zu unterstützen. Syrien werde eine große Rolle bei den bevorstehenden Gesprächen mit den Staats-und Regierungschefs in Israel und Jordanien spielen, sagte der Verteidigungsminister.

Experten erwarten, dass es bei Panettas Besuch in Israel auch um das iranische Atomprogramm gehen wird. US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney hatte das Land erst am Sonntag besucht.

Türkei schickt Truppen

Die Rebellen sicherten unterdessen nach eigenen Angaben eine wichtige Nachschubroute von Aleppo zur nahe gelegenen türkischen Grenze. Nach stundenlangen Kämpfen nahmen sie am Montag den strategisch wichtigen Checkpoint Anadan mehrere Kilometer nördlich von Aleppo ein. Damit dürfte es ihnen leichter fallen, sich aus der Türkei mit Lebensmitteln und Waffen zu versorgen.

Aus Furcht vor einer Eskalation der Lage in Aleppo schickte die Türkei am Montag Truppen und schweres Gerät an die syrische Grenze unweit der Millionenstadt. Ein Konvoi aus rund rund 20 Truppentransportern sowie Fahrzeugen beladen mit Flugabwehrbatterien und Panzerfahrzeuge seien in der Nähe der Stadt Kilis an der Grenze stationiert worden, berichteten staatliche Medien und Augenzeugen am Montag. Die Gegend auf syrischer Seite soll teils von kurdischen Kämpfern kontrolliert werden, die mit der Arbeiterpartei Kurdistan (PKK) verbündet sind. Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan drohte vergangene Woche, kurdische "Terroristen" auch auf dem Staatsgebiet Syriens zu verfolgen.

Nach türkischen Angaben desertierte zuvor der stellvertretende Sicherheitschef der Mittelmeer-Stadt Latakia, ein Brigadegeneral, gemeinsam mit elf anderen Offizieren in die Türkei. In den vergangenen 24 Stunden seien insgesamt 600 Syrer

Athen verstärkt Grenze zur Türkei

Aus Angst vor einer Flüchtlingswelle aus Syrien lässt Griechenland die EU-Außengrenze zur Türkei noch schärfer bewachen. 1800 Grenzpolizisten würden zusätzlich an die Grenze geschickt, sagte Justizminister Nikolaos Dendias am Montag nach einem Treffen mit dem griechischen Regierungschef Antonis Samaras. Auf dem Grenzfluss Evros würden weitere Patrouillenboote eingesetzt.

Über die griechisch-türkische Grenze gelangen Hunderttausende Flüchtlinge aus Asien und Afrika illegal in die Europäische Union. Seit einigen Monaten patrouillieren an der Grenze neben griechischen Beamten auch Dutzende Mitarbeiter der EU-Grenzagentur Frontex.

In der vergangenen Woche hatte Dendias angekündigt, dass sein Land trotz internationaler Kritik am Bau eines knapp elf Kilometer langen Grenzzauns zur Türkei festhalte. Er soll Anfang Oktober fertig sein.

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