Politik | Ausland
20.09.2017

Suu Kyis späte Rede enttäuschte

Nobelpreisträgerin versprach geflüchteten Rohingya Rückkehr "nach Überprüfung".

Eigentlich hätte die Rede nicht in Myanmars junger Hauptstadt Naypyidaw stattfinden sollen. Geplant war, dass die Regierungschefin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi die Probleme ihres Landes in New York bei der UN-Vollversammlung anspricht, doch diese Reise sagte sie ab. Ihr Statement zur Lage der verfolgten muslimischen Rohingya war lange erwartet worden: UNO-Generalsekretär Antonio Guterres erklärte, es sei ihre letzte Chance, die Situation im Land umzukehren. Aber der offenkundige Versuch, beide Seiten zufriedenzustellen – die Rohingyas bzw. die für sie sprechenden internationalen Organisationen auf der einen und die myanmarischen Militärs auf der anderen Seite –, erwies sich als Drahtseilakt. Menschenrechtsorganisationen zeigten sich enttäuscht.

Fragile Demokratie

Die Friedensnobelpreisträgerin verurteilte sowohl Kriege als auch Menschenrechtsverletzungen; erklärte, ihr Land sei eine junge und fragile Demokratie, die mit vielen Problemen zu kämpfen habe; sowie dass die Regierung alles für den Frieden tue. Zur Lage der Rohingya – rund 400.000 mussten bisher vor Militär und Seltjustiz-Mobs fliehen – äußerte sie sich nur vorsichtig: Das Wort "Rohingya" fiel nur ein Mal während ihrer halbstündigen Rede – als sie die terroristischen Angriffe der Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA) ansprach (die Rebellen kämpfent für die Rechte der Rohingya).

Auch lud Suu Kyi internationale Diplomaten ein, sich die Lage im myanmarischen Staat Rakhine anzusehen.

Hunderte Kilometer entfernt in Bangladesch hat Rotkreuz-Expertin Lidwina Dox wenig von Suu Kyis Rede mitbekommen. Seit vergangener Woche ist sie in dem Land, um sich ein Bild von der Situation der Geflüchteten in den Lagern zu machen. "Die Lage ist weit von Im-Griff-Haben entfernt", erklärt sie im Gespräch mit KURIER. Bis zu 60.000 Menschen seien in den neuen, spontanen Lagern; es gebe aber auch andere Camps, die noch viel größer seien. Der Fußmarsch in die Camps, von denen viele nicht über Straßen erreichbar seien, sei lang.

Regenzeit

Sie lägen in einer hügeligen Landschaft – teils schwer begehbar, vor allem in der Regenzeit, die noch bis Ende September andauert. Man brauche Stunden, um ein Lager abzugehen.

Wenn geflohene Rohingya ankämen, würden sie Hügel roden, ein Fundament bauen und ihre Zelte aus Bambus und Plastik dort aufstellen. "Sie sind sehr aktiv." Die Rohingya würden arbeiten und auch die Lager verlassen, obwohl ihnen die bangladeschische Regierung dies verboten hatte.

Meistens suchten sie Straßen auf, wo Versorgungstrucks vorbeifahren und Hilfspakete abwerfen würden, erzählt Dox. Die bangladeschische Bevölkerung spende viel, allgemein würden die Rohingya vor Ort von Bewohnern, nationalen und internationalen Organisationen sehr unterstützt.

Im Nachbarland umklammert Suu Kyi das Rednerpult mit beiden Händen. Sie spricht von "Vorwürfen und Gegenvorwürfen" in Sachen Vertreibung.

Aber: "Wir sind bereit, den Überprüfungsprozess zu beginnen" – sie meint eine mögliche Rückkehr der Flüchtlinge. Ob die muslimischen Rohingya dann die myanmarische Staatsbürgerschaft zurückerlangen würden, die ihnen seit 1982 verweigert wird, bleibt offen.