Wahlen in Südtirol: Am Sieg von Arno Kompatscher zweifelte niemand, Ergebnisse werden für den Montag erwartet

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Wahl
10/27/2013

Südtirol: Heimspiel für einen Jungbauern

Der Sieg des neuen an der SVP-Spitze stand fest – auf dem Spiel steht aber die absolute Mehrheit

Mit einer Hofübergabe des Altbauern an den Jungbauern vergleicht man in Südtirol die Machtablöse von Luis Durnwalder. Dort fanden am Sonntag, Landtagswahlen statt. Ausgezählt wird aber erst am Montag. 14 Listen mit 424 Kandidaten hoffen auf den Einzug in den Landtag mit seinen 35 Sitzen. Für Jungstar Arno Kompatscher ist die Landeshauptmann-Wahl ein Heimspiel. An seinem Sieg zweifelt niemand. Die Frage ist, ob er die absolute Mehrheit für die Südtiroler Volkspartei (SVP) verteidigen kann.

Das Südtiroler Wochenmagazin ff zeigt einen kämpferischen Kompatscher mit geballter Faust und titelt „Zum Siegen verdammt“. „Er hat nur dann eine wirkliche Macht, das Land zu verändern, wenn sein Vorzugsstimmenergebnis grandios ist“, sagt ein Beobachter. Autonomie, Heimat, Identität, Arbeit – das waren einige der Schlagwörter, die seine Kampagne prägten. Freistaat-Forderungen oder Abspaltung von Italien erteilte er bisher eine Absage. Er repräsentiert für viele Erneuerung und verspricht mehr Transparenz.

Wenn er auch inhaltlich nicht alles auf den Kopf stellen wird, so dürfte er doch frischen Wind in verkrustete Strukturen bringen. Ambitionierte Ziele hat sich der 42-jährige Politiker gleich für die ersten 100 Tagen im Amt nach seinem Einzug ins Palais Widmann gesteckt: Neben der Halbierung der Repräsentationskosten will er Reformen einleiten. Per Gesetz will er die Landeshauptmann-Dauer auf 15 Jahre beschränken. „Genau wie für Landesräte und Bürgermeister. Mir selbst reichen zehn Jahre“, so Kompatscher. Seine Vorgänger Luis Durnwalder und Silvius Magnago brachten es auf Amtszeiten von 24 und 29 Jahren. Unter seiner Führung soll es auch erweitere Kompetenzbereiche für Landesräte geben, die die institutionellen Beziehungen zu Rom, Wien, Innsbruck und Brüssel pflegen. Im Bereich der Familien- und Sozialpolitik will er den Mutterschutz verbessern. Sowie Rentnern mit Niedrigeinkommen helfen.

Nach dem Skandal um die Konzessionsvergaben bei der Landesenergiegesellschaft SEL betonte der Jurist, dass Transparenz Priorität hat. Künftig soll es ein neues Vergabegesetz geben, mit offenem Wettbewerb, der EU-Bestimmungen entspricht. Auch bei Beraterverträgen – ein Bereich in dem „viel Wildwuchs herrsche“ – will er kürzen. Der Rückhalt in seiner Partei ist groß. Führende SVP-Politiker nennen ihn einen „Glücksfall und Besten, den man im Moment“ hat.

„Wähle! Vota! Lita!“ – in drei Sprachen wurde zum Urnengang gerufen. Aufgrund des schönen Wetters befürchtete man eine geringe Beteiligung. „Ich war noch vor der Tour im Wahllokal“, sagt ein Wanderer, der schon um sechs Uhr früh in der Nähe des Walther-Platz in Bozen seine Stimme abgab. Bei den letzten Landtagswahlen 2008 lag die SVP mit absoluter Mehrheit (48 Prozent) vorne, gefolgt von den Freiheitlichen (14 Prozent) und der Berlusconi-Partei (8 Prozent).

Rampensau und Hausmütterchen

Bis zum Wahlkampf-Start vor wenigen Monaten war Arno Kompatscher weitgehend unbekannt. Anfangs noch als „Greenhorn“ abgestempelt, konnte der 42-jährige Durnwalder-Nachfolger im Wahlkampf das Ruder umreißen. Mit verschmitztem Lächeln, intellektueller Brille und klaren Worten stieg er zum Sympathieträger auf. Bei seinem Termin-Marathon in den vergangenen Monaten besuchte er jedes noch so abgelegene Tal.

Kompatscher wurde 1971 in Völs am Schlern geboren. Sein Vater war Völser Bürgermeister und davor Dorfschmied, seine Mutter Hebamme. Er studierte Jus im norditalienischen Padua und in Innsbruck. Mit seiner Ehefrau Nadja Ahlbrecht hat er sechs Kinder im Alter zwischen ein und 20 Jahren. 2010 wurde er Gemeindeverbandspräsident und davor, 2005, Bürgermeister von Völs, einer 3400-Einwohner- Gemeinde am Rande der Dolomiten, gewählt. Zuvor war er Geschäftsführer der Gesellschaft der Seiser Umlaufbahn.

Beobachter beschreiben ihn als tatkräftig, durchsetzungsstark, mit einem Gespür für Menschen und politische Stimmungen. Er gilt als Mannschaftsspieler mit Anflügen von Eitelkeit, jedoch nicht überheblich. Ein hoher Funktionär der Südtiroler Volkspartei (SVP) charakterisiert ihn so: „Arno weiß was er will und hat auch den Mut, unliebsame Entscheidungen zu treffen.“ In seinem euphorischen Redefluss sei er manchmal nicht zu stoppen. Ein Kritiker hingegen erklärte im Südtiroler Wochenmagazin ff: „ Der Wahlkampf hat ihn weichgespült. Im Grunde ist er eine Rampensau, aber zurzeit gibt er das Hausmütterchen.“ Zu seinen Hobbys zählen laufen, Fußball und Eishockey. Seinen Urlaub verbringt er am liebsten am Meer – im Gegensatz zu Vorgänger Durnwalder, der in seiner Freizeit höchstens als Ausflüge getarnte Kontrollbesuche in seiner Südtiroler Heimat absolvierte.

Die Geschichte Südtirols

1919: Bis Ende des Ersten Weltkrieges war Südtirol ein Teil von Tirol und damit der österreichischen Habsburger Monarchie. 1919 wurde Südtirol im Friedensvertrag von Saint-Germain gegen den Wunsch der zu 90 Prozent deutschsprachigen Bevölkerung Italien zugesprochen.

Sehr bald wurde mit der Italianisierung des Landes begonnen, Diktator Mussolini trieb sie weiter voran: Der Gebrauch der deutschen Sprache in Schulen, in Ämtern und im öffentlichen Leben wurde verboten. Durch gezielte italienische Zuwanderung sollte die Italianisierung gefördert werden.

1939 schloss Hitler mit Mussolini ein Abkommen über die Umsiedlung der Südtiroler. In der durch italienische Zwangsmaßnahmen und deutsche Propaganda geförderten „Option“ entschieden sich 213.000 Südtiroler (86 % der deutschsprachigen und ladinischen Bevölkerung) für die deutsche Staatsbürgerschaft – und wurden gedrängt, auszuwandern. Bis 1943 wanderten 70.000 Südtiroler ab. Im September 1943 wurde Südtirol von Nazi-Truppen besetzt.

1945: Nach Kriegsende forderten die Südtiroler einmütig die Rückkehr zu Österreich. Dies verlangte auch Österreich, wurde aber 1946 von den Alliierten abgelehnt. Rom und Wien handelten daraufhin das „Gruber-De-Gasperi-Abkommen“ aus. Südtirol wurden darin autonome Grundrechte zugesichert, Österreich wurde als Schutzmacht der Südtiroler Bevölkerung anerkannt. Doch die Umsetzung des Abkommens wurde jahrelang verzögert, der Zuzug italienischer Arbeitsmigranten weiter vorangetrieben. Der Unmut der deutschsprachigen Bevölkerung wuchs. Der damalige österreichische Außenminister Bruno Kreisky brachte die Südtirol-Frage vor die UNO.

Bomben: Radikale Südtirolaktivisten, die für eine Loslösung Südtirols von Italien kämpfen, verübten zahlreiche Bombenanschläge (im Volksmund „Bumser“ genannt) . Von 1956 bis 1988 wurden 361 Anschläge registriert, 21 Menschen kamen dabei ums Leben. Nach jahrelangen Verhandlungen wurde 1972 schließlich das Zweite Autonomiestatut für Südtirol abgesegnet, das der Region endlich volle Autonomierechte zusichert. 1988 wurden die Autonomie noch ausgeweitet - Südtirol kann sich seither auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet voll entfalten.

1992:Offizielle Streitbeilegungserklärung zwischen Österreich und Italien. Seither gab es allerdings immer wieder diplomatische Interventionen Wiens in Rom – vor allem, als im Zuge von Verfassungsreformen die Südtirol Autonomie beschnitten werden sollte. Heute gilt Südtirol als eines der weltweit erfolgreichsten Modelle für eine Autonomie.

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