Politik | Ausland
02.08.2017

Südamerikas Lage auf den Kopf gestellt

Rollentausch. Kolumbien nimmt Aufschwung, während Nachbar Venezuela in die Knie geht.

Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos war der erste, der sich aus der Deckung wagte: Sein Land werde die verfassungsgebende Versammlung in Venezuela nicht anerkennen, sagte er in Bogota. Dialog, Verhandlungen, Entwaffnungen – Schlagworte mit denen Friedensnobelpreisträger Santos sein Land auf die internationale Landkarte gebracht hat und die im Nachbarland Venezuela besonders gut zu gebrauchen sein werden. Die jüngsten Beleidigungen des venezolanischen Machthabers Nicolas Maduro konterte Santos in dieser Woche geschickt: "Ich erkenne an, dass ich ein Vasall des Imperiums bin, des Imperiums von Buchstaben, der Republik, der Freiheit und der Demokratie."

Kein anderes Land leidet so unter der Krise in Venezuela wie Kolumbien. Schätzungsweise 200.000 Flüchtlinge beherbergt die Kaffee-Nation und gewährte den Neuankömmling pauschal erst einmal dauerhaft Asyl, weil der Zustrom ohnehin anders nicht zu managen wäre.

Ein Jahrzehnt hat genügt, um die politischen Verhältnisse in Südamerika neu zu ordnen. Brasilien, das unter Ex-Präsident Lula da Silva noch als kommende Supermacht galt, hat sich an der Weltmeisterschaft und den Olympischen Spielen verhoben. Obendrein steckt die gesamte politische Klasse Brasiliens in einem gigantischen Korruptionssumpf. Venezuela, das sich zu Zeiten des hohen Ölpreises verkalkulierte, leidet inzwischen unter einem diktatorischen Regime, das das Land ausplündert und die gesamte Privatwirtschaft in den Ruin oder außer Landes getrieben hat.

Sorgenkind

War es früher Kolumbien, das durch die Gewalt rechter paramilitärischer Banden und linker Guerilla-Gruppen für Flüchtlingsströme nach Ecuador und Venezuela sorgte, ist heute Venezuela das Sorgenkind des Subkontinents. Dazu kommt: Nun wurden die beiden festgenommenen Oppositionsführer Leopoldo Lopez und Antonio Ledezma wegen angeblicher Fluchtgefahr auch noch in Haft genommen.

Ein Vergleich der beiden Hauptstädte: Während in Bogota Tausende Baukräne Aufschwung verkünden, ist Caracas fast baustellenfrei. Längst ist die venezolanische Metropole mit ihren brutalen paramilitärischen Banden, den linken Colectivos, die gefährlichste Hauptstadt Südamerikas, während Kolumbien mit der niedrigsten Mordrate seit Jahrzehnten aufwartet.

Inzwischen verlagern immer mehr große Unternehmen ihren Sitz nach Bogota. Der moderne Hauptstadtflughafen entwickelt sich zum neuen Drehkreuz Südamerikas. Und während sich täglich Fluglinien aus Caracas zurückziehen, weil Zahlungen ausbleiben oder weil die Sicherheitslage keine andere Entscheidung zulässt, freut sich Kolumbiens Airline Avianca über den Titel beste Airline Südamerikas.