Politik | Ausland
11.01.2015

Rezepte gegen Radikalismus

Autoren schreiben über islamistischen Terror, antiislamische Gegenbewegungen, und wie ein Krieg der Kulturen verhindert werden kann.

Der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad sieht in sozialen Gründen "nur den Brandbeschleuniger, nicht das Feuer" des islamistischen Terrors.

"Inner-islamischer Kulturkampf auf europäischem Boden"

Es war ein Anschlag mit Ansage, und dennoch scheinen alle nun ratlos. Eine Krankheit bricht aus und befindet sich auf dem Vormarsch. Sie heißt islamischer Fundamentalismus. Lange wurde diese Krankheit von Muslimen verharmlost und von westlichen Politikern und Journalisten relativiert. Nach jedem Anschlag und nach den Gräueltaten der IS-Milizen hieß es immer, diese hätten mit dem Islam nichts zu tun. Aus Mangel an Selbstkritik oder aus Angst vor rechtsextremer Propaganda diagnostizierte man die Krankheit immer falsch und verlagerte das Problem woandershin. Mal war es die Machtpolitik des Westens, die für den islamistischen Terror verantwortlich gemacht wurde, mal soziales Elend und Marginalisierung junger Muslime. Diese sind aber nur Brandbeschleuniger, nicht das Feuer.

Terrorismus ist keine Reaktion, sondern Vollstreckung eines politischen Anspruchs, der in der islamischen Theologie eingebettet ist. Es gibt einen Konsens unter fast allen islamischen Rechtsschulen, dass die Beleidigung des Propheten oder die Apostasie mit dem Tode bestraft werden sollte. Charlie Hebdo und davor Theo van Gogh sind da nicht die ersten Opfer. Viele Schriftsteller in den islamischen Staaten mussten dies am eigenen Leibe spüren. In Saudi-Arabien und im Iran wurden bereits mehrere Menschen wegen Blasphemie oder Beleidigung des Propheten hingerichtet. In anderen islamischen Staaten wie Marokko und Pakistan müssen Apostaten und Islamkritiker mit hohen Haftstrafen rechnen.

Auf der anderen Seite lebt die Mehrheit der Muslime in Europa friedlich und distanziert sich von Gewalt. Auch sie sind Verlierer dieses Anschlags. Die Radikalisierung an den Rändern können sie nicht unterbinden. Die politische Mitte in Europa scheint gelähmt und beschränkt sich auf übliche Floskeln, während Extremisten auf beiden Seiten (Islamisten und Rechtsradikale) Boden gewinnen. Hass schaukelt sich gegenseitig auf.

Es muss aber einen Mittelweg jenseits von Beschwichtigung und Alarmismus geben. So schrecklich dieser Anschlag sein mag, kann man ihn als Chance sehen. Die Politik ist gefragt, klare Konzepte vorzulegen, nicht nur für die Bekämpfung von Terror, sondern auch für Einwanderung und Integration. Nur das kann den Radikalen am rechten Rand den Wind aus dem Segel nehmen. Es reicht nicht mehr aus, sich bei Fragen der Integration alleine auf Islamverbände und Glaubensgemeinschaften zu verlassen, die eher ein Teil des Problems sind. Muslimische Vertreter und Theologen sind gefragt, die authentischen Elemente des Islam, die zu Hass und Gewalt führen, ehrlich zu benennen, statt sich um das Image des Islam zu kümmern. Nur das kann muslimische Fanatiker isolieren.

Ich glaube, dieser Anschlag, wie auch der Aufstieg von IS, wird vier Tendenzen innerhalb der Muslime in Europa und weltweit hervorbringen: Eine kleine Gruppe wird sich weiterhin radikalisieren; eine kleine Gruppe wird sich gänzlich vom Islam lösen; eine kleine Gruppe wird versuchen, den Islam zeitgemäß zu leben; und die große Mitte wird zwischen Konservatismus und freiheitlicher Lebensführung schwanken und abwarten, welche Gruppe gewinnt.

Auch dieser inner-islamische Kampf der Kulturen wird auf europäischem Boden ausgetragen. Die Szene, wo der fanatische Islamist von Paris einen auf dem Boden liegenden muslimischen Polizisten in den Kopf schießt, ist Sinnbild dieses Kulturkampfes.

Bruchlinie trennt nicht Religionen

Die Frage: „Wie kann man einen offenen Konflikt zwischen den Religionen in Europa verhindern?“, scheint den notwendigen Befund eher zu hemmen. Wer steht denn gegenwärtig in einem Konflikt in Europa? Sind es tatsächlich die Religionen? Erleben wir die Rückkehr eines längst überwunden geglaubten Traumas – jenem des Religionskrieges? Steht da tatsächlich Christentum gegen Islam?

Tatsächlich gibt es eine Bruchlinie, die europäische Gesellschaften durchzieht – eine Bruchlinie, die immer mehr zu einer Frontlinie wird. Diese Linie trennt aber nicht Religionen. Sie trennt vielmehr einen pluralistischen Weltzugang, der säkular sein kann oder auch nicht, von der phantasmatischen Vorstellung einer einheitlichen, geschlossenen, homogenen Gesellschaft. Nun finden sich paradoxerweise solche Phantasmen sowohl bei Pegida-Marschierern als auch bei Islamisten. Sie teilen aber nicht nur das Phantasma, sondern auch den Feind. Denn deren eigentlicher, „gemeinsamer“ Feind ist die Welt von Menschenrechten, Demokratie, Kritik, Satire und Liberalität der Lebensformen. Hier verläuft die Konfliktlinie.

Was aber passiert, wenn sich Toleranz und Hass gegenüberstehen? Was passiert, wenn die Offenheit eine Feinderklärung erhält? Wie wappnet sie sich, ohne das, was sie ausmacht – ihre Offenheit also – zu verlieren?

Die freie Gesellschaft ist in Bedrängnis, umso mehr als ihre Ressourcen verbraucht zu sein scheinen. „Heute ist der Atheismus tot, die Laizität ist tot, die Republik ist tot“, so der Autor Michel Houellebecq, dessen Roman gespenstisch punktgenau erschienen ist.

Vielleicht aber gelingt es Europa gerade im Moment der Bedrängnis, seine Reserven zu mobilisieren. Vielleicht wächst aus der Abwehr eine Wiederbelebung der alten Ressourcen. Vielleicht kann sich die erschöpfte Politik aufschwingen, ein neues Projekt zu entwickeln, das auch jene mitreißt, die sich von ihr abwenden – ein Projekt, das dem existierenden Pluralismus eine lebbare Form gibt. Und vielleicht kann sie dieses – bitte! – tun, bevor die Marine Le Pens dieses Kontinents das Ruder übernommen haben.

Wir müssen Worte finden

Wir müssen als Journalisten weiterschreiben, um gegen die Barrieren anzukämpfen, die sich in unserer Gesellschaft derzeit errichten. Dieses beharrliche Weiterschreiben ist jetzt zu unserer Bürgerpflicht geworden, unsere Form des Widerstandes. Wir müssen dabei über die Grenzen unserer Redaktionsräume hinausgehen, und wir dürfen die Debatte nicht den Experten überlassen. Wir dürfen uns nicht selbst zensieren, und wir müssen unsere Verantwortung jetzt mehr denn je wahrnehmen. Denn sonst hat der Hass gewonnen: sein Ziel ist es, uns zum Schweigen zu bringen.

Was den Aufstieg der Islamisten in Europa betrifft: Ich weigere mich, den rechtpopulistischen Politikern und den religiösen Fundamentalisten das Wort zu überlassen. Die einen bedingen und nähren die anderen, eine schaurige Verbindung. Wir müssen in unseren Medien den Islam und seine Imame ansprechen dürfen, ebenso respektvoll oder respektlos, wie wir auch von Priestern und Rabbinern sprechen. Wir müssen uns den Islam aneignen, denn auch er gehört zu unserem Erbe. Der Islam ist kein Volk und keine Ethnie. Wie jede Ideologie muss er infrage gestellt werden dürfen. Als Journalist behandle ich religiöse Würdenträger genau so, wie ich jede Informationsquelle behandle. Ebenso wie ich mich nicht politisch instrumentalisieren lasse. Die Trennung von Kirche und Staat ist das Fundament der französischen Republik. Der Laizismus und die Republik sind so stark, dass sie mir meine publizistische Freiheit garantieren – so lange ich meine Arbeit gewissenhaft mache. Ich habe mich oft zu kontroversen Themen sehr explizit geäußert, und es gibt gewiss Feinde, andererseits aber auch viele Freunde meiner publizistischen Arbeit.Ich weiß daher: Man hat in Österreich das Recht, strenggläubiger Muslim zu sein, ohne deshalb gleich des Terrorismus verdächtigt zu werden. Ich habe auch in diesem Umfeld wichtige Gesprächspartner für meine Arbeit als politischer Berichterstatter, genauso, wie ich sie unter den orthodoxen Juden und den strenggläubigen Katholiken habe. Und ich habe heute genauso wenig Angst, mit ihnen zu reden, wie gestern oder vorgestern.

Uns geziemt es, die Angst zu überwinden

Uns Bürgern geziemt es, die Angst zu überwinden, auf den Terror nicht mit Schrecken zu reagieren und uns gegen jene panische Angst vor dem Anderen, jenes Gesetz des allgemeinen Misstrauens zu wappnen, die fast immer das Ergebnis solcher Erschütterungen sind. Zu der Zeit, da ich dies schreibe, scheint die republikanische Weisheit gesiegt zu haben. Dieses im selben Augenblick und wie mit einer einzigen Stimme in allen französischen Großstädten erfundene „Je suis Charlie“ markiert die Geburt eines Widerstandsgeistes, der unserer besten geschichtlichen Traditionen würdig ist.

Und die geistigen Brandstifter, die unermüdlich die Trennung in geborene und eingebürgerte Franzosen predigen, die Unruhestifter im Front National und anderswo, die in diesen zwölf Hinrichtungen bereits eine weitere göttliche Überraschung erblickten, welche das unabwendbare Nahen der „Großen Ablösung“ und unsere feige Unterwerfung unter die Propheten der „Unterwerfung“ bezeuge, sind erkennbar nicht auf ihre Kosten gekommen. Die Frage lautet allerdings: Wie lange? Und es kommt entscheidend darauf an, dass Republikaner jeglicher Prägung, Ausrichtung und Herkunft, die in den Stunden nach dem Blutbad mutig auf die Straße gingen, dem „Frankreich den Franzosen“ der Madame Le Pen und ihresgleichen, wenn dann die Zeit der aufgewühlten Emotionen vorüber ist, die „nationale Einheit“ entgegensetzen.

„Nationale Einheit“ ist das Gegenteil von „Frankreich den Franzosen“. „Nationale Einheit“ ist – von Cato dem Älteren bis hin zu den Theoretikern des modernen Gesellschaftsvertrags – ein schöner Begriff, der sich, weil verwandt mit der Kunst des gerechten Krieges, letztlich niemals über seinen Feind täuscht. Die „nationale Einheit“ ist die Idee, die dafür sorgt, dass die Franzosen verstanden haben: Die Mörder von Charlie sind nicht „die“ Muslime, sondern der winzige Bruchteil unter ihnen, der den Koran mit einem Folterbuch verwechselt – und diese Idee muss unbedingt weiterleben.

Jene unter uns schließlich, deren Glaube der Islam ist, haben die Pflicht, sehr laut und in sehr großer Zahl zum Ausdruck zu bringen, dass sie diese verirrte und widerwärtige Form theologisch-politischer Leidenschaft ablehnen. Die Muslime Frankreichs sind es nicht leid, sich zu rechtfertigen, wie allzu oft behauptet wird: Sie sind – und auch dies ist das genaue Gegenteil – dazu aufgerufen, ihre konkrete Brüderlichkeit mit ihren massakrierten Mitbürgern zum Ausdruck zu bringen und dadurch ein für alle Mal die Lüge einer geistigen Gemeinschaft zwischen ihrem Glauben und dem der Mörder auszurotten. Vor der Geschichte wie vor sich selbst haben sie die Pflicht, ihrerseits das „Not in our name“ der britischen Muslime zu rufen, die sich letztes Jahr im August mit diesem Ausruf von den Mördern James Foleys distanzierten. Aber sie haben auch die noch gebieterischere Pflicht, sich zu einem Islam der Toleranz, des Friedens und der Milde zu bekennen.

Der Islam muss vom Islamismus befreit werden. Immer wieder gilt es zu sagen: Im Namen Gottes zu morden heißt, Gott zu einem Mordanstifter zu machen. Und wir erhoffen uns nicht nur von Religionsgelehrten, sondern von der großen Masse der Gläubigen jenes mutige Aggiornamento, welches endlich zu sagen erlaubt, dass der Kult des Heiligen in der Demokratie eine Gefahr für die Freiheit des Denkens darstellt; dass Religionen in den Augen des Gesetzes Glaubensregime sind, die weder mehr noch weniger Achtung verdienen als profane Ideologien; und dass das Recht, über sie zu lachen und zu diskutieren, wie das Recht, dort ein- oder auszutreten, allen Menschen zusteht.

Der ungekürzte Text Bernard-Henry Levys ist am 9. 1 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

Sündenbocktheorien auf beiden Seiten

Je knapper die Ressourcen werden, desto mehr nehmen Sündenbocktheorien Raum – auf beiden Seiten. Denn es ist nicht nur ein Kampf zwischen Christen und Moslems, sondern vor allem auch der Moslems untereinander. Derzeit beginnt unter Muslimen eine neue Definition des Islam und eine neue Wahrnehmung dieser Religion. Im Grunde genommen ist es letztlich aber nichts anderes als ein dreckiger Macht- und Ressourcenkampf.

Wenn wir demonstrieren, dann sollten wir gegen diese rasant globalisierte Welt, gegen intransparente kontinentale Abkommen, gegen Armut, schlechte Bildung, Gewalt gegen Frauen oder teure Mieten demonstrieren – aber doch nicht gegen die Islamisierung des Abendlandes! Was ist das für eine Nächstenliebe, die Flüchtlinge für Erscheinungen wie das Transatlantische Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU verantwortlich macht? Grenzenlos Absurdistan.

Und als kurdischstämmige Tirolerin habe ich sowieso den schwarzen Peter gezogen! Per Geburt: Migrantin, Minderheit, Sündenbock. Was soll ich antworten, wenn ein Rassist sagt: Geh zurück!

Wohin zurück?!

Die rechte Gesinnung freut sich, wenn Butter auf ihr Brot geschmiert wird. De facto werden gerade diese Leute aus den radikal-islamistischen Anschlägen politisches Kapital schlagen. Allein die Existenz von PEGIDA wird weiter provozieren und umgekehrt wiederum die „Opferrolle“ der in Europa lebenden Salafisten verstärken.
Solange wir keine gesamtgesellschaftliche Verantwortung tragen und die Politik nicht ihre Pflicht erfüllt, wird die Lage weiter eskalieren. Die Menschen gehen deswegen auf die Straße, weil sie die Teilnahmslosigkeit der Politik kritisieren und sich auch von ihr unverstanden fühlen. Ja, wir brauchen dringend eine nachhaltige Flüchtlingslösung, um aufzuatmen.

Wir brauchen auch dringend ein politisches Konzept, wie wir die Krisenregionen stabilisieren und egalitäre Systeme ermöglichen wollen. Jede Bürgerin und jeder Bürger soll gegen rassistische Tendenzen vorgehen, damit kein Platz für Provokateure bleibt. Ministerien, Migrantenvereine, Moscheen und NGOs müssen Aufklärungs- und Sensiblisierungskampagnen starten.

Die längst verpasste Solidaritätsbotschaft gegen den Terror muss endlich in den Köpfen ankommen. Wir dürfen keine Sklavin oder kein Sklave unserer Angst sein!