Politik | Ausland
22.02.2018

"Gerd", der ungeliebte GroKo-Werber

Altkanzler Schröder und die Partei verbindet eine Hassliebe, jetzt trommelt er für die Große Koalition – ob das hilft?

Er kann es einfach nicht lassen. Eigentlich hätte Altkanzler Gerhard Schröder gerade Wichtigeres zu tun, etwa seine fünfte Hochzeit zu planen, die er via Homestory publik machte – aber die SPD bereitet dem 73-Jährigen scheinbar Sorgen. Nun rührt der Polit-Pensionär die Werbetrommel für die Große Koalition.

Bei einer Wirtschaftsveranstaltung in München forderte er die Parteimitglieder auf, für das Bündnis mit der Union zu stimmen. Die neue Führung der Sozialdemokraten müsse und werde um eine positive Entscheidung der SPD-Mitglieder zum Koalitionsvertrag kämpfen, so Schröder.

Zudem habe er die Hoffnung, dass sich die "kollektive Vernunft engagierter Mitglieder durchsetzt", heißt es in einem Redemanuskript Schröders, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Die Verhandler der SPD hätten ein Ergebnis erreicht, das "sich wahrlich sehen lassen kann."

Ob Schröders Werben hilfreich ist? Der "Gerd" wie ihn Genossen nennen, ist eine Reizfigur. Keiner konnte so wahlkämpfen wie er – unter ihm hatte die SPD noch mehr als 30 Prozent – und er eroberte 1998 nach 16 Jahren CDU-Herrschaft das Kanzleramt zurück. Er ist also der letzte lebende Beweis, dass die SPD auch Kanzler kann.

Doch der Preis der Macht war hoch: Schröder schlug einen eher rechten Kurs ein, an seinem politischen Erbe laborieren die Genossen heute noch: Die Hartz-Reformen ("Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen abfordern müssen") führten zum Sozialabbau und aus Sicht mancher zum Absturz der SPD. "Das wurde von Sozis gemacht, das haben uns die anderen nicht vergessen, zu Recht", kritisierte ein Lokalpolitiker aus Berlin-Reinickendorf. Gerhard Schröder sei wie ein Kaugummi, "der nach wie vor auf unseren Schuhsohlen klebt."

Kein Sozi?

Nun ist Schröder nicht der einzige Kanzler, der sich nicht so "rot" verhielt, wie es manche Genossen wünschten. Auch mit dem Hanseaten Helmut Schmidt (1918–2015) wurde die Basis nie so richtig warm: "Guter Mann, aber in der falschen Partei", sagte man über ihn. Schmidt war pragmatisch und von ökonomischer Vernunft geprägt ("Wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen"). Aus linker Perspektive schob er die SPD mehr nach rechts.

Mit der Popularität seines Vorgängers, dem fast religiös verehrten ersten SPD-Kanzler Willy Brandt (1913– 1992), konnte er nur schwer mithalten. Noch heute weisen ältere Parteimitglieder stolz daraufhin, dass sie nur wegen "Willy" in der Partei sind. Er prägte mit seiner Entspannungspolitik das Land. Während sich Schmidt und die SPD durch den "NATO-Doppelbeschluss" auseinanderlebten: Als Reaktion auf die Stationierung neuer sowjetischer Mittelstreckenraketen, sah der Beschluss ein Aufrüsten in der Bundesrepublik vor. Hunderttausende demonstrierten auf den Straßen, auch die eigene Partei revoltierte gegen Schmidt. Die Liebe zu ihm flammte erst später wieder auf. Als der Altkanzler und Zeit-Mitherausgeber zum weltmännischen Elder Statesman und politischen Gewissen Deutschlands avancierte.

Welterklärer und Einpeitscher

Nun gibt sich auch Gerhard Schröder gerne als Welterklärer. Dafür liebt ihn die SPD nicht, eher noch für seine Rolle als "Einpeitscher". Obwohl sich die SPD seit Jahren müht, Schröders Erbe abzubauen, den von ihm verhassten Mindestlohn einzuführen, spannte sie ihn als Zugpferd im Wahlkampf ein. Denn Stimmung machen gegen Union und Kanzlerin, das kann er. Da sah man auch über seine Russland-Geschäfte und die Freundschaft zu Wladimir Putin ("ein lupenreiner Demokrat") hinweg. Als aber bekannt wurde, dass er Aufsichtsratschef beim größten russischen Ölkonzern Rosneft werden sollte, er ist auf der Sanktionsliste der EU, standen die Genossen mit ihrem Gerechtigkeits-Wahlkampf etwas verdattert da.

Noch mehr missfiel ihnen seine Manöverkritik nach dem Debakel bei der Bundestagswahl. In Interviews teilte er subtil aus. Er lobte Andrea Nahles und Olaf Scholz als "gute Leute", erwähnte aber den damaligen Parteichef Martin Schulz mit keinem Wort. Für Vizeparteichef Ralf Stegner waren die Ratschläge von der Seitenlinie nur "schwer erträglich."