Politik | Ausland
16.02.2018

SPD-Bruderzwist: "Das war großer Mist"

Die SPD holte sich in den Verhandlungen mit der Union unter anderem Finanz-, Arbeits- und Außenministerium. Trotzdem trugen Sigmar Gabriel und Martin Schulz öffentlich einen innerparteilichen Familienstreit aus. Erstmals sprachen sie über Fehler und Verletzungen.

"Ich habe in meinem Leben noch viel schwerer Wiegendes erlebt und weiß daher: Man muss immer nach vorne blicken. Meine Familie und meine Freunde sind in diesen Tagen sehr wichtige Stützen." Wer so spricht, dem muss vor kurzem Schlimmes widerfahren sein. Martin Schulz, Ex-SPD-Chef und gescheiterte Kanzlerhoffnung der deutschen Sozialdemokraten, sagte dies in der Zeit. Die deutsche Wochenzeitung hat mit Schulz und seinem wohl aus der Bundesregierung scheidenden Vorgänger Sigmar Gabriel ausführlich gesprochen.

Sieht man sich nur die politischen Fakten an, die durch die zähen Koalitionsverhandlungen mit CDU/CSU geschaffen worden sind, müsste die SPD eigentlich sehr zufrieden sein. Mit dem Arbeits-, dem Außen- und vor allem dem Finanzministerium rang sie der Union Schlüsselressorts ab. In der CDU ist der Verlust des Finanzministeriums noch lange nicht verheilt.

"Die Tragik der gesamten SPD"

Umso verblüffender war der öffentlich ausgetragene Konflikt, laut der Zeit nichts weniger als ein Bruderzwist in der ältesten Partei Deutschlands. Ein Grund für den Disput liegt im Wesen der SPD begründet, die seit Jahrzehnten zwischen Links- und Mitte-Kurs innerlich zerrissen ist (sich aber freilich an der Spitze fast immer für letzteren entschieden hat).

"Schulz und Gabriel trugen die Tragik der gesamten SPD aus, keine Frage, aber sie lassen es zu, dass es jetzt aussieht wie ein Bruderzwist, eine persönliche Sache. Der eine bootet den anderen aus, dann der andere den einen, und am Ende verliert die SPD ihre beiden besten Außenpolitiker“, resümiert die Wochenzeitung.

Foulspiel via Tochter

Gabriel war von Schulz und der designierten SPD-Chefin Andrea Nahles als Außenminister vergangene Woche ausgebootet worden. Schulz hatte das Amt selbst übernehmen wollen. "Was bleibt, ist eigentlich nur das Bedauern darüber, wie respektlos bei uns in der SPD der Umgang miteinander geworden ist und wie wenig ein gegebenes Wort noch zählt", hatte Gabriel daraufhin in einem Gespräch mit Zeitungen der Funke-Mediengruppe gesagt. Gabriel wurde in dem Interview auch persönlich und schob seine Tochter vor, die zu ihm gesagt habe: "Papa, jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht."

Gabriel entschuldigte sich danach sowohl öffentlich als auch persönlich bei Schulz. "Das war großer Mist", sagt Gabriel nun sogar. "Es tut mir sehr leid, ich wollte Martin nicht verletzen, aber ich war eben auch sehr verletzt über die Art und Weise." Schulz war aber wohl weniger an Gabriels Abrechnung, sondern vor allem an parteiinternem Widerstand – dem Vernehmen nach vor allem aus Nordrhein-Westfalen – gescheitert. Das Versprechen im Wahlkampf, unter Angela Merkel ( CDU) kein Ministeramt anzunehmen, wog schwer.

Doch noch Gespräch der Ex-Parteichefs

Die SPD versucht, sich nun einigermaßen zu konsolidieren, um das Mitgliedervotum über die Große Koalition, das am 4. März verkündet werden soll, zu einem Ja zu führen. Schulz hält eine Regierungsbeteiligung aufgrund des Koalitionsvertrags und der für die SPD günstigen Ressortverteilung, für eine große Chance sich zu erneuern. Für sich selbst lässt er durchblicken, dass er sich aus der Politik zurückziehen wird.

Und der politische Bruderstreit mit Gabriel, der lange sein Freund war? Gabriel schrieb Schulz vor ein paar Tagen eine SMS, in der er sich entschuldigte. Schulz bestätigte deren Erhalt, meinte aber zunächst, es sei zu früh, darauf zu antworten. Am Dienstagnachmittag sollen sich Gabriel und Schulz im Willy-Brandt-Haus, der Parteizentrale der SPD in Berlin, dann doch zu einem persönlichen Gespräch verabredet haben. Gabriel gab zu verstehen, dass sie sich da einigermaßen ausgesprochen hätten: "Ich habe mich inzwischen persönlich bei ihm entschuldigt. Er hat ungeheuer viel erduldet und gehofft. Wir verstehen beide, wo unsere gegenseitigen Verletzungen liegen und dass alles menschlich ist, wir sind schließlich keine Polit-Maschinen."

Traurig, nicht tragisch

Inzwischen mehren sich in Deutschland die politischen Nachrufe auf den glücklosen SPD-Chefs Schulz. Spiegel Online meint etwa, Martin Schulz sei eher eine traurige als eine tragische Figur. Er habe zwar monatelang tapfer und charakterfest einen aussichtslosen Wahlkampf geführt. Aber: "Wir werden wohl nie erfahren, welcher Teufel ihn auf den letzten Metern einer zwölfstündigen Sitzungsnacht geritten hat, seinen 'persönlichen Ambitionen' auf den Posten des Außenministers nachzugeben.“ Das Scheitern sei so zu einem hohen Maß selbstverursacht gewesen.