Politik | Ausland
08.06.2017

Spaltung des Islam als gefährliches Pulverfass

Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten heizt Krisen im Nahen Osten an. Mit dem Anschlag der sunnitischen Terrormiliz IS in Teheran könnte die Auseinandersetzung eine neue Qualität erreichen. Ausdruck der Spannungen ist auch die Krise um Katar.

Die Spaltung des Islam in zwei Hauptströmungen - Sunniten und Schiiten - geht auf die Frühzeit dieser Religion zurück und hat bereits damals zu blutigen Auseinandersetzungen geführt. Auch in der Gegenwart brodelt dieser Konflikt in zahlreichen islamischen Ländern mit wechselnder Intensität oft gefährlich weiter.

Mit dem Doppelanschlag der sunnitischen Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Teheran könnte die Auseinandersetzung eine neue Qualität erreichen. Zwar waren auch in den vergangenen Jahren sunnitische Rebellen gegen die schiitische Führung im Iran aktiv, sie konnten aber nie mit einer derartigen Intensität im Machtzentrum der Islamischen Republik zuschlagen.

Ausdruck der sunnitisch-schiitischen Spannungen ist auch die Krise um Katar (siehe Grafik). Das sunnitisch-wahhabitisch regierte Emirat hatte lange Zeit versucht, es sich mit islamistischen Extremisten, aber auch mit dem Iran gutzustellen. Das nehmen ihm die Saudis und andere Golfstaaten übel, die den Iran als Erzfeind betrachten.

Der Bürgerkrieg in Syrien, der mittlerweile 400.000 Menschenleben forderte, hat seine Wurzeln zu einem großen Teil in dem innerislamischen Konflikt. Gegen die Herrschaft der Alawiten unter Präsident Bashar al-Assad kämpfen verschiedene sunnitische, häufig radikale Rebellengruppen, darunter die berüchtigte Jihadistenmiliz IS ("Islamischer Staat"). Assad wiederum wird vom Iran und der schiitischen Hisbollah aus dem Libanon unterstützt.

Dort, wie in vielen islamischen Ländern, sind die sunnitisch-schiitischen Spannungen endemisch, etwa im Irak, in Bahrain, Pakistan oder Afghanistan. Anschläge radikaler Sunniten auf schiitische Moscheen sind keine Seltenheit. Auch im Jemen tobt ein Bürgerkrieg, in dem schiitische Houthis vom Iran und ihre Gegner vom sunnitischen Saudi-Arabien sowie seinen Verbündeten unterstützt werden.

Die überwältigende Mehrheit der weltweit 1,6 Milliarden Muslime sind Sunniten, nur zehn bis 20 Prozent bekennen sich zum Schiitentum. Zu den Schiiten werden auch Strömungen wie die Aleviten in der Türkei und die Alawiten in Syrien gerechnet. Strenggläubige Sunniten sprechen Schiiten und Aleviten die "Rechtgläubigkeit" ab oder betrachten sie überhaupt als Ungläubige.

Auslöser der Spaltung im Islam war die Frage der rechtmäßigen Nachfolge des im Jahr 632 verstorbenen Propheten Mohammed. In einer in der Urgemeinde umstrittenen Entscheidung wurde Mohammeds Schwiegervater Abu Bakr zum Nachfolger und damit zum ersten Kalifen ernannt. Er starb bereits zwei Jahre später. (Fast 1400 Jahre danach sollte sich der Anführer der Terrormiliz IS und selbst ernannte "Kalif" Ibrahim al-Badri den Namen " Abu Bakr al-Baghdadi" zulegen).

Die zweiten und dritten Kalifen, Omar und Uthman (Osman), wurden ermordet. Ein Teil ihrer Gegner sprach ihnen die Legitimität ab, weil sie keine Blutsverwandten des Propheten waren. Sie erachteten nur Ali ibn Talib, den Cousin und Schwiegersohn Mohammeds, für würdig, dessen Nachfolge anzutreten. Ali wurde schließlich vierter Kalif - und damit letzter der sogenannten "rechtgeleiteten Kalifen", die die Umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, noch ungespalten führten.

Mit Alis Ermordung 661 in Kufa im heutigen Irak setzte das Schisma ein. Die "Shiat Ali", die "Partei Alis", wandte sich gegen den "Usurpator" Muawiya, der sich zuvor zum Gegenkalifen erklärt hatte. Die Konfrontation gipfelte in der Schlacht von Kerbala 680, die mit einer vernichtenden Niederlage der Schiiten unter Führung des Prophetenenkels Hussein endete. Der Sohn von Ali und Mohammeds Tochter Fatima starb im Kampf gegen Muawiyas Sohn Yazid. Bei den jährlichen Ashura-Trauerfeiern gedenken die Schiiten unter anderem mit Selbstgeißelungen dieses Ereignisses.

Die Nachfolger Muawiyas aus der Dynastie der Umayyaden residierten als Kalifen in Damaskus, wo sie auch eine berühmte Moschee errichten ließen. Unter ihrer Herrschaft im 7. und 8. Jahrhundert dehnte sich der Islam bis nach Spanien und in weite Teile Asiens aus. In den meisten der von den Umayyaden beherrschten Gebiete und darüber hinaus sollte sich in den folgenden Jahrhunderten der sunnitische Islam ("ahl al-sunna" - "Volk der Überlieferung") durchsetzen.

Im Südirak und in Persien etablierte sich dagegen die schiitische Glaubensrichtung. In ihr werden heilige "Imame" als Nachfahren des Propheten und Märtyrer verehrt. Die größte Gruppe bilden die "Zwölferschiiten", die an die Wiederkunft des vor rund 1000 Jahren "in die Verborgenheit entrückten" 12. Imams als "Mahdi" (Erlöser) glauben. Aus dem Schiitentum gingen auch liberale Strömungen wie die Aleviten hervor, die ihre Bezeichnung vom Kalifen Ali ableiten.

Bewegungen, die einen radikalen Islam vertreten, sorgten schon seit Jahrhunderten für Spannungen in der islamischen Welt. Fundamentalistische Prediger und Attentäter machten bereits im frühen Mittelalter den aufgeklärten Abbasiden-Kalifen in Bagdad zu schaffen. Im 11. Jahrhundert waren die schiitischen Assassinen besonders berüchtigt. Unter dem Einfluss von Haschisch sollen sie bedenkenlos ihr Leben für Terrorakte eingesetzt haben. Das französische Wort für "Mörder" - "assassin" - erinnert noch an sie.

Grafik: Weltreligion Islam

Alltag von Muslimen in Österreich wird weniger von Religion geprägt

Muslime in Österreich haben vielfältige Zugänge zur Religion. Eine aktuelle Langzeitstudie mit 700 Teilnehmern mit muslimischem Glauben stellte nun fest, dass die religiöse Prägung im Alltag der Muslime abnehme. Demnach gehe die Entwicklung hin zu einem säkularen Islam. Auch sollen sich viele Muslime nicht von Moscheevereinen vertreten fühlen.

"Eine breite Mehrheit der Muslime in Österreich befindet sich in einem Säkularisierungsprozess", resümierte einer der Studienautoren Ednan Aslan, Professor für Islamische Religionspädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Uni Wien, gegenüber der APA. Rund 40 Prozent der Studienteilnehmer würde sich zwar als Muslime bezeichnen, die Religion präge aber nicht ihren Alltag, so der österreichisch-türkische Pädagoge. 25 Prozent davon sind nach eigenen Angaben Muslime aus "kultureller Gewohnheit". Die religiöse Praxis hätte situativen Charakter, wie das Fasten im Ramadan. Für die übrigen rund 15 Prozent bestehe die Religionszugehörigkeit, ähnlich wie bei "Taufscheinchristen", überhaupt nur mehr auf dem Papier.

Rund 60 Prozent der Befragten wurden in der Studie als hoch religiös eingestuft, 14 Prozent davon sehen die fünf religiösen Säulen des Islam (wie das Glaubensbekenntnis, Gebet und Wallfahrt nach Mekka, Anm.) als unumstößliche Pflichten im Alltag an. Sie stehen der Trennung von Staat und Religion und anderen Religionen ablehnend gegenüber. Knapp die Hälfte hätte einen pragmatischen Zugang zur Religion, bei der die Religiosität der jeweiligen Situation, wie dem Arbeitsplatz, angepasst wird. Rund 15 Prozent hätten einen selbstbestimmten Zugang zur Religion, der auch in Widerspruch zu traditionellen Praktiken stehen kann, etwa bei der Einhaltung der Gebetszeit. Diese Gruppe zeigte auch eine weltoffenere und liberalere Haltung.

"Die klassische Lehre der Imame entspricht nicht mehr den Erwartungen der Gesellschaft", beobachtete einer der Studienautoren Erol Yildiz vom Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck. Demnach würde sich die Mehrheit der Muslime in Österreich, knapp 80 Prozent, nicht von Moscheevereinen vertreten.

Fünf Jahre lang arbeiteten die Studienautoren für die Erstellung und Auswertung der Studie "Muslimische Milieus in Österreich" die am Institut für Islamische Studien der Universität Wien durchgeführt wurde. Aus den wissenschaftlichen Interviews und Fragebögen leiteten die Autoren fünf Praxisformen ab, die von einer stark konservativen geprägten bis weltoffenen Religiosität reichen. Entsprechend der Bevölkerungsstatistik zu Muslimen in Österreich (2001) besaß der größte Teil der befragten Muslime eine österreichische Staatsbürgerschaft, gefolgt von Muslimen mit bosnischer, türkischer und arabischer Staatsangehörigkeit. In Bezug auf das Herkunftsland zeichnete sich ab, dass in Metropolen eher extremere Praxisformen praktiziert werden, während in ländlichen Gegenden ein eher pragmatischer Zugang vorherrscht.

Eine Besonderheit der Studie ist, dass der Fokus der Untersuchung nicht auf islamischen Organisationen, Moscheegemeinden oder religiösen Einrichtungen liegt, sondern auf der religiösen Alltagspraxis. Zudem wurden nur Menschen befragt, die sich selbst als "Muslim" bezeichnen.