Sigmar Gabriels Zukunft in einer Großen Koalition

Bundestagswahl - SPD
Foto: APA/dpa/Kay Nietfeld Sigmar Gabriel, derzeit noch geschäftsführender Außenminister und Vizekanzler.

Die SPD steckt tief in der Krise, nicht so Noch-Außenminister Gabriel. In der Partei höchst umstritten, bei den Wählern beliebt – aber nützt ihm das?

Die Lage ist scheinbar aussichtslos: Soll sich die SPD in eine Große Koalition wagen, um mitzuregieren, aber weiter an Profil zu verlieren. Oder soll sie auf mögliche Neuwahlen setzen, bei denen sie unter 20 Prozent landen könnte – und letztlich wieder vor der Koalitionsfrage steht?

Wie sich die SPD aus diesem Dilemma rettet, weiß keiner. Einer, der sich gut aus dem Eck manövrierte: Sigmar Gabriel, ehemals Parteichef. 2016, als er vor einer wenig aussichtsreichen Kanzlerkandidatur stand, schickte er Martin Schulz vor, um selbst als Außenminister zu reüssieren. Damit dieses Amt überhaupt frei wurde, musste er Frank-Walter Steinmeier als Bundespräsidenten durchbringen. Sein Coup ging auf. Seither reist Gabriel um die Welt: Mal kritisiert er Trumps "nationalen Egoismus" vor der UN-Vollversammlung, dann fliegt er wieder in die Türkei, um für den inhaftierten Journalisten Deniz Yücel zu vermitteln. Das kommt bei den Bürgern gut an.

Nun, wo die SPD in der Krise steckt, in Umfragen weiter an Zuspruch verliert, gar auf 18 Prozent rutscht, glänzen Gabriels Werte. Beim Zustandekommen einer neuen GroKo wünschen sich laut einer aktuellen Befragung des britischen Meinungsforschungsinstituts YouGov mehr Menschen Gabriel (33 Prozent) auf dem Vizekanzlerposten als Schulz (22 Prozent). Solche Meldungen kommen dem Mann aus Goslar sehr gelegen. Denn seine Zukunft in der SPD ist ungewiss. Dass er gerne Außenminister bleiben will, ist bekannt. Doch die Zahl seiner Befürworter ist überschaubar. Unvergessen sind den Genossen sein Zickzackkurs beim Flüchtlingsthema, dann die zögerliche Entscheidung zur Kanzlerkandidatur, Kritik an der Partei während des Wahlkampfs und Ratschläge danach.

Um Kopf und Kragen

Zurückhaltender blieb er, als sich die Debatte zur GroKo neu entfachte. Dafür redeten sich andere um Kopf und Kragen. Zum Beispiel Martin Schulz, der in dieser Woche die Delegierten um ihre Zustimmung bekniete. Oder Andrea Nahles, die zuerst das Sondierungspapier verteidigte, jetzt doch Zugeständnisse in Aussicht stellt ("Wir werden auch noch einmal einen Anlauf für die Bürgerversicherung machen, das verspreche ich").

Zu heikel für Gabriel. Lieber spielt er von der Seitenlinie mit – in staatstragender Tonalität mahnte er beim Empfang des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft: "Die größte Gefahr für Politiker ist, wenn sich herausstellt, dass alles funktioniert, ohne dass wir dabei sind."

Gut möglich, dass er bei dem "wir" vor allem sich meinte. Aber was tun, wenn einen die Wähler zwar als Vizekanzler sehen, die Partei aber abgeschrieben hat? Selbst in Niedersachsen, Gabriels Heimat, schütteln SPDler bei seinem Namen den Kopf. Andere sehen ihn durchaus als Vize und Finanzminister – ein Posten der laut Handelsblatt ebenso an Olaf Scholz gehen könnte. Hamburgs Bürgermeister gilt als Reservekandidat für vieles, bisher griff er nie zu.

Gabriel hingegen hat schon etwas Vorarbeit geleistet: Im Mai legte er ein Papier mit Impulsen für die deutsch-französische Zusammenarbeit bzw. Ideen zur Finanzierung einer gemeinsamen Europapolitik vor - dass die entscheidenden Weichen im Finanzministerium gestellt werden, dürfte ihm bekannt sein. Es wäre also nicht verwunderlich, wenn ihm auch dieser Coup gelingt.  

(kurier) Erstellt am
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