Politik | Ausland
19.09.2017

Wahlkampf schläft auch in New York nicht: "Das ist der nächste Kanzler"

Sebastian Kurz will aller Welt zeigen, dass er selbst 30 Tage vor seiner Schicksals-Wahl seinen Job macht. Die Vorboten des 15. Oktober holen ihn auch in Big Apple ein.

Auf den ersten Blick ist alles beim Alten. Auf dem Kalender stehen ein gutes Dutzend Termine mit Außenministerkollegen, eine Rede, eine Ausstellungseröffnung und Empfänge.

Für Sebastian Kurz ist die jährliche Teilnahme an der UNO-Generalversammlung zu Herbstbeginn beinahe schon Routine, er ist Montagabend zum vierten Mal zum alljährlichen Stelldichein der Weltdiplomatie in New York angereist.

Neu ist nicht nur, dass erstmals Donald Trump als Eröffnungsredner den Takt vorgibt (siehe Bericht links). Neu ist auch, dass Sebastian Kurz Dienstagfrüh (Ortszeit) mit Alexander Van der Bellen bei der Eröffnung im Plenarsaal des UNO-Gebäudes sitzt.

Totales Neuland ist aber das persönliche und politische Setting des 31-Jährigen. 2014 war er der jüngste Außenminister, der je im UNO-Plenum gesprochen hatte. Dass er damals angespannt und nervös war, verheimlicht er nicht. 2017 ist er der jüngste Kanzlerkandidat der Republik – mit guten Aussichten, den Job auch bald zu übernehmen.

Vier Wochen vor der Wahl nimmt Sebastian Kurz 96 Stunden Pause vom Wahlkampf. Beim Boarding die längst gewohnten Selfie-Wünsche. In der Economyclass der Boeings 767 der AUA einmal mehr erstaunte Gesichter als Kurz Sitz 27 A ansteuert. Er hat für den Neun-Stunden-Flug demonstrativ wieder Economy buchen lassen. Eine bisher eisern eingehaltene Demonstration der Bürgernähe, über deren Sinnhaftigkeit auch manche in seiner weiteren Umgebung die Nase rümpfen – zumal etwa drei Stunden nach der Landung erste Gesprächstermine wie mit Irans Staatspräsidenten Rohani anstehen.

Die Strapazen des Intensivwahlkampfs merkt man dem 31-Jährigen rein äußerlich nicht an – bis auf eine hartnäckige Verkühlung, die er sich bei seiner Bustour (zuletzt durch die Steiermark) zugezogen hat. "Am Flughafen in Wien haben sie gelacht, weil ich die halbe Apotheke leergekauft habe", feixt er. Während des Fluges nimmt er sich gut zwei Stunden Zeit, um mit dem guten halben Dutzend mitreisender Journalisten über Gott und die Welt, von Wahlkampf bis Weltpolitik, zu plaudern. Ein deutscher Kollege, der an einer großen Reportage über Kurz arbeitet, fragt erstaunt: "Nimmt er sich immer so viel Zeit, um mit Euch zu reden?" An der offenen Bereitschaft etwa über seine Flüchtlingspolitik zu diskutieren oder Erfahrungen im Wahlkampf zu philosophieren, hat sich in der Tat nichts geändert. Zu möglichen Regierungsoptionen oder gar über Ministerlisten lässt sich Kurz auch in zwei Stunden keine offizielle Aussage entlocken. Auch nicht darüber, was er denn vorhabe, wenn das Drohszenario "Nach der Wahl kommt Rot-Blau" wahr werde, das die ÖVP hartnäckig verbreitet.

Ihm geht es auch im lockeren Smalltalk darum, eine Botschaft zu hinterlassen: Die Wahl ist noch nicht gelaufen.

Der Wahlkampf schläft so auch in einer nimmermüden Metropole wie New York nicht. Damit seine Fans wissen, dass Kurz auch wenige Wochen vor dem 15. Oktober auch seinen Job macht, ist vorgesorgt. Auf Kosten der Partei reist ein eigener Video-Fotograf mit, der laufend neue Bilder und Videos auf Instagram und Facebook postet.

"UNO nicht schwächen"

Auf der Agenda der UNO-Generalversammlung ist heuer eine Mischung aus Weltpolitik und Nabelschau angesagt – weniger Bürokratie und eine Reform der UNO zugunsten der Einsätze vor Ort. Der neue UNO-Generalsekretär, als ehemaliger Chef des Flüchtlingshilfswerks ein Praktiker, will damit zwei Fliegen auf einen Schlag treffen: Zum einen will Antonio Guterres Donald Trump, der persönlich mit allen multilateralen Organisationen auf Kriegsfuß steht, ein wenig den Wind aus den Segeln nehmen. Zum anderen setzt er auf die Angst vor der Trump-Administration als Druckmittel für eine überfällige Reform des Apparats und der Abläufe in der UNO .

"Eine Veränderung und weniger Bürokratie sehen auch wir als notwendig an", sagt Kurz. In Richtung Trump moniert der Außenminister aber: "Eine Reform soll die UNO nicht schwächen, sondern stärken."

Gemeinsam mit Alexander Van der Bellen will sich Sebastian Kurz heute, Mittwoch, bei einem Sechs-Augen-Termin mit UNO-Generalsekretär Guterres für den UNO-Standort Wien stark machen. Die UNO-Einrichtungen brächten Österreich jährlich allein "700 Millionen Euro an Umwegrentabilität", sagt Kurz. Probleme in der Zusammenarbeit oder Rückzugspläne seitens der UNO gebe es aber derzeit nicht.

Vatikan gratuliert schon

Kurz hatte schon bei der Abreise nachdrücklich bekundet, dass es ihm diese Woche allein um Politik im Weltmaßstab geht. Ein frommer Wunsch, bei dem ihm ausgerechnet ein frommer Mann einen Strich durch die Rechnung macht. Bei der Passkontrolle am Diplomatenschalter des John F. Kennedy-Airport steht vor Kurz der Außenminister des Vatikan. Die beiden Ressortkollegen begrüßen einander herzlich und der Chefdiplomat von Papst Franziskus, Paul Gallagher, stellt Kurz einem mitreisenden Geistlichen überschwänglich so vor: "Das ist der österreichische Außenminister, der nächste Premierminister des Landes."

Die Frage, die sich in dem Fall automatisch stellte, hat Kurz schon bei der Anreise eindeutig beantwortet: Er würde auch als Kanzler die Chance nutzen, bei der UNO-Generalversammlung so viele Politiker wie sonst nirgendwo auf der Welt innerhalb weniger Tage zur Kontaktpflege zu treffen.