Ein Leben im Kilt und für Schottland: Ken Hanley

© /Privat

Reportage
09/14/2014

Schottland: Träume von Gerechtigkeit, Wut auf London

Das Referendum über die Unabhängigkeit wird eine Wahl zwischen der Hoffnung und der Angst.

von Konrad Kramar

Es ist sein bester Kilt, den Kenneth für diesen Spaziergang durch Edinburgh angezogen hat, die Jacke dazu feinster Tweed und der Patriotismus felsenfest. 14 Stück hat er von den passgenau gelegten und gegürteten Wolltüchern, und er trägt sie seit Kindheit an täglich, Winter wie Sommer.

Wer dem Siebzigjährigen zuhört, hat bald keine Zweifel mehr, dass ein Kilt das praktischste aller Kleidungsstücke ist – und dass Schottland in der kommenden Woche nur unabhängig werden kann. Einfach, weil es das in seinem Innersten immer schon war. "Was soll das eigentlich sein, Großbritannien", fragt der geprüfte Whiskyexperte, "außer der Rest eines untergegangenen Kolonialreichs?"

Der skandinavische Traum

Für Kenneth ist der kommende Donnerstag, an dem Schottland über seine Unabhängigkeit abstimmt, "die Chance unseres Lebens." So wie er sind die meisten Anhänger der Unabhängigkeit überzeugt, dass es Schottland im Alleingang nur besser gehen kann. Mit dem Öl aus der Nordsee, dem Whisky, den neuen Wind- und Gezeitenkraftwerken und vor allem mit der Überzeugung, dass das ferne London immer mehr genommen als gegeben hat, träumt man sich in eine Zukunft, die irgendwo zwischen Schweden und Island liegt.

Demo gegen die Unabhängigkeit:

Das skandinavische Modell ist das Leitmotiv für die regierende SNP und ihren Chef Alex Salmond. Wie eine Monstranz trägt der hemdsärmelige, nie um eine derbe Pointe verlegene Regierungschef dieses Ziel vor sich her: Ein sozialeres, ein gerechteres Schottland, als Gegensatz zum kalten, konservativen Großbritannien. Das lauteste Echo findet Salmonds Botschaft dort, wo die Gegenwart in Großbritannien wenig mehr zu bieten hat als die Wahl zwischen Sozialhilfe und elend bezahlten Dienstleisterjobs: In Hafenstädten wie Dundee, wo sich nur noch die Älteren an florierende Werften erinnern, oder in Glasgows Glasscherbenviertel Drumchappel, wo in vielen Familien zwei Generationen von der kärglichen britischen Sozialhilfe leben.

Hier ist die "Yes"-Kampagne für die Unabhängigkeit das erste bisschen Hoffnung seit Langem. Da laufen Mindestpensionistinnen wie Mad, die seit Wochen mit den blauen "Yes"-Wimpeln die sechzehn Stockwerke in den Sozialbauten, in denen der Lift schon lange nicht mehr funktioniert, auf und ab. "Da erzählt mir einer wirklich, dass er Angst um seine 80 Pfund (90 Euro) wöchentliche Rente hat, wenn Schottland unabhängig werden sollte", schildert sie ihre Begegnungen an den Wohnungstüren: "Dann muss ich ihm versprechen, dass die sicher ist. Mehr als das haben viele hier ohnehin nicht mehr zu verlieren."

Die Jungen treibt hier vor allem die Wut auf ein Land an, das ihnen brutaler denn je zuvor klarmacht, dass man für sie keine Zukunft eingeplant hat. Das örtliche Arbeitsamt hat hier im Shoppingcenter mit Abstand die größte Auslage – und dort, rotzt es ein Jugendlicher, der gerade rauskommt, in grobem Schottisch heraus, "warten sie nur drauf, dass sie dir die Sozialhilfe streichen können, wenn du nur eine Minute zu spät kommst".

Und alle wollen das Pfund

Es sind eher jene, die mehr zu verlieren haben, die sich jetzt lieber auf das "No, thanks" zur Unabhängigkeit verlassen. Dort, wo in Edinburgh die Vorgärten ordentlich und die Autos gewaschen sind, hält man von Alex Salmonds Versprechen wenig. "Der will doch schon lange nur König von Schottland werden – und jetzt glaubt er, er hat es geschafft", scherzt ein älterer Herr mit nach eigener Auskunft stattlicher Beamtenlaufbahn. "Ich will das Vereinigte Königreich nicht gegen einen abenteuerlichen Alleingang tauschen."

Dass der Regierungschef verspricht, das auch bei Schotten bemerkenswert beliebte britische Pfund beizubehalten, will er nicht glauben. Das wäre man genauso schnell los wie die ganzen Firmen, die schnurstracks aus Schottland nach Süden abwandern würden.

Im Pub an der Ecke kann man sich hier jedenfalls umgehend jede Menge Einwände gegen diese Kleinstaaterei abholen. Die Schotten sind – anders als die Engländer – beim Bier ohnehin um einen Kommentar nie verlegen, und den gibt es ohnehin nur zu einem Thema: Dem Referendum am Donnerstag. Die Gegner geben sich meist gelassener als die oft überschäumenden Befürworter, und oft auch vorsichtiger. Mit dem Union Jack, der britischen Fahne, im Fenster habe es ihn seine Frau erst gar nicht probieren lassen, warnt einer, da seien angeblich anderswo schon Steine geflogen.

Angeblich, denn wirklich grob wird man in Schottland beim Fußball. Nicht aber, wenn es um Politik geht. Sogar laute Flüche hebt man sich lieber für die Besuche der obersten Politikerriege aus London auf. Labour-Chef Ed Miliband wurde vor wenigen Tagen in Glasgow mehr als unfreundlich empfangen. "Lügner" war da noch der harmloseste Zwischenruf. Von denen da unten, im Regierungsviertel in Westminster, hat man sich in Schottland noch nie gerne etwas sagen lassen.

Auch wenn die Politik, die auf den britischen Inseln traditionell erst nach Wetter und Fernsehprogramm kommt, auf einmal überall Tisch- und Bargespräch ist. Die Schotten tragen diese Debatte lieber mit Worten aus. Je länger die Argumente hin und her wandern, desto häufiger tauchen auf beiden Seiten Beteuerungen wie "Ich bin ein stolzer – patriotischer – überzeugter – Schotte" auf.

Brite zu sein, das kommt auch bei den Gegnern der Unabhängigkeit immer erst an zweiter Stelle. Die Befürworter wünschen sich die Engländer trotz allem auch weiterhin als gute Nachbarn. Auf einer Insel, darauf einigt man sich früher oder später, werde man ja auch weiterhin zusammenleben. "Nach Grönland", meint ein überzeugter Anhänger der Unabhängigkeit versöhnlich, "können wir uns ja trotzdem nicht verabschieden".

Schotten in Wien sagen "Aye" zur Unabhängigkeit

Wiens schottische Community muss man mit der Lupe suchen. Die Besucher der wenigen Scottish Pubs und Societies setzen sich eher aus Schottland-affinen Österreichern mit Hang zu Whisky und Dudelsackspiel denn aus waschechten Schotten zusammen.

Der KURIER spürte zwei dieser exotischen Exemplare auf und fragte nach ihrer Meinung zu Schottlands Abspaltung vom Rest Großbritanniens, die kommenden Donnerstag per Referendum beschlossen werden könnte.

"Ich hätte mir nie erträumt, dass meine Heimat noch zu meinen Lebzeiten ein unabhängiger Staat wird", sagt Englischlehrer Andrew Hogg (35). Auch wenn er selbst mangels Wohnsitz in Schottland nicht wählen darf: Seine Stimme gehört der Yes-Partei, angeführt von Schottlands Premier Alex Salmond. Deren Chancen auf den Sieg schätzt er als realistisch ein.

Auch Balsan McKendrick (25), Barkeeper im Highlander Scottish Pub in Wien Alsergrund, würde für Schottlands Unabhängigkeit, also mit "Aye" ("Ja") stimmen. "Wir Schotten tragen mehr zum Staatshaushalt des Vereinigten Königreichs bei als wir von London zurückbekommen. Dieses Ungleichgewicht muss aufhören." Wovor er am meisten Angst hat: "Gewaltsame Ausschreitungen nach der Wahl, schließlich ist die Stimmung im Land extrem gespalten."

Es bräuchte, so Hogg, endlich ein unabhängiges Schottland mit wirklich eigenständigem Parlament und hausgemachten Gesetzen. "Die Fremdregierung aus London muss ein Ende nehmen." Das sieht auch McKendrick und – Umfragewerten zufolge – wohl rund die Hälfte der schottischen Bevölkerung so. Die Mächtigen in Westminster hätten – angefangen bei Margaret Thatchers Sparkurs in den 80er-Jahren – schon zu viel Schaden angerichtet. Darin sind sich beide einig.

Angst-Wahlkampf

An der No-Kampagne lässt Hogg kein gutes Haar: "Das war ein reiner Angst-Wahlkampf – da wurde nur aufgezeigt, warum ein unabhängiges Schottland nicht funktionieren kann, darf, wird."

Zwar glaubt auch Hogg, dass im Falle einer Abspaltung eine schwere Zeit für die Schotten anbricht. Gleichzeitig fügt er aber hinzu:"Wir müssen es zumindest versuchen. Nur Angst vor dem Ungewissen zu haben, bringt Schottland nicht weiter."

Schottlands Jedermann ohne Ideologie

Ein Linker, ein Freund der Wirtschaft, ein Kumpel, ein Machtmensch – und vor allem ein brillanter Redner. Je länger der Journalist David Torrance Alex Salmond und dessen Weg an die unangefochtene Spitze der schottischen Politik verfolgt hat, desto schwieriger scheint es ihm, den Regierungschef zu fassen. "Er ist immer so, wie sein Gegenüber ihn gerne hätte", zieht der Kommentator der Tageszeitung Scottish Herald gegenüber dem KURIER sein herbes Resümee.

Salmonds Weg ist lang und hat einige scharfe Wendungen. Seit 30 Jahren sitzt er für die schottischen Nationalisten im Parlament in Westminster. Und es brauchte einige politische Manöver bis hin zu Rücktritten, bis er die eigentlich aus der linken Ecke kommende, eigenbrötlerische Kleinpartei dort hatte, wo er sie immer haben wollte: In der politischen Mitte und an der Macht.

Zwei Wahlsiege und die Alleinregierung in einem Land, das seit je her Hochburg der Labour-Partei war: Das, so macht auch Torrance deutlich, wäre ohne Salmonds Zug zum Tor nicht möglich gewesen. "Er ist Schottlands Jedermann – nicht von Ideologie getrieben, sondern davon, wie er eine Wahl gewinnt."

Das große Ziel einer schottischen Nation habe Salmond dabei nie aus den Augen verloren. So entwickelte er eine politische Grundhaltung, die lückenlos zum heutigen Schottland passe: "Ein konservatives Land mit einer sozialistischen Mythologie." Die Schotten würden sich gerne auf ihre Tradition von Solidarität und Gerechtigkeit berufen und seien dabei den als neoliberal und eiskalt verschrienen Engländern viel näher als sie es sich eingestehen würden.

David Torrance: "Salmond, against the odds", Birlinn Ltd.

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