Jeder Muslim ist aufgerufen, ein Mal in seinem Leben nach Saudi-Arabien zu kommen – konkret: Zur Pilgerreise nach Mekka. Alljährlich kommen Millionen Gläubige.

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Saudi-Arabien
01/22/2015

Die Geißel des rigiden Islam

Uralt-Pakt der Herrscherfamilie mit fanatischer Prediger-Gruppe, doch die Jugend will mehr Rechte.

von Walter Friedl

Die Ärzte gaben grünes Licht, und so kann morgen, nach den Freitagsgebeten, das bizarre Schauspiel in die zweite Runde gehen: In Saudi-Arabien erhält der kritische Blogger Raif Badawi abermals 50 Peitschenhiebe, nachdem seine Wunden einigermaßen verheilt sind. 18 weitere Durchgänge vor Publikum à 50 Schläge sollen folgen – wenn der 30-Jährige nicht vorher an der Tortur stirbt.

Die westliche Welt ist empört, Österreichs Außenminister Sebastian Kurz telefonierte mit seinem saudischen Amtskollegen. Dabei geißelte er die "menschenunwürdige Behandlung" des Familienvaters und drängte auf dessen Begnadigung. Doch eine Haltungsänderung des Königshauses scheint derzeit ausgeschlossen. Denn in dem Wüstenstaat wird eine extrem rigide Auslegung des Korans praktiziert, von der sich Kurz bei seiner für Februar angekündigten Reise auf die Arabische Halbinsel selbst überzeugen wird können: Statistisch wird sehr wohl jeden Freitag nicht nur ausgepeitscht, sondern auch geköpft – zwischen 70 und 80 Hinrichtungen finden in Saudi-Arabien pro Jahr statt. Frauen haben keine Rechte, dürfen nicht einmal Autofahren.

Anachronismus

Dieser Anachronismus speist sich einerseits aus einer extrem konservativen Stammesstruktur, andererseits aus einem Pakt, den die Saud-Familie schon im 18. Jahrhundert mit dem aggressiv-asketischen Prediger Muhammed ibn Abd al-Wahhab geschlossen hat – und der bis heute konstitutiv für den Staat ist.

Deswegen ist die wahhabitische Ausprägung des Islam Staatsreligion, deswegen schützen die strengen Sittenwächter nicht nur die archaische Ordnung, sondern auch den jeweiligen Monarchen. Doch diverse Ausschweifungen von Prinzen und anderen Mitgliedern des Königshauses riefen in den 1970er-Jahren Islamisten-Gruppen auf den Plan. Um diese zu besänftigen, steckten die Machthaber noch mehr Geld in Koranschulen, aus denen dann noch Radikalere hervorgingen: 15 der 19 Attentäter der Terroranschläge in den USA vom 11. September 2001 stammten aus Saudi-Arabien. Und jetzt ist der greise und kranke Regent, König Abdullah, 90, mit Kämpfern des "Islamischen Staates" (IS) konfrontiert, der seine blutgetränkte Fahne in Mekka, Medina und Riad hissen will.

Bruchlinien

Das Absurde daran: Während sich die saudische Regierung in die internationale Anti-IS-Allianz eingereiht hat, finanzieren und unterstützen andere maßgebliche Zirkel im Wüstenstaat Terrorbanden wie den IS oder die islamistische Al-Nusra-Front.

Darüber hinaus gibt es im Land noch weitere Bruchlinien. Der engste Kreis des herrschenden Saud-Clans ist uneins über die Nachfolge von König Abdullah. Weil der "erste Thronfolger" Salman 80 Jahre alt und nach einem Schlaganfall de facto amtsunfähig ist, gilt der "zweite Thronfolger", der jüngste Sohn von Staatsgründer Abd al-Aziz ibn Saud (siehe unten), Mukrin, 70, als Favorit. Viele Familienmitglieder sind aber gegen ihn, da seine Mutter eine jemenitische Sklavin war.

Doch auch in der Bevölkerung brodelt es. Die Einnahmen aus dem Erdölgeschäft (ab den 1930er-Jahren) katapultierten das Land in nur zwei Generationen vom Mittelalter in die Moderne. Dort, wo einst einfache Hütten standen, wird jetzt mit Luxus-Shopping-Malls geklotzt. Und die gut ausgebildete Jugend – zwei Drittel der Saudis sind unter 30 Jahre – nützt Internet oder Facebook als Fenster zu Welt. Bei der Zahl der Twitter-Botschaften pro Kopf liegt das Land sogar vor den USA. Pornografische Websites sind zwar ebenso gesperrt wie solche, die zu Terror aufrufen, dennoch genießen die meisten im Cyberspace den Duft der Freiheit.

Studieren im Ausland

Andere bringen diesen aus dem Ausland mit. 120.000 Burschen und Mädchen studieren derzeit in den USA, Großbritannien oder anderswo. Männer schert dort das Alkoholverbot in der Heimat nicht, Frauen legen ihren Schleier oft erst dann wieder an, wenn sie ins Flugzeug nach Jeddah oder Riad steigen.

Zu Hause ist wieder retro angesagt, wenngleich die Kopfbedeckung bei so mancher provokant weit nach hinten rutscht. Und Studentinnen der König-Faisal-Universität in Riad – in manchen Fachrichtungen stellen sie bereits mehr als die Hälfte der Hochschüler – sagten im KURIER-Gespräch ganz offen, dass sie sich dafür einsetzen wollten, künftig mit dem eigenen Auto unterwegs sein zu dürfen.

Es wäre ein Etappensieg, doch gemeinsames Büffeln oder gemeinsame Mittagessen in der Mensa mit den männlichen Kommilitonen sind für die Studentinnen wohl unerreichbar. Und da es weder Kino noch Theater gibt, bleibt als "Freizeitgestaltung" – der Besuch von Auspeitschungen.

Der Staatsgründer mit den vielen Frauen und 50 Söhnen

Es war ein Husarenstreich, der dem damals 21-jährigen Abd al-Aziz ibn Saud am 15. Jänner 1902 gelang. Mit 40 Kamel-Reitern fiel er von Kuwait, wo die Familie nach dem Sturz des Vaters seit 1891 lebte, in die alte Heimat ein und rückeroberte handstreichartig Riad. Es war gleichsam die Grundsteinlegung für das heutige Saudi-Arabien. In der Folge kam es immer wieder zu Konflikten mit dem Osmanischen Reich, das formal die Oberhoheit über die Halbinsel innehatte.

Geschickt nützte der Saud-Spross die Wirren des Ersten Weltkriegs, positionierte sich gegen die Osmanen und erhielt so Rückendeckung durch die Briten. Die dankten es ihm aber nicht, sondern teilten sich die Einflusssphäre mit Frankreich. Stammesfehden prägten die 1920er-Jahre, ehe sich ibn Saud durchsetzte und 1932 den nach ihm benannten Staat ausrief, womit sich auch die Westmächte arrangierten.

Um sich die Loyalität der Clans zu sichern, intensivierte der „Landesvater“ seine schon zuvor angewandte Strategie: Er vermählte sich mit Frauen der diversesten Familien. Zwölf bis 17 Ehefrauen sind überliefert. Mit ihnen hatte er je nach Angaben zwischen 34 und mehr als 50 offizielle Söhne, die Töchter wurden nicht gezählt. Seit seinem Tod 1953 saßen nur leibliche Söhne von ihm auf dem saudischen Thron. In der Folge werden es Enkelkinder sein.

Doch da ist Streit vorprogrammiert, es gibt Hunderte von ihnen. Insgesamt leben 8000 Prinzen in Sauds Arabien, rechnet man die mit ihnen verbundenen Familien dazu, umfasst der erweiterte Hofstaat rund 100.000 Personen.

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