Frauen hinterm Steuer: „Es ist ihr Recht, zu fahren“, so der Schriftsteller.

© Reuters/FAHAD SHADEED

Saudi-Arabien
10/23/2013

Liebe in Zeiten der Geschlechtertrennung

Interview: Autor Alwan über das soziale Leben im Golfstaat und Frauen, die nicht Auto fahren dürfen.

von Walter Friedl

Sein erster Roman war der Bestseller schlechthin in seiner saudi-arabischen Heimat. In „Saqf Elkefaya“ beschrieb Mohammed Hasan Alwan 2002 die tragische Liebesgeschichte eines Paares, das sich zwar heimlich traf, aber letztlich nicht zueinander finden konnte/durfte. Der heute 34-Jährige rüttelte damit an einem Tabu, das noch immer eines ist.

„Es wurde auf mich zwar kein Druck seitens der Obrigkeit ausgeübt, aber ich erhielt von konservativer Seite viele kritische eMails. Ich war zunächst verängstigt“, sagt der Autor, der sich im Rahmen des Salam-Orient-Festivals in Wien aufhielt, im KURIER-Gespräch. Die Jungen freilich hätten das Buch begierig gelesen, weil zumindest Teile von ihnen unter der rigiden Geschlechtertrennung litten.

„Begegnungen im öffentlichen Raum sind riskant, also kommen sie privat zusammen, wenn die Eltern nicht da sind“, plaudert Alwan aus dem Nähkästchen. Er selbst habe Glück gehabt, er habe seine Frau, von der er wieder geschieden ist, vor der Ehe im Spital treffen können, wo sie gearbeitet habe – Krankenhäuser seien einer der ganz wenigen Bereiche, wo diese Separation nicht bestehe. Es gebe zwar Forderungen, die Trennung zu lockern, aber sie seien noch nicht sehr stark, weil die Gesellschaft eine konservative sei.

Frau am Steuer

Deshalb sei in Saudi-Arabien als einzigem Land der Welt dem weiblichen Geschlecht Autofahren nicht erlaubt, wogegen am kommenden Samstag Frauen am Steuer protestieren wollen. „Es ist ihr Recht, zu fahren“, so der Schriftsteller. Allerdings glaubt er nicht, dass die Regierung einlenken wird: „Sie befürchtet, dass – wenn sie diese Türe öffnet – weitere Begehrlichkeiten auftauchen könnten.“

Generell aber sieht der Autor seine Heimat im Umbruch und sein literarisches Werk als Motor und Katalysator zugleich, alte soziale Normen neu zu denken. König Abdullah attestiert er eine „Reform-Mentalität“, die er sanft umsetze: „Er hat Hunderttausende Saudis ins Ausland zur Ausbildung geschickt. Wenn diese jungen, gut ausgebildeten Menschen zurückkommen, sind sie die Saat für die Transformation von Familie und Gesellschaft.“ Außerdem habe der Monarch erstmals Frauen in den „Surarat“, eine Art Regierung mit beratender Funktion, berufen, und seit der Vorwoche gebe es die ersten vier weiblichen Anwälte.

Auf die Frage, warum der Arabische Frühling im Königreich am Golf keine Blüten trieb, meint Alwan: „Die alte Gesellschaft basierte auf einem Stammessystem, in dem die Menschen ihrem Obersten folgten und dieser sich um deren Wohlbefinden kümmerte. Das wurde in eine Monarchie übergeführt und funktioniert immer noch. In anderen arabischen Staaten wurden Pseudo-Demokratien etabliert, und alle wussten, dass es sich um eine Lüge handelte. Dazu kamen dort noch der ökonomische Druck und die Korruption.“

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