Nadia Murad Basee

© REUTERS/EDUARDO MUNOZ

Irak
10/27/2016

Sacharow-Preis geht an irakische Jesidinnen

Der Preis des Europaparlaments wird an Nadia Murad Basee und Lamiya Aji Bashar verliehen.

Der diesjährige Sacharow-Preis des Europaparlaments geht an zwei irakische Jesidinnen, die von der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) verfolgt und versklavt wurden. Der Menschenrechtspreis werde Nadia Murad Basee und Lamiya Aji Bashar verliehen, beschlossen am Donnerstag in Straßburg die Fraktionschefs und der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz (SPD).

Murad und Bashar hätten angesichts der unbeschreiblichen Brutalität ihrer Peiniger "unglaublichen Mut" gezeigt, erklärte der Fraktionschef der Liberalen, Guy Verhofstadt. Murad, die als UN-Sonderbotschafterin auf das Schicksal der religiösen Minderheit der Jesiden aufmerksam macht, war im August 2014 von IS-Kämpfern verschleppt und wiederholt vergewaltigt worden, bis ihr drei Monate später die Flucht nach Deutschland gelang. Sie hatte erst kürzlich auch den Vaclav-Havel-Preis des Europarates erhalten. Die Menschenrechtsaktivistin trage mit ihrem Engagement dazu bei, eine bessere Welt zu schaffen, hieß es damals zur Begründung.

Die 23-Jährige Murad gehört der kurdischsprachigen Minderheit der Jesiden im Irak an, die von der IS-Miliz grausam verfolgt wird. Murad fordert ein internationales Tribunal zu den Verbrechen des IS. Nach ihren Angaben wurden rund 12.000 Jesiden Opfer der Miliz - Männer wurden getötet, Frauen und Mädchen als Sexsklavinnen ausgebeutet.

Beide wurden 2014 vom IS verschleppt

Das Schicksal der beiden jungen Frauen, die der religiösen Minderheit der Jesiden angehören, steht stellvertretend für das hunderter, wenn nicht tausender Frauen dieser kurdischsprachigen Volksgruppe im Irak: Im August 2014 fielen IS-Kämpfer in ihr Dorf Kocho ein, ermordeten zahlreiche Männer und entführten Frauen und Kinder. Wie andere Mädchen und Frauen wurden die damals 21 Jahre alte Murad und die nur 16 Jahre alte Aji Bashar nach Mossul verschleppt - nachdem zuvor mehrere Mitglieder ihrer Familie vor ihren Augen ermordet wurden. Dann wurden die jungen Frauen an Männer verkauft, die sie vergewaltigten und misshandelten.

Murad gelang es nach drei Monaten, ihren Peinigern zu entkommen. Über Griechenland gelangte sie nach Deutschland, wo sie heute im Exil lebt. Seither prangert die junge Frau unermüdlich die Verbrechen an den Jesiden an. Im September wurde sie zur UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Opfer von Menschenhandel ernannt, im Oktober erhielt sie bereits den Vaclav-Havel-Preis des Europarats.

Noch tragischer ist das Schicksal von Aji Bashar. Sie blieb 20 Monate lang in der Gewalt von IS-Milizen. Aji Bashar sei eine "bemerkenswert starke Person", sagt der Psychiater Jan Kizilhan, der die junge Jesidin in Deutschland behandelt. Sie habe Dinge erlitten, die er niemandem wünsche. Die Dschihadisten hätten die Jugendliche mehrfach an Männer verkauft, sie sei immer wieder vergewaltigt worden.

Nach mehreren misslungenen Fluchtversuchen konnte Aji Bashar schließlich mit zwei Freundinnen fliehen. Auf dem Weg zur Stadt Kirkuk trat eine der jungen Frauen auf eine Landmine und wurde getötet. Aji Bashar kam mit dem Leben davon, erlitt aber schwere Verbrennungen im Gesicht und verlor ein Auge. Heute lebt sie bei ihrer Schwester im Süden Deutschlands.

Murad warf der internationalen Gemeinschaft wiederholt vor, die Augen vor dem Schicksal der Jesiden zu verschließen. Diese seien heute Opfer eines Völkermordes, sagte sie am 10. Oktober bei der Preisverleihung im Europarat: "Doch die freie Welt reagiert nicht."

Vom Irak nach Deutschland

Ihr Weg aus den Fängen der Dschihadisten in ein neues Leben führte beide nach Deutschland. Das ist besonders einem Sonderprogramm der Landesregierung von Baden-Württemberg zu verdanken, in dem auch Murad Aufnahme fand. Seit 2015 kamen darüber etwa 1100 vom IS verfolgte Frauen und Kinder aus dem Nordirak, die meisten von ihnen Jesiden, nach Baden-Württemberg und wurden dort in mehr als 20 Städten und Gemeinden untergebracht. Das Land Baden-Württemberg übernimmt die Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Gesundheit. Dafür hat die Regierung in Stuttgart rund 95 Millionen Euro über drei Jahre bereitgestellt. Mit dem Geld werden die oft schwer traumatisierten Flüchtlinge auch psychologisch betreut.

Mit Unterstützung der baden-württembergischen Behörden bekam Aji Bashar 2016 ein Visum zur medizinischen Behandlung, nachdem das Kontingent des Sonderprogramms bereits ausgeschöpft war.

Reaktionen aus Brüssel

Josef Weidenholzer, Vizepräsident der sozialdemokratischen Fraktion (S&D), meinte in einer Aussendung zur Preisvergabe: "Das freut mich außerordentlich und ist ein wichtiges Zeichen, sowohl die Verbrechen an der jesidischen Minderheit, aber auch die unermüdliche und engagierte politische Arbeit der beiden Frauen stärker ins Bewusstsein zu rücken. (...) Die Frauen zeigen unglaublichen Mut und liefern mit ihren Erzählungen wichtige Beweise gegen die Verbrechen von Daesh." Noch immer seien tausende jesidische Frauen in den Händen von IS/Daesh. Jene, die befreit werden konnten, seien noch in Flüchtlingscamps im Irak, so Weidenholzer. "Mit der Auszeichnung soll auch politischer Druck erzeugt werden, diese Frauen zu finden und das Töten an den Jesiden als Genozid anzuerkennen."

Die grüne Europaabgeordnete und Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Ulrike Lunacek, kommentierte in einer Aussendung: "Diese Entscheidung stärkt alle Frauen, die sich gegen Unterdrückung und Versklavung einsetzen. Nadia Murad Basee und Lamiya Aji Bashar sind zwei von tausenden jesidischen Frauen und Mädchen, die vom IS verschleppt und sexuell versklavt worden sind. Die beiden konnten aus der Gefangenschaft entkommen und widmen sich seither unermüdlich und unerschrocken dem Kampf gegen diese Verbrechen. Damit geben sie allen Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, eine Stimme."

Der nach dem verstorbenen russischen Dissidenten und Physiker Andrej Sacharow benannte und mit 50.000 Euro dotierte Preis wird vom Europaparlament seit 1988 an Persönlichkeiten oder Organisationen verliehen, die sich für Menschenrechte und Demokratie einsetzen. Im vergangenen Jahr hatte der zu Haft und Peitschenhieben verurteilte saudi-arabische Blogger Raif Badawi die Auszeichnung erhalten. Verliehen wird der Preis am 14. Dezember.

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