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Nach Jetabschuss
11/26/2015

Russland will Türkei mit Sanktionen treffen

Erdogan verweigert Entschuldigung. Moskau nimmt Tourismus, Handel und Flugverkehr ins Visier.

Obwohl beide Seiten unterstreichen, sie wollten keine weiteren Spannungen, eskaliert der Streit nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei. Der russische Premier Medwedew kündigte am Donnerstag eine Reihe von Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei an. Er nannte etwa das Einfrieren gemeinsamer Investitionsprojekte sowie mögliche Einfuhrzölle. Die Liste "breit angelegter Maßnahmen" unter anderem im Tourismus, Handel und Flugverkehr soll bald vorliegen.

Wirtschaftsminister Uljukajew zufolge könnten die Sanktionen den Bau des ersten türkischen Atomkraftwerks treffen. Das rund 115 Mrd. Euro schwere Projekt ist derzeit der größte Auftrag der russischen Atomholding Rosatom. Auch die geplante Gaspipeline Turkish Stream könnte betroffen sein.

Milliardenschaden

Das Außenamt gab eine Reisewarnung für das bei Russen sehr beliebte Urlaubsland heraus. Zuvor hatten russische Reisebüros alle Türkei-Fahrten vorerst bis Jahresende annulliert. Der Türkei entstehe dadurch ein Schaden von zehn Milliarden US-Dollar, hieß es in Moskau.

Mehrere türkische Geschäftsleute sollen in Russland festgenommen worden sein. Gleichzeitig rüstet Moskau seine Truppen in Syrien weiter auf und setzt die von Ankara so heftig kritisierten Luftangriffe entlang der türkischen Grenze fort.

Nach wie vor stehen einander die türkische und die russische Version des Flugzeugabschusses gegenüber. Moskau betont, die SU-24 sei während des ganzen Fluges im syrischen Luftraum geblieben und von der türkischen Maschine ohne Vorwarnung abgeschossen worden. Der Kreml spricht sogar von einer geplanten Provokation.

Die Tonaufnahme eines türkischen Kampfpiloten, veröffentlicht vom Generalstab in Ankara, soll nach Angaben Ankaras beweisen, dass der Abschuss verhindert hätte werden können – durch ein Wendemanöver der russischen Maschine: "Sie nähern sich dem türkischen Luftraum", sagt eine Stimme auf Englisch. "Drehen Sie sofort Richtung Süden ab." Doch wenige Minuten nach dem Funkspruch aus der Kanzel der türkischen F-16 drückte der Pilot auf den Auslöser einer Rakete und holte die russische SU-24 vom Himmel.

Im Streit geht es aber um mehr. Immer deutlicher taucht die Frage auf, ob die Türkei ihre beanspruchte Rolle als wichtige regionale Führungskraft in Nahost auch gegen eine Weltmacht wie Russland durchsetzen kann – obwohl sie in hohem Maße von russischen Erdgaslieferungen abhängig ist.

Entschuldigen will sich der türkische Präsident Erdogan keinesfalls für den Abschuss. Er schwankt zwischen versöhnlichen Tönen und harten Worten. So beteuert er das Interesse seines Landes an "Frieden, Dialog und Diplomatie", greift aber gleichzeitig Kremlchef Putin scharf an. Putins Äußerung, die Türkei kaufe Ölexporte des "Islamischen Staates" und finanziere so den Terror, sei eine "Schande" sagte Erdogan. Zudem bekräftigte er den Vorwurf, Russland benutze den angeblichen Kampf gegen den IS nur als Vorwand, um gegen gemäßigte Rebellen vorgehen zu können, darunter die mit Ankara verbündeten Turkmenen.

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