Politik | Ausland
02.07.2017

Eine Odyssee von Somalia über Österreich nach Italien

In einem Flüchtlingslager bei Rom trifft man auf Schicksale, die von der Sahara bis Österreich führen.

Hamda aus Somalia hat eine Odyssee hinter sich. Nach einer lebensgefährlichen Flucht aus Somalia über Libyen und das Mittelmeer landete sie in Graz, wo sie ein Jahr lebte. Dort kam auch ihr mittlerweile eineinhalbjähriger Sohn Abdi zur Welt. Die junge Frau lernte bereits Deutsch – bis sie eines Tages nach Italien zurückgeschoben wurde, weil dort nach der Landung auf Sizilien ihre Fingerabdrücke abgenommen wurden.

An diesem drückend schwülen Nachmittag trifft der KURIER die junge Mutter in der vom Roten Kreuz betreuten Flüchtlingsunterkunft in der Via Frantoio an der nördlichen Peripherie Roms. "Ich habe keine Ahnung, wie es weitergeht. Ich warte und hoffe, dass Gott mir hilft", sagt sie gelassen.

Gerade wird Essen ausgeteilt, eine Cateringfirma hat Omelettes, Karottensalat und Pizza gebracht. Abdi streckt seine kleinen Hände aus und greift hungrig zu. Im Nebenraum schläft Hamdas neugeborene Tochter Annisa. Ihr Name bedeutet Freude.

Zur Mittagszeit treffen sich alle in der Mensa. Zur Zeit finden im voll belegten Lager 85 Leute Unterschlupf. Die meisten kommen aus Eritrea, Somalia, Mali, Gambia und bleiben einige Monate. Familien, junge Frauen, viele Männer stellen sich in der Schlange an.

"Jeder hier hat eine unglaubliche Geschichte, mit denen man Bücher füllen könnte", staunt Giorgio De Acutis, der örtliche Rot-Kreuz-Leiter. Er zieht an seiner Zigarette. Zuvor hat er noch ein paar Glimmstängel verschenkt an schnorrende "ospiti", seine Gäste, wie er die Leute im Camp nennt.

Demos gegen Afrikaner

An diesem Freitag macht sich Nervosität breit. Die Straßen vor dem rosa gestrichenen Rot-Kreuz-Haus wurden von der Polizei hermetisch abgeriegelt.

Am Nachmittag ruft die neofaschistische Bewegung Casa Pound zur Anti-Ausländer-Demo. Sie protestieren gegen die Vertragsverlängerung der Flüchtlingsunterkunft, die im Juni geschlossen werden sollte. Am anderen Straßenende haben sich die Unterstützer des Flüchtlingshauses versammelt.

"Die wahren Probleme des Viertels sind nicht die Migranten", betont eine Teilnehmerin. Tiburtino III zählt zu den sozial schwächsten Vierteln Roms. Jeder zweite hier ist arbeitslos, 25 Prozent der Jugendlichen sind Pflichtschulabbrecher, Drogenhandel und Kriminalität prägen den Alltag.

"Unsere Gäste machen keine Probleme im Viertel, es gab bisher weder Aggressionen noch Streit", erzählt De Acutis. "Wir wollen die Bewohner mit unseren Leuten zusammenzubringen. Wenn man sich kennt, gibt es weniger Probleme," weiß De Acutis aus Erfahrung. Er bittet die eritreischen Frauen, für "die uns wohlgesonnenen Demonstranten euren köstlichen Kaffee zuzubereiten".

Wer in einem der überfüllten offiziellen Auffanglager keinen Platz bekommt, findet bei Baobab Unterschlupf. Am Parkplatz der Piazzale Est der Bahnstation Tiburtina stößt man am Ende der Straße zwischen Autos und Müll auf ein brachliegendes Gebiet. "Hotel Afrika" nennt man inzwischen das einsturzgefährdete Gebäude. Hier hat der Flüchtlingsverein Baobab das neue Lager aufgeschlagen. Aktuell nächtigen hier 150 Männer großteils aus Eritrea, Somalia, Sudan. Auch ein paar minderjährige Burschen sind darunter.Paul von der Elfenbeinküste begrüßt die Helfer mit einer herzlichen Umarmung.

Hilfe über Facebook

"Du bist mein Engel", sagt der junge Afrikaner zu der Aktivistin Raffaella Bracale, die jeden Tag im Camp vorbeischaut. "Wir besorgen dreimal am Tag essen, alles von Freiwilligen über Facebook und Mundpropaganda organisiert", sagt Bracale.

Täglich gilt es 150 Essen zu besorgen, in Spitzenzeiten 500 Portionen täglich. In dem improvisierten Lager gibt es weder Strom, noch Wasser, noch ein Dach über dem Kopf und nur wenige Matratzen unter freiem Himmel in der prallen Sonne. "Wir arbeiten mit Ärzten, Psychologen und Juristen zusammen, die die Leute über ihre Rechte aufklären," sagt Bracale.

Die Eritreer, die vor der Diktatur fliehen, hätten Recht auf Aufnahme in das "Relocation"-Programm. Das interne EU-Umverteilungsprogramm scheitert jedoch in der Praxis.

Baobab wurde erst vor wenigen Tagen zum zwanzigsten Mal von der Polizei geräumt. "Sie warfen alles weg: Gespendete Zelte, Isomatten, Schlafsäcke und persönliche Gegenstände", ärgert sich Raffaella: "Wir beginnen jedes Mal wieder von Null."

Bei der letzten Razzia legte sich Paul vor das Auto der Exekutive. "Mein Blut ist genauso rot wie eures und nicht grün oder schwarz", verteidigt sich der Afrikaner gegen die Polizeiübergriffe.

Eine Gruppe vertreibt sich die Zeit beim Fußballspielen. Ein paar andere machen sich mit Plastikkanistern auf Richtung Wasserquelle, die sich einige hunderte Meter vom Camp weg befindet. Sie nutzen auf dem Weg die Kanister als Trommel und bewegen sich singend im Rhythmus: "Es ist nicht viel anders als in Afrika hier, wo wir weite Wege zur Wasserquelle zurücklegen. Rom ist ein hartes Pflaster" meint Ahmed, ein hühnenhafter Somalier.

Die Stadt Rom versagt bei der Flüchtlingsunterbringung kläglich. Nicht nur weil Bürgermeisterin Virginia Raggi keine Flüchtlinge mehr aufnehmen will. "Sie bekommt Geld vom Staat für die Unterbringung. Ich frage mich, wo das landet", ärgert sich Bracale. Der Rot-Kreuz-Mann pflichtet ihr bei: "Eine Drei-Millionen-Stadt kann durchaus 7000 bis 8000 Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, Schutz bieten". Von einem Notstand zu sprechen hält er für übertrieben. Ein Skandal hingegen sei, dass Leute auf der Straße landeten. So wie Hamda, die bis kurz vor der Niederkunft ihrer Tochter bei Baobab im Freien am Boden schlief.